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Aus: Ausgabe vom 16.07.2022, Seite 14 / Thema
USA

Sprung in die Freiheit

Der Revolutionärin Assata Shakur zum 75. Geburtstag. 1979 floh die Black-Panther-Aktivistin aus dem US-Gefängnis nach Kuba
Von Jürgen Heiser
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»Freiheitskämpferin« – Wandbild für Assata Shakur (Los Angeles/USA, 4.12.2020)

An diesem Sonnabend feiert die afroamerikanische Freiheitskämpferin Assata Shakur ihren 75. Geburtstag unter der roten Sonne Havannas. Doch es hätte auch anders kommen können. Die unermüdliche Organisatorin der Black Panther Party (BPP) in Harlem (New York) hätte es ähnlich treffen können wie ihren Parteigenossen Mumia Abu-Jamal aus Philadelphia, der noch immer in der Zelle eines US-Staatsgefängnisses eingesperrt ist. Der damals 27jährige Journalist wurde 1981 wegen eines untergeschobenen Polizistenmordes verhaftet, obwohl er selber von rassistischer Polizeigewalt betroffen war.¹ Für Black Panther gab und gibt es in den USA weder Recht noch Gnade.

»Keine Terroristin«

Dass die am 16. Juli 1947 in Queens (New York) Geborene ihren Geburtstag in Freiheit feiern kann, hat sie den Errungenschaften der Kubanischen Revolution und der revolutionären Regierung Kubas zu verdanken. Wie die Agentur AP am 11. Mai 2005 anlässlich wiederholter Auslieferungsersuchen der USA meldete, habe Kubas Präsident Fidel Castro am Vortag bei einer öffentlichen Ansprache in Havanna deutlich gemacht, dass Shakur »ein Opfer rassistischer Verfolgung und keine Terroristin« sei, »wie von US-Beamten behauptet«. Sie zur »Terroristin« zu erklären, sei »eine Ungerechtigkeit, eine Brutalität, eine infame Lüge«. Shakur sei vielmehr »ein Opfer der heftigen Repression gegen die Schwarzenbewegung in den Vereinigten Staaten«, so Castro, und »eine echte politische Gefangene«. Die US-Behörden hätten sie »immer gejagt und nach ihr gefahndet, weil es einen Vorfall gab, bei dem ein Polizist starb«, so Castro mit Bezug auf Shakurs klare Aussage, sie habe den Polizisten nicht erschossen.

Seit 1984 lebt und arbeitet Shakur in Kuba, weil die sozialistische Republik ihr politisches Asyl gewährte, nachdem sie 1979 durch eine clevere Aktion aus einem US-Gefängnis befreit worden war. Wäre sie nicht geflohen, dann ginge es ihr gegenwärtig nicht anders als ihrem Genossen Mumia. Denn auch sie war aufgrund der seit Ende der 1960er Jahre für Black Panthers obligatorischen Musteranklage »Polizistenmord« verurteilt und am 25. März 1977 zu »lebenslänglich plus 33 Jahre Haft« verurteilt worden.

Sie musste damals befürchten, die Haft nicht zu überleben, wie sie 1998 in einem Interview der Journalistin Karen Wald erklärte. 1978 war sie in ein Frauengefängnis in West Virginia verlegt worden. Dort sei sie »als einzige Schwarze mit weißen Frauen zusammengesperrt worden, die der »Aryan Sisterhood« angehörten: »Die liefen mit Hakenkreuzen auf ihren Jeans herum und machten Fotos von sich, auf denen sie den Hitlergruß zeigten.« Es waren »etwa 15 Mitglieder der ›Aryan Sisterhood‹, der Schwesterorganisation der Arischen Bruderschaft, einer Neonaziorganisation, die für ihr ›Abfackeln‹ berüchtigt war«. Sie hätten bei schwarzen Mitgefangenen »eine brennbare Substanz in die Zelle und dann ein Streichholz hinterher geworfen«, so Shakur.

Doch sie schaffte es, mit Unterstützung von draußen den »Weg der Maroons« einzuschlagen, den Weg ihrer Vorfahren, die sich dem Joch der Sklaverei durch Flucht entzogen und sich gemeinsam mit indigenen Ureinwohnern Nordamerikas befreite Gebiete aufbauten.² Nach ihrer Befreiung aus dem Frauengefängnis in Clinton im US-Bundesstaat New Jersey und einer von rücksichtsloser Gewalt geprägten Fahndung entzog Shakur sich erfolgreich ihren Häschern und blieb jahrelang verschwunden. Bis heute steht sie ganz oben auf der Fahndungsliste der »zehn Meistgesuchten« der US-Bundespolizei FBI.

