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Befreiungsbewegungen

Nie wieder die andere Wange hinhalten

Selbstverteidigung und -bestimmung statt harmloser Appelle. Vor 60 Jahren wurde die »Black Panther Party for Self-Defense« gegründet

Foto: CIR Online/Wikimedia Commons
Eine Aktion von »Black Panther«-Mitgliedern in Seattle am 28. Februar 1969

Im Sommer 1969 fand in Oakland in der Bucht von San Francisco eine Konferenz antifaschistischer und antiimperialistischer Kräfte statt, die in der Forschung zur Black-Power-Bewegung in den letzten Jahrzehnten weitgehend vernachlässigt wurde. Die »Black Panther Party for Self-Defense« (BPP) hatte zu der viertägigen Tagung der »United Front Against Fascism« (UFAF), die am 18. Juli 1969 begann, zahlreiche Organisationen eingeladen.¹ Die mehr als fünftausend Teilnehmenden repräsentierten ein breites Spektrum der Bürger- und Menschenrechtsbewegung und der neuen Linken der USA.

Was diese Konferenz so bedeutend machte, hatte Parteigründer Bobby Seale dem Liberation News Service ein paar Tage zuvor erklärt. Die UFAF diene nicht nur dazu, »die Black Panther Party zu retten«, vielmehr gehe es darum, »alle Menschen und Organisationen« vor dem zu bewahren, was die »Machtstruktur der Schweine« gezielt der »Black Panther Party« antue. Diese Repression drohe »jeder Organisation, jeder Gewerkschaft, jeder Kirche und jeder Gruppe von Menschen (…), die ihre grundlegenden demokratischen Rechte als Waffe gegen Unterdrückung einsetzen«.

Knapp drei Jahre nach ihrer Gründung war die Lage der BPP zu diesem Zeitpunkt bereits äußerst prekär. Schätzungsweise drei Dutzend ihrer legalen Mitglieder waren durch Polizeikugeln getötet und sehr viele verhaftet worden. Der FBI-Chef und Kommunistenhasser J. Edgar Hoover führte mit seinen Agenten gegen die Partei einen unerklärten »Krieg an der Heimatfront«.²

Die Wut der Massen

Anfang der 1960er Jahre wollten sich die beiden jungen politischen Aktivisten Huey P. Newton und Bobby Seale aus Oakland nicht mehr damit zufriedengeben, dass die Bürgerrechtsbewegung die Lage der schwarzen Bevölkerung bis dato kaum verbessert hatte. Zwar waren formale Rechte erkämpft worden, doch hatte das keinen spürbaren Einfluss auf die Lebensbedingungen der großen Mehrheit der afroamerikanischen Bevölkerung. Armut, prekäre Wohn- und Ausbildungsbedingungen, schlecht bezahlte Jobs, große Arbeitslosigkeit, unbezahlte Sklavenarbeit von Tausenden Gefängnisinsassen sowie schlechte medizinische und Altersversorgung waren an der Tagesordnung. Vor allem aber machte die seit der Sklaverei verbreitete Polizeigewalt den schwarzen US-Amerikanern das Leben zur Hölle.

In den Ghettoaufständen der 1960er Jahre wurde die tiefe Spaltung der US-Gesellschaft durch den Rassismus deutlich.³ Nach dem Zweiten Weltkrieg waren über eine halbe Million Schwarze aus den ehemaligen Sklavenhalterstaaten im Süden und den verarmten Ghettos im Osten der USA an die kalifornische Westküste geflohen, besonders in die Metropolregionen von San Francisco und Los Angeles. Doch auch dort wurden sie weiterhin erbarmungslos rassistisch diskriminiert.

»Und dann kam Watts«, erinnert sich der Panther-Veteran und politische Gefangene Mumia Abu-Jamal in seinem Buch »We Want Freedom – Ein Leben in der Black Panther Party« an die »riots« in dem Stadtteil von Los Angeles.⁴ »Was zum gewaltsamsten städtischen Aufstand seit dem Zweiten Weltkrieg wurde, begann mit etwas, das in den afroamerikanischen Communities an der Tagesordnung war – mit brutalem Polizeiverhalten.« Wie der Bürgerrechtler weiter ausführt, gab es einer Statistik des National Advisory Committee on Urban Disorders zufolge in dieser Zeit »123 größere und kleinere Aufstände oder ›Krawalle‹«, bei denen 83 Menschen starben. »Die Mehrheit der getöteten oder verletzten Personen waren schwarze Zivilisten«, so das Advisory Committee. »Wir hatten erlebt, wie Martin Luther King nach Watts gekommen war, um die Leute zu beruhigen«, erläuterte Huey P. Newton in seinem Buch »Revolutionary Suicide« 1973, »und wir hatten erlebt, wie seine Philosophie der Gewaltlosigkeit abgelehnt wurde«. »Aber wozu war die Gewaltlosigkeit gut, wenn die Polizei entschlossen war, mit Gewalt zu regieren?«⁵

Es musste also etwas geschehen, um den herrschenden Eliten die Grenzen ihrer mit Gewalt durchgesetzten Staatsdoktrin von der weißen Überlegenheit aufzuzeigen. Am 15. Oktober 1966 gehörten Huey P. Newton und Bobby Seale in Oakland zu den Gründern der »Black Panther Party for Self-Defense«. Abu-Jamal nennt sie »die Antwort auf die massive Gewalt gegen Schwarze«, die eine Möglichkeit bot, »die daraus resultierende Wut der Massen zu einer zusammenhängenden politischen Bewegung zu bündeln und zu organisieren«.⁶ Vor allem bei schwarzen Jugendlichen in den Ghettos traf die Partei auf Anhieb einen Nerv: Sie wollten sich endlich nicht länger vor den rassistischen »Pigs« (Bullen) verstecken und sich nicht mehr dem christlichen Credo der in ihren Augen gezähmten schwarzen Bürgerrechtsbewegung von Pastor Martin Luther King unterordnen und »auch die andere Wange hinhalten« müssen.

Mit den ihr zuströmenden Mitgliedern baute die BPP von ihrem ersten Büro in Oakland ausgehend zügig weitere Ortsgruppen in den nahegelegenen Großstädten auf. Diese setzten das zentrale Element ihrer Praxis um – Selbstverteidigung: Schwarzgekleidet und mit Barrets auf dem Kopf, ausgerüstet mit Schrotflinten und Patronengürteln, patrouillierten BPP-Gruppen fortan durch die Straßen von Oakland, um die ausschließlich weißen Polizeistreifen zu beobachten. Sie lasen den Cops die Gesetze vor, die ihnen das Tragen von Waffen erlaubten, und verkündeten den schwarzen Bürgerinnen und Bürgern laut und deutlich, welche Rechte sie gegenüber der Polizei haben.

Wer darf sich verteidigen?

Die Polizeikräfte verhielten sich in der Regel defensiv und zogen sich zurück. In den von der BPP kontrollierten Straßen nahm die Polizeigewalt spürbar ab. Die Staatsführung war alarmiert und ergriff im Eilverfahren Gegenmaßnahmen. Anfang Mai 1967 wurde im kalifornischen Parlament das Gesetz A. B. 1591, der sogenannte Mulford Act, eingebracht. Autor des Gesetzentwurfs war der republikanische Abgeordnete David »Don« Mulford (1915–2000) aus Oakland. Das Gesetz sah vor, das »Mitführen von Schusswaffen am Körper oder in einem Fahrzeug an öffentlichen Orten oder auf öffentlichen Straßen« zu verbieten. Unterstützt wurde die Initiative von den Waffenlobbyisten der National Rifle Association (NRA) und ihrem engsten Verbündeten, dem damaligen republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan. Die Propagandisten der mächtigen US-Waffenindustrie schlugen Töne gegen die Panthers an, die völlig ihrem eigenen, quasi religiösen Beharren auf dem Zweiten Zusatzartikel der US-Verfassung widersprachen. Dieser besagt, »das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen«, dürfe »nicht eingeschränkt werden«. Demgemäß hatte die NRA am 1. Mai 1967, dem Tag vor der Parlamentsdebatte über den Mulford Act, ihr Verbandsmagazin American Rifleman noch mit dem Leitartikel »Who Guards America’s Homes« aufgemacht. Dessen Stoßrichtung wurde von den US-Medien allgemein als Befürwortung der bewaffneten Selbstverteidigung von jedermann interpretiert.