Dass die politische Gefangene Assata Shakur am 2. November 1979 aus dem Clinton-Gefängnis entkommen konnte, war eine Niederlage nicht nur für die Knastleitung und ihr gescheitertes Sicherheitskonzept, sondern vor allem für die Special Agents des FBI, die von ihrem Chef J. Edgar Hoover ganz auf den Krieg gegen die Panthers eingeschworen worden waren. Mit der unblutigen Befreiungsaktion wurde die politische Militante Assata Shakur – bürgerlicher Name JoAnne Deborah Chesimard, geborene Byron – im In- und Ausland bekannt.

In einem undatierten offenen Brief aus Havanna brachte Shakur die damalige Situation auf den Punkt. Unter der Überschrift »Assata: In ihren eigenen Worten« erklärte sie: »Mein Name ist Assata (›die Kämpfende‹) Olugbala (›für das Volk‹) Shakur (›die Dankbare‹). Ich bin eine entlaufene Sklavin des 20. Jahrhunderts. Aufgrund der Verfolgung durch den Staat blieb mir keine andere Wahl, als zu fliehen und mich der gegen uns Schwarze gerichteten politischen Repression, dem Rassismus und der von Gewalt beherrschten Politik des Staates zu entziehen.« Der Staat habe alles in seiner Macht Stehende getan, um sie zu kriminalisieren, seit sie sich in den 1960er Jahren am schwarzen Freiheitskampf, an der Studentenbewegung und am Kampf gegen den Vietnamkrieg beteiligt hatte. »Ich trat der Black Panther Party bei. Bis 1969 war diese Partei die wichtigste Organisation, die im Visier des ›Cointelpro‹-Programms des FBI stand.«³ FBI-Chef Hoover habe die BPP als »größte Bedrohung für die innere Sicherheit des Landes« bezeichnet und geschworen, sie zu vernichten.

»Assata is welcome here!«

Dem Verfasser, der sich im Herbst 1979 in San Francisco aufhielt, war es vergönnt, in vorwiegend von Schwarzen und Latinos bewohnten Nachbarschaften die Begeisterung über die geglückte Befreiung Shakurs mitzuerleben. Die gesprühte oder auf Plakate gedruckte Parole »Assata is welcome here!« tauchte vielerorts auf. Mit dem Willkommensgruß für Assata wurden auch Fahndungsplakate des FBI überklebt.

In den internationalistischen Zirkeln der Bundesrepublik der 1970er Jahre war Shakur nicht gänzlich unbekannt. Der Düsseldorfer »Arbeitskreis Antiimperialistische Solidarität« (AKAS) hatte um 1977 damit begonnen, Materialien der Klassen- und Befreiungskämpfe Nordamerikas und der Karibik zu veröffentlichen. In der Broschüre »Pass dich an oder stirb – Gehirnwäsche in US-Knästen«⁴ wurde nicht nur der aktuelle Stand der ursprünglich vom US-Militär betriebenen Isolationsforschung analysiert. Im Kapitel »Neue Knäste für ›gewalttätige‹ Frauen« wurde auch die politische Gefangene Shakur erwähnt, weil für sie und andere Frauen aus – laut Staatsschutz – »subversiven Organisationen« die Unterbringung in neuen Hightechgefängnissen geplant war, um sie dort »speziellen Programmen der Verhaltensänderung«, sprich Gehirnwäsche, zu unterwerfen.

Auch in der DDR und verbündeten sozialistischen Ländern war seit dem Freispruch der schwarzen US-Kommunistin Angela Davis eine Sensibilisierung feststellbar. So war in der Zeitschrift Probleme des Friedens und des Sozialismus im September 1978 unter der Überschrift »Neue Materialien, die den Imperialismus entlarven« zu lesen: »Opfer einer Polizeiverschwörung. Zu lebenslänglicher Haft verurteilt ist die 30jährige Schriftstellerin, Geschichtsdozentin, die aktive Kämpferin für die Rechte der Afroamerikaner, Assata Shakur, die 1973 aufgrund einer falschen Anschuldigung ins Gefängnis geworfen wurde.«⁵

Nach Shakurs Befreiung veröffentlichte der AKAS in der Nummer fünf seiner Jahresschrift Im Herzen der Bestie im September 1980 die zunächst noch spärlichen Informationen über Shakurs Befreiung. Immer wieder wurde über die Suche nach ihr berichtet. Die Fahnder schoben Frust, weil sie Shakur nicht aufspüren konnten, traten Wohnungstüren ein und verwüsteten Wohnungen vor allem von schwarzen Frauen.