Anstatt die Öffentlichkeit gegen die »Police Patrols« der BPP aufzubringen, verhalf das Gesetz der Partei allerdings ein halbes Jahr nach ihrer Gründung eher zu einem festen Platz »in Herz und Bewusstsein von Millionen Menschen im ganzen Land«, wie Abu-Jamal es formuliert. Denn für den 2. Mai 1967, den Tag der ersten Lesung des Mulford-Gesetzes im California State Capitol in Sacramento, der Hauptstadt des Bundesstaates Kalifornien, hatte die BPP eine Aktion geplant, die ihrer Programmatik der Selbstverteidigung entsprach. Laut Sitzungsprotokoll betraten vor Beginn der Plenarsitzung 26 bewaffnete Männer und Frauen der BPP in ihrer typischen schwarzen Kleidung das Gebäude, das sowohl Sitz des Parlaments als auch Amtssitz des Gouverneurs ist. Sicherheitskontrollen gab es damals nicht.

Sie marschierten geschlossen die Eingangstreppe hinauf zum Plenarsaal im zweiten Stock, um vor den Parlamentariern aus Protest gegen das Mulford-Gesetz das »Exekutivmandat Nr. 1« der BPP zu verlesen. Eine solche Abordnung schwarzer »Lobbyisten« hatte die Presse noch nie zuvor in den heiligen Hallen der kalifornischen Legislative gesehen. Das ikonische Bild von bewaffneten Schwarzen, die uniformiert, diszipliniert und entschlossen für ihre Rechte eintreten, ging um die Welt und brannte sich ins kollektive Bewusstsein ein.

Polizisten blockierten den Plenarsaal und versuchten, die Panthers zu entwaffnen, was jedoch nur zum Teil gelang. Die Aktivisten protestierten, dass das geltende Recht in Kalifornien ihnen das Tragen von Waffen erlaube, solange diese nicht verdeckt mitgeführt oder auf Personen gerichtet würden. Nach einigem Hin und Her händigten die Polizisten ihnen die Waffen wieder aus, »da die Eindringlinge kein Gesetz gebrochen hatten«, wie später berichtet wurde. Da sie ihre Erklärung nicht verlesen konnten, zogen sich die Panthers zurück und Bobby Seale verlas den Text vor Unterstützern und Reporterteams vor dem Kapitol. Darin hieß es, die BPP rufe »das amerikanische Volk im allgemeinen und die schwarze Bevölkerung im besonderen dazu auf, die rassistische kalifornische Legislative aufmerksam zu beobachten«, weil sie ein Gesetz erwäge, um »die schwarze Bevölkerung entwaffnet und machtlos zu halten«. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, »in der rassistische Polizeibehörden im ganzen Land die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung mittels Terror, Brutalität und Mord verstärken«.⁷

Mumia Abu-Jamal, der als 15jähriger 1969 zu den Gründern der BPP-Ortsgruppe in Philadelphia gehörte, zitiert in seinem Buch weitere Passagen dieser Erklärung. Schwarze hätten »gefleht, gebetet, Petitionen eingereicht, demonstriert und noch viel mehr, um das rassistische Machtgefüge dazu zu bringen, das Unrecht zu korrigieren«, das ihnen angetan wurde. Die Reaktion sei jedoch »noch mehr Repression, Betrug und Heuchelei« gewesen. Das entspreche der Eskalation der »Angriffe der rassistischen US-amerikanischen Regierung in Vietnam«. Während Polizeistreifen Menschen mit Polizeihunden und elektrischen Viehtreiberstöcken attackierten, stellten sich die Bürgermeister taub gegenüber den Forderungen, den Polizeiterror zu beenden. Deshalb sei die Zeit reif, »dass schwarze Menschen sich gegen den Terror bewaffnen, bevor es zu spät ist«. Das geplante Mulford-Gesetz bringe sie dem Untergang einen Schritt näher, weshalb die BPP davon überzeugt sei, dass sich die schwarzen Communities vereint erheben müssten.⁸

Exponentielles Wachstum

Erst nach Verabschiedung des Gesetzes reagierte Don Mulford im Juni auf die Kritik an seiner Initiative und erklärte, sie habe »keinerlei rassistische Untertöne«. Das Gesetz sei »speziell mit Hilfe der National Rifle Association ausgearbeitet« worden, um »unser verfassungsmäßiges Recht auf Waffenbesitz zu schützen und gleichzeitig den Strafverfolgungsbehörden zu helfen«. Diese hätten das Gesetz gefordert, um gegen bewaffnete Bürgergruppen vorzugehen, die mit geladenen Waffen auf öffentlichen Straßen und Plätzen unterwegs sind.⁹ Aufgrund des Gesetzes gegen die »Police Patrols« der Panthers stellte FBI-Chef Hoover öffentlich klar, er werde künftig »sicherstellen, dass schwarze nationalistische Hassgruppen genauer unter die Lupe genommen werden«.

Gegen die Stigmatisierung seiner Partei als »nationalistische Hassgruppe« beschrieb Bobby Seale die Organisation laut dem in Sacramento erscheinenden Amtsblatt Capitol Weekly als »eine Organisation, die die schwarze Bevölkerung vertritt, mit der sich viele weiße Radikale identifizieren und die verstehen können, dass die Black Panther Party eine gerechte revolutionäre Front gegen dieses rassistische und dekadente kapitalistische System ist«. Er schloss mit den Worten »Power to the People – Alle Macht dem Volk«.

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Die Aktion in Sacramento machte nicht nur in den bürgerlichen Medien Schlagzeilen. Auch die Parteizeitung The Black Panther berichtete ausführlich darüber, so dass in den noch analogen Zeiten alle Ortsgruppen informiert wurden. Sacramento hatte die Partei schlagartig bekannt gemacht, erinnert sich Abu-Jamal. Er hatte wie andere Panthers auch sein journalistisches Handwerk bei der Parteizeitung in Oakland erlernt. Das zwanzigseitige Blatt erschien seit April 1967 zunächst unregelmäßig, ab 1968 als Wochenzeitung und wurde von den Mitgliedern landesweit im Straßenverkauf vertrieben. In der Hochzeit der Partei hatte das Blatt eine Auflage von 250.000 gedruckten Exemplaren. Auch in Westeuropa bezogen linke Buchläden, Organisationen und Medien wie das Westberliner Rebellenblatt Agit 883 die Zeitung per Luftpost.

The Black Panther war nicht nur ein Agitprop- und Nachrichtenorgan für die Öffentlichkeit, sondern auch ein Diskussions-, Schulungs- und Organisationsmedium für die Entwicklung des politischen Programms der BPP, ihrer Praxis vor Ort sowie ihrer Bündnisarbeit mit anderen Organisationen. Nach den Berichten über Sacramento erhielt die Partei laut Abu-Jamal »massenhaft Anträge von jungen Frauen und Männern aus dem ganzen Land«, die Ortsgruppen gründen wollten. Kaum ein Jahr alt, sei die Partei rasch und in den nächsten drei Jahren »geradezu exponentiell« gewachsen. Sie breitete sich von Oakland über Richmond und San Francisco bis nach Los Angeles aus. »Von Kalifornien aus entfalteten sich ihre Ableger in jeder schwarzen Community« der USA. Der jugendliche Elan der Panthers und ihr Widerstandsgeist waren überall willkommen, wo Schwarze gegen die miesen Verhältnisse aufbegehrten. Laut Abu-Jamal fand die BPP »in über vierzig Städten« Anhänger und Anhängerinnen, die sich in »Zweigstellen und Informationszentren im ganzen Land, den sogenannten Büros der United Front Against Fascism«, organisierten.¹⁰

Der Aufruf zur bewaffneten Selbstverteidigung war nur einer der zehn Grundsätze der Partei, die Newton und Seale im Oktober 1966 festhielten. Seitdem wurde das Zehnpunkteprogramm landesweit als Flugblatt verbreitet.¹¹ Im Zentrum stand die Selbstbestimmung der schwarzen Bevölkerung in allen Lebensbereichen: Wohnen, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Kultur. Ab 1968 wurde die Kampagne »Free Breakfast for Children« zur Frühstücksversorgung schwarzer und puertoricanischer Schulkinder umgesetzt. Das »Panther Free Food Program« verteilte an bedürftige Ghettobewohner »Panther Bags« mit Lebensmitteln.

Im Sommer 1969 erhielten bereits über 10.000 Kinder in etwa drei Dutzend Städten vor der Schule ein nahrhaftes Frühstück. Weil die Initiative der Panthers überall im Land großen Anklang fand, begann die Polizei, diese soziale Kampagne durch willkürliche Festnahmen von Organisationskräften zu stören und durch überfallartige »Verkehrskontrollen« von Fahrzeugen, die Spenden von Supermärkten und Pfarrgemeinden abholten. Vereinzelt stürmten bewaffnete Polizisten auch Frühstücksräume in Kirchen und leerstehenden Läden, vernichteten Lebensmittel und terrorisierten Kinder und Eltern, um sie von der Teilnahme abzuhalten.