»Opfer von Amerika«

Erst mit großer Verzögerung erreichte den AKAS eine Botschaft von Assata Shakur mit dem Titel »From Somewhere in the World: Assata Shakur Speaks«. Sie stammt vom November 1980. Bevor sie gedruckt verbreitet wurde, kursierte sie in den USA schon auf Tonbandkassetten. Teile der Audiobotschaft wurden auch von mutigen Black Radios ausgestrahlt. Shakur eröffnete mit dem Suaheli-Wort für Freiheit:

»Uhuru, Schwestern und Brüder. Als erstes möchte ich sagen, dass ich euch liebe, und als zweites, dass wir siegen können. Wir werden unsere Befreiung erringen. Aber unsere Befreiung erringen wir nur, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir gewinnen können, sonst sind wir geschlagen, bevor es losgeht. Wir müssen erkennen, welche Gefahren bestehen und sie realistisch einschätzen, müssen Hindernisse, die unserer Befreiung im Wege stehen, kühl und klar betrachten und Wege entwickeln, diese Hindernisse zu beseitigen. Im Moment ist es das Wichtigste auf der Welt, dass wir für unsere Befreiung und unsere Nation kämpfen.«

In Shakurs Worten spiegelte sich ihre persönliche sowie die generelle Erfahrung von Schwarzen in den USA wider. Die Geschichte habe gezeigt, dass Befreiung »niemals durch Parlamente, durch Gerichte oder die Integration in die Gesellschaft der Weißen zu erreichen« sei. Es sei ebenso klar, »dass wir unsere Befreiung nicht durch Wahlen gewinnen können, indem wir für das kleinere Übel stimmen«. Um wirkliche Befreiung zu erreichen, brauche es »einen wohlüberlegten soliden Plan«, denn »wir sind keine Bürger von Amerika, wir sind Opfer von Amerika und haben ein Recht darauf, unser eigenes Schicksal zu bestimmen«. Jeder, der dem widerspreche, sei »entweder ein rassistischer Hund oder ein Onkel Tom der schlimmsten Sorte«. Abschließend dankte Shakur »den vielen Schwestern und Brüdern, die mir ihre Türen und Herzen geöffnet haben, die täglich ihr Leben riskierten, um mich zu beherbergen und um mir zu helfen, unsere ›Underground Railroad‹ aufzubauen. Wir werden siegen!«

Wie in den Zeiten der Sklaverei des 19. Jahrhunderts konnte Shakur sich auf Strukturen in der Black Community verlassen, die auch nach Auflösung der BPP im Jahr 1982 weiter funktionierten. Washington hat seit der Kubanischen Revolution die Inselrepublik eingekesselt und mit der unmenschlichen Blockade belegt. Es war für Shakur also nicht einfach, das US-Festland zu verlassen, um nach Kuba zu gelangen. Aber sie schaffte es, den »sicheren Hafen« Havanna zu erreichen.

Erst durch die Veröffentlichung ihrer Autobiographie⁶ im Jahr 1987 wurde öffentlich bekannt, dass sie nach Kuba geflohen war. »Freiheit. Ich konnte kaum glauben, dass es Wirklichkeit war, dass der Alptraum vorbei und der Traum endlich in Erfüllung ging. Ich war in Hochstimmung«, schrieb sie im Nachwort zu ihrer Lebensgeschichte. Die musste zuerst in London erscheinen, weil US-Verlage mit Repressalien rechnen mussten, wenn sie das Buch einer Ausbrecherin veröffentlichen würden, die in Kuba politisches Asyl erhalten hatte.