Frauen in der Mehrheit

Die Stärke der BPP beruhte auch darauf, dass aktive Frauen die Mehrheit stellten und patriarchale Strukturen sowohl in der Gesellschaft als auch in der Partei in Frage stellten.¹² Eine von ihnen war die New Yorkerin Assata Shakur. Als junges Mitglied der BPP nahm sie am Frühstücksprogramm und dem Aufbau der Partei in Harlem teil. In ihrer Autobiographie »Assata« erinnerte sie sich: »Ich spürte die Repression anfangs nicht sehr stark. Ich wusste, dass die Partei attackiert wurde, hatte aber nicht das geringste Gefühl, dass diese Bedrohung sehr nah war; sie schien eher permanent im Hintergrund präsent zu sein.« Vor allem die Hetze in den Medien, die Partei sei »rassistisch und gewalttätig«, empörte die junge Genossin, denn in Wahrheit war es doch genau umgekehrt. »Wenn die Polizei ein Büro der Panthers stürmte, sofort schoss und erst hinterher Fragen stellte, stand am nächsten Tag ganz groß in der Presse, die Polizei habe ein Waffenlager ›entdeckt‹.« Wenn sich später herausstellte, dass das »Waffenlager« aus ein paar legal registrierten Gewehren bestanden hatte, wurde das von der Presse verschwiegen. »Niemand regt sich darüber auf, wenn Weiße Waffen besitzen, wenn aber ein Schwarzer eine Waffe hat, dann ist da bestimmt etwas Kriminelles im Spiel«, kommentierte Shakur. Schwarze sollten eben nur dann eine Waffe zur Hand haben, wenn sie die Drecksarbeit für das weiße Amerika erledigten oder in Kriege im Ausland geschickt wurden.

Weiße hingegen durften ihre Waffen gegen Schwarze einsetzen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Shakur erlebte es am eigenen Leib. Sie wäre 1973 bei ihrer Verhaftung fast getötet worden, als Polizisten die Unbewaffnete niederschossen, die mit erhobenen Händen vor ihnen stand. Angesichts der zunehmenden Gewalt von Polizei, Ku-Klux-Klan und anderen Rassisten war auch sie überzeugt, dass es »reiner Selbstmord ist, wenn Schwarze keine Waffe besitzen und nicht wissen, wie man damit umgeht«.¹³

Die US-Regierung und allen voran Hoover wollten das Erstarken der BPP auch wegen deren Solidarität mit den Befreiungsbewegungen und dem revolutionären Kuba sowie wegen ihres Eintretens für ein freies Palästina unbedingt verhindern. Gerade in der Zeit, als offenbar wurde, dass die hochgerüstete US-Armee die Nationale Befreiungsfront Vietnams nicht in die Knie zwingen konnte, begann Washington zu fürchten, die BPP und die gesamte schwarze Freiheitsbewegung könnte sich zu einer zweiten Front im eigenen Land entwickeln.

Doch die Panthers ließen sich nicht beirren; im Gegenteil, immer mehr junge Aktivistinnen und Aktivisten engagierten sich in den sich ausweitenden Sozialprogrammen in den Communities und für den Aufbau der Partei. Gleichzeitig bauten sie Netzwerke für ihre eigene Versorgung mit Essen, Kleidung und Büchern – ihrem wichtigsten geistigen Nahrungsmittel – auf. Viele neue Mitglieder fanden in Panther-WGs ein Dach über dem Kopf. Kollektiv organisierten sie ihre politische Schulung in Lese- und Diskussionszirkeln. Frantz Fanons Buch »Die Verdammten dieser Erde« gehörte zur Standardlektüre. Sie gründeten Liberation Schools, in denen Kinder und Jugendliche gemeinsam ihre Geschichte, Herkunft und afrikanische Kultur kennenlernten und einübten, sich aktiv zum Wohl ihrer Gemeinden einzusetzen. In »Free Health Clinics« wurden Kranke kostenlos von Freiwilligen behandelt, die im staatlichen Gesundheitswesen arbeiteten und ihr Wissen in den Dienst der freien BPP-Gesundheitszentren stellten.