Als das Bremer Projekt Agipa-Press⁷ mit dem Londoner Verlag über die deutschen Veröffentlichungsrechte der Autobiographie verhandelte, sah die linke Szene im Umfeld des Projekts ein ganz anderes Problem: »Warum wollt ihr das Buch überhaupt machen? Die Frau kennt doch hier keiner!« Die Realität strafte die Zweifler Lügen. Schon die erste Auflage von 3.000 Exemplaren, die im Sommer 1990 erschien, löste großes Interesse aus. Leserinnen schrieben, es habe schon lange kein aktuelles Buch über die Lage der afroamerikanischen Bevölkerung und den unvermindert herrschenden Rassismus in den USA gegeben. Eine begeisterte Leserin schrieb, sie habe ihrem neugeborenen Mädchen den Namen Assata gegeben. Die Auflage war innerhalb eines halben Jahres vergriffen. Es folgten drei weitere Auflagen in den 1990er und 2000er Jahren.⁸

Geschrieben hatte Shakur ihre bis heute in viele Sprachen übersetzte Autobiographie in Kuba, nachdem sie dort »den ganzen Knasthorror und all die furchtbaren Erfahrungen«, die sie in den sechs Haftjahren verdrängen musste, überwunden hatte. Anfangs habe sie sich noch »wie erstarrt« gefühlt, »als hätten sich riesige Mengen Stahl und Beton in meinem Körper abgelagert«. Doch in ihrer neuen Lebenssituation war sie nicht allein. »Meine Genossinnen und Genossen halfen mir sehr. Sie waren wunderbar, gingen ganz natürlich mit mir um und taten mir so gut«, schrieb sie. »Ich schloss sie fest in mein Herz.« Seit den Jahren ständiger Isolierung im Knast habe sie »keine so intensiven Gespräche mehr geführt«. Nun konnte sie frei reden. Die Compañeras »waren wie Medizin für mich und halfen mir, zu mir zurückzufinden«. Nach und nach normalisierte sich ihr Leben. Sie schaute sich in ihrer neuen Umgebung um und »entdeckte mit Staunen, wie reich das kulturelle Leben dieser kleinen Insel und wie lebendig sie ist – wo doch die Presse in den USA genau das Gegenteil vermittelt«.

Kulturpolitische Arbeit

In Kuba wurde sie jedoch auch mit den Folgen der US-Außenpolitik konfrontiert. Sie begegnete »Folteropfern an Krücken, die aus anderen Ländern nach Kuba kamen, um sich behandeln zu lassen, darunter Kinder aus Namibia, die ein Massaker überlebt hatten«. Auch die Spuren der »hinterhältigen Angriffe der US-Regierung gegen Kuba« konnte sie nun sehen, die Sabotageakte und zahlreichen Attentatsversuche auf Fidel Castro.

Shakur lernte Spanisch, arbeitete als Teilzeitlehrerin für Englisch, als Übersetzerin und besuchte drei Jahre die Parteihochschule der Kommunistischen Partei Kubas. Nach dem Studium der Politik- und Gesellschaftswissenschaften arbeitete sie im Literatur- und Kulturbereich der Universität Havanna. Nebenbei widmete sie sich Buchprojekten, schrieb Artikel für Zeitungen und englische Beiträge für Radio Habana Cuba. Als in Kuba hoch angesehene Repräsentantin der afroamerikanischen Freiheitsbewegung organisierte sie politische Konferenzen mit internationalen Gästen. Auch die traditionell starken Bemühungen Kubas für internationale Solidarität mit der Unabhängigkeitsbewegung Puerto Ricos unterstützte sie. Große Anerkennung fand eine Konferenz über das politische Erbe von Malcolm X und seinen Beitrag, das Elend der Schwarzen in den USA vor die Vereinten Nationen zu bringen.

Sonderperiode

Als Shakur im September 1991 deutsche Mitglieder einer in Kuba arbeitenden Brigade José Martí traf und ihnen ein Interview gab,⁹ befand sich Kuba in der sogenannten Sonderperiode – »die schwierigste Phase«, die die Insel je erlebt habe, so Shakur, obwohl das Land damals schon »mehr als 30 Jahre dem Imperialismus widerstanden hatte und über diese ganze Zeit hinweg von den imperialistischen Ländern angegriffen« worden war. Weil 1989 »alle osteuropäischen Freunde Kubas verschwunden« waren, kam es zu einem wirtschaftlichen Niedergang. Das Ende der Sowjetunion verschlimmerte die Lage für Kuba immens, erklärte sie. »Einen maßgeblichen Anteil an dieser Verschärfung haben Verträge, die Kuba mit osteuropäischen Staaten, besonders der DDR, hatte.« Im Falle der DDR würden seit dem Anschluss an die BRD, diese Verträge nicht mehr erfüllt. Und »die Regierung der BRD macht keinerlei Anstrengungen, sich um die Erfüllung einmal geschlossener Verträge zu bemühen«, so Shakur.

Als sich die wirtschaftliche Situation in Kuba langsam zu bessern begann, drehte Shakur 1997 mit der kubanischen Regisseurin Gloria Rolando den Dokumentarfilm »Eyes of the Rainbow«¹⁰, in dem ihre politische Praxis und Lebensgeschichte im Mittelpunkt stehen. Shakur widmete den Streifen »allen Frauen, die für eine bessere Welt kämpfen«. Sie habe den Film gemacht, sagte Shakur, weil »alles, was ich habe, meine Stimme, mein Geist und der Wille sind, die Wahrheit zu sagen«. Die Menschen müssten »über den Zusammenhang zwischen den Medien und dem Instrumentarium der Unterdrückung aufgeklärt« werden.

Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit war stets ihr Einsatz für politische Gefangene in den USA, die zum Teil wie sie selbst unter konstruierten Anklagen zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren. Als Mumia Abu-Jamal im Frühjahr 2015 in der Haft schwer erkrankte und in Lebensgefahr geriet, verfasste sie den eindringlichen Appell: »Wir haben nicht vermocht, Malcolm X zu retten, aber wir können und müssen Mumia retten und alle politischen Gefangenen befreien!«

In diesen Aufruf hatte sie auch ihren Kampfgefährten einbezogen, den heute 85jährigen Sundiata Acoli, der 1973 mit ihr zusammen verhaftet worden war. »Ich möchte so sehr, dass Sundiata weiß, wie sehr wir seine Stärke, seinen Mut, seine Freundlichkeit und sein Mitgefühl bewundern.« Über Radio Habana Cuba rief sie dazu auf, »für sein Leben und seine Freiheit zu kämpfen«. Erst nach fast 50 Jahren Haft hatte die Kampagne im Mai 2022 Erfolg, als Acolis Freilassung auf Bewährung gerichtlich angeordnet und Mitte Juni umgesetzt wurde. Acoli hatte sich beständig geweigert, »seinen politischen Überzeugungen abzuschwören und der Welt zu verkünden, dass es falsch war, für die Befreiung seines Volkes zu kämpfen«.¹¹

Auch Assata Shakur hat sich trotz der vielen Versuche der US-Behörden und wechselnder Regierungen im Weißen Haus, sie in Hand- und Fußfesseln wie eine entflohene Sklavin wieder in einen ihrer Kerker zurückzuschleifen, niemals von ihrem Weg abbringen lassen. Auch heute noch wird deshalb Jagd auf sie gemacht. Vor Jahren verhinderten Kubas Behörden den Versuch eingeschleuster US-Agenten, sie in die USA zu entführen. Auch das von FBI und dem Bundesstaat New Jersey auf sie ausgesetzte Kopfgeld von zwei Millionen US-Dollar zeigte keine Wirkung.

Assata Shakur lässt sich nicht einschüchtern oder gar in Panik versetzen, aber sie musste im Laufe der Jahre vorsichtiger werden. Niemand kann sie heute einfach in Kuba besuchen. Als der Verfasser während einer Havanna-Buchmesse überraschend Gelegenheit bekam, die Autorin als Verleger ihrer deutschen Autobiographie 14 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage persönlich zu treffen, war die Begegnung ein ergreifender Moment. Die Initiative dazu ging von ihr aus, aber mehr sei hier nicht mitgeteilt. In den USA gibt es zu viele Zeitungsartikel, Bücher sowie TV- und Radiofeatures, die ihre aufgebauschten Mutmaßungen über die »Whereabouts der JoAnne Chesimard« als »Breaking News« verkaufen.

Wüssten die US-Behörden, wo sich Shakur genau aufhält, hätte die Joint Terrorism Taskforce Newark Division des FBI nicht wie zuletzt am 4. Januar 2021 unter der Überschrift »FBI bittet um neue Hinweise zu Assata Shakur« ihre »verstärkten Bemühungen« kundtun und »erneut zu Hinweisen bei der Suche nach Assata Shakur« auffordern müssen.

»Assata taught me«

Die Menschenjäger müssen verzweifelt sein, denn während die Gesuchte für sie weiter nicht greifbar ist, tanzt ihr revolutionärer Geist ihnen in vielen US-Städten förmlich auf der Nase herum. Seit Jahren gibt es kaum eine Demo oder Straßenblockade gegen Polizeigewalt und Rassismus, auf der nicht junge Aktivistinnen Hoodies mit der Aufschrift »Assata taught me« tragen. »Assata hat mich gelehrt« heißt nicht nur, von ihr gelernt zu haben, welche Seite der Barrikade die richtige ist, sondern auch zu lernen, bloße Wut in revolutionäre Energie und kurzatmigen Protest in eine beharrliche politische Strategie zu verwandeln.