Unterstützung für alleinerziehende Mütter, kostenlose Rechtsberatung für alle und Freiheitskampagnen für die politischen Gefangenen waren integraler Bestandteil der täglichen Arbeit. Für Familien der politischen und sozialen Gefangenen wurden Fahrdienste zu den oft weit entfernt liegenden Gefängnissen organisiert. Gegen alle Formen der Vernachlässigung und Unterdrückung im Alltag organisierten die Ortsgruppen Proteste, gingen gegen Mietwucher der »Slumlords« genannten Hausbesitzer vor und boykottierten weiße Ladenbesitzer, die Schwarze mit überteuerten Waren betrogen und sie ins Elend stürzten.

Eine nur scheinbare Niederlage

Je aktiver und größer die Partei wurde, desto stärker wurden die Angriffe des Staates. Der Druck wuchs immens, Verhaftungswellen und tödliche Polizeirazzien nahmen zu. Viele Panthers tauchten unter oder mussten ins Exil gehen. Polizeispitzel und geheimdienstlich gestreute Falschinformationen des FBI bewirkten Misstrauen und Spaltungen in der Partei, die sich schließlich bis Mitte der 1970er Jahre größtenteils auflöste. Übrig blieb am Ende für einige Zeit die Ortsgruppe in Oakland. Schließlich zeigte sich auf dramatische Weise, wie dringend der Warnruf der eingangs erwähnten Konferenz der »United Front Against Fascism« vom Juli 1969 gewesen war.

Wie sich jedoch in den folgenden Jahrzehnten herausstellte, war die Auflösung der »Black Panther Party« nur ein scheinbarer Sieg des Imperiums. Das Vermächtnis der BPP – Massenwiderstand zu organisieren, solidarische Strukturen gegenseitiger Hilfe und entschlossener Gegenwehr zu schaffen – verhalf auch der »Black-Lives-Matter«-Bewegung zu ihrer Stärke im Kampf gegen rassistische Polizeigewalt. Die im vergangenen Jahr in ihrem kubanischen Exil verstorbene Assata Shakur war und ist eines der Vorbilder der neuen Generation. Ihre »Erklärung an mein Volk«, die sie im Juli 1973 im Knast schrieb und die seitdem bei vielen Bewegten im Land kursiert, steht nach wie vor für den revolutionären Geist der »Black Panther Party«: »Ich habe den Reichen den Krieg erklärt, die an unserer Armut verdienen, den Politikern, die uns lächelnd belügen, und all den geist- und herzlosen Robotern, die diese Leute und deren Besitz schützen«, erklärte die Freiheitskämpferin und schloss mit den Worten: »Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten!«¹⁴

Anmerkungen

1 Vgl. Jeanelle K. Hope, Bill V. Mullen: Black Antifascism – Widerstand in den USA, Köln 2026, S. 171 ff.

2 Jürgen Heiser: »Krieg an der Heimatfront«, junge Welt vom 15.2.2012

3 Vgl. Jürgen Heiser: »Aufbegehren gegen Willkür«, junge Welt vom 9.8.2025

4 Mumia Abu-Jamal: We Want Freedom – Ein Leben in der Black Panther Party. Münster 2012, S. 70

5 Ebd., S. 97

6 Ebd., S. 71

7 Tageszeitung The Sacramento Bee: »Capitol is Invaded«, Spätausgabe vom 2.5.1967

8 Abu-Jamal, a.a.O., S. 74 f.

9 Duke Center for Firearms Law: »The Black Panthers, NRA, Ronald Reagan, Armed Extremists, and the Second Amendment«, siehe: https://firearmslaw.duke.edu/2020/04/the-black-panthers-nra-ronald-reagan-armed-extremists-and-the-second-amendmend

10 Abu-Jamal, a.a.O., Seite 75 und 32

11 The Ten-Point-Program, siehe: https://www.marxists.org/history/usa/workers/black-panthers/1966/10/15.htm

12 Siehe Stephen Shames und Ericka Huggins: Comrade Sisters – Women of the Black Panther Party. Woodbridge, Suffolk, UK 2022

13 Assata Shakur: Assata – Eine Autobiographie. Bremen 2003, S. 280f.

14 junge Welt vom 01.11.2025

→ Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Februar 2026 über den Versuch der Trump-Regierung, Erinnerungspolitik zu unterdrücken: »Washingtons Sklaven«

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.10.2026, Seite 12, Thema

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