Durch ihr Beispiel, ihren aufrechten Gang und ihren Sprung in die karibische Freiheit wurde Assata Shakur für neue Generationen von Bewegungen wie »Black Lives Matter« oder die »Dream Defenders« eine wichtige Persönlichkeit. Auch eine Hochschullehrerin wie Donna Murch fühlt Empowerment durch Assatas Denken und Handeln. Das zeigt ihr unlängst erschienenes Buch mit dem Titel »Assata Taught Me. State Violence, Racial Capitalism, and the Movement for Black Lives«. Die Autorin belegt, dass Shakurs jahrelange Arbeit als Bürgerrechtlerin und Aktivistin der Black Panther Party fast 50 Jahre nach Auflösung der Partei jenen als Inspiration dient, die sich für soziale und ökonomische Gerechtigkeit einsetzen. Und die wie Assata Shakur sagen: »Träume und Realität bleiben Gegensätze, solange sie nicht durch Taten zusammengeführt werden.«

Anmerkungen:

1 »Ein Fall von Lynchjustiz«, jW, 2./3.7.2022, https://www.jungewelt.de/artikel/429647.rassistische-justiz-ein-fall-von-lynchjustiz.html.

2 »Der Weg der Maroons«, jW, 15./16.10.2016, https://www.jungewelt.de/artikel/295540.der-weg-der-maroons.html.

3 Zu Cointelpro siehe »›Krieg an der Heimatfront‹«, jW, 15.2.2012, https://www.jungewelt.de/artikel/178439.krieg-an-der-heimatfront.html

4 Erschienen November 1978; nachgedruckt vom Bochumer Magazin Sumpfblüte und in Übersetzung verbreitet in Italien, den Niederlanden, der Schweiz

5 Probleme des Friedens und des Sozialismus. Zeitschrift der Kommunistischen und Arbeiterparteien, 21 (1978), Nr. 9, S. 1285. Die Zeitschrift erschien in 34 Sprachen und wurde in 145 Ländern verbreitet.

6 Assata Shakur: Assata. An Autobiography, London 1987

7 Agipa-Press ist die Abkürzung für Amerika Gegeninformationspresse, ein »Projekt zur Herstellung von Gegenöffentlichkeit über Nord- und Lateinamerika sowie die Karibik«.

8 Aus dem Projekt Agipa-Press wurde 1996 die Bremer Atlantik-Verlags- und Mediengesellschaft; beide brachten je zwei Auflagen mit über 10.000 Exemplaren heraus.

9 Assata Shakur: Ein Interview in Havanna/Cuba, Bremen 1992

10 http://www.thetalkingdrum.com/eyesofrainbow.html

11 Siehe »Sundiata Acoli kommt frei«, jW, 13.5.2022, https://www.jungewelt.de/artikel/426448.exmitglied-der-black-panthers-sundiata-acoli-kommt-frei.html

Jürgen Heiser ist freier Autor. Er gründete in Bremen den Verlag Agipa-Press, in dem 1990 erstmals die Autobiographie Assata Shakus erschien. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. Oktober 2021 über das US-Gefangenenlager in Guantánamo auf Kuba

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (16. Juli 2022 um 12:36 Uhr)
    Lieber Jürgen Heiser, vielen Dank für diesen Rückblick auf Assata Shakurs Leben und Wirken von Kuba aus bis heute anlässlich ihres heutigen 75. Geburtstags. Gleichzeitig möchte ich Dir für die Kontinuität Deines eigenen Wirkens als freier Journalist danken. Beides war mir in diesem Umfang bis heute nicht so bewusst. – Ja, natürlich habe ich nicht nur diesen Artikel von Dir in meiner Datei gespeichert, sondern werde auch versuchen, mich an dessen Verbreitung so weit wie möglich zu beteiligen. Denn kann nicht gerade die Geschichte Assata Shakurs, die zu den wenigen Erfolgsgeschichten im Kampf um die Freiheit von kapitalistischen Zwängen und um einen besseren Umgang der Menschen im Miteinander auch in diesen Zeiten des wider alle Vernunft immer weiter geführten Ukraine-Kriegs ein besseres Vorbild dafür abgeben, dass eine »bessere Welt« dennoch möglich ist?

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