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05.10.2026, 16:58:21
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Polizeigranate verstümmelt Schüler
Schüler, Studenten und Gewerkschaften rücken zusammen. Vor dem Aktionstag am Dienstag fürchtet Frankreichs Regierung ein »Zusammenwachsen der Kämpfe«.
Deutschland blickt aufs Nachbarland: Frankreichs Schüler strömen am Montag erneut auf die Straßen, um gegen die geplanten Kürzungen und schlechten Bedingungen an ihren Schulen zu protestieren. In Metz bauten Schüler mitten auf der Straße ein Klassenzimmer auf, um gegen Kürzungen und fehlende Mittel zu protestieren. Die Bereitschaftspolizei CRS antworteten mit Tränengasgranaten. Am selben Tag verlor ein 15jähriger Schüler in Lens seine linke Hand, nachdem eine von den CRS eingesetzte Granate explodiert war. In den vergangenen Tagen waren schon mehrere Jugendliche durch Polizeigeschosse schwer verletzt worden.
Die Repression schwächt jedoch die Bewegung nicht, im Gegenteil: 62 Prozent der Franzosen halten die Mobilisierung inzwischen für gerechtfertigt, bei den unter 35jährigen sind es sogar 73 Prozent. Am Montag registrierte das Bildungsministerium Aktionen, Schließungen oder andere Störungen an 413 Lycées. Zugleich waren nach Angaben des Hochschulministers 30 bis 40 Hochschulstandorte blockiert oder geschlossen. Für Dienstag rufen Schüler- und Studentenorganisationen landesweit zu Demonstrationen auf. Auch die Gewerkschaften schließen sich an: Die CGT will an der Seite der Jugendlichen demonstrieren und ruft ihre regionalen und örtlichen Strukturen dazu auf, die Mobilisierung nötigenfalls auch mit Streiks zu unterstützen.
Dabei reicht die Bewegung längst weit über die ursprünglichen Blockaden in den Banlieues hinaus. Selbst Schüler des elitären Lycée Henri-IV im Zentrum von Paris stellen sich mittlerweile hinter Jugendliche aus schlechter ausgestatteten Schulen in den ärmeren Vorstädten. Auch immer mehr Lehrer unterstützen die Bewegung. Die Englischlehrerin Madame Loira vom Pariser Lycée Maurice-Ravel sagte am Montag gegenüber France Inter, die Repression gegen die Schüler sei mittlerweile »einer der Hauptgründe unserer Sorge angesichts der Entwicklung der Ereignisse«. Die Reaktion der Regierung sei für die Lehrer »wirklich erschreckend«. Die Mathematiklehrerin Madame Dec hält die Solidarität mit den Jugendlichen für selbstverständlich: »Natürlich haben wir dieselben Forderungen. Wir arbeiten gemeinsam, unser Beruf besteht darin, mit den Schülern zu arbeiten. Deshalb ist es nur logisch, dass wir jetzt gemeinsam an ihrer Seite stehen.«
Auch Politiker von La France insoumise (LFI) sind weiterhin vor Ort und stellen sich bei Polizeieinsätzen teilweise zwischen Beamte und Jugendliche. Die Regierung wirft der Linkspartei deshalb seit Tagen vor, die Proteste zu instrumentalisieren. Die Schüler selbst weisen das zurück. Hugo, ein Schüler aus Straßburg, sagte am Montag gegenüber France Inter: »Der Bildungsminister diskreditiert die Bewegung, wenn er von einer Vereinnahmung durch politische Parteien spricht – als wären wir nicht in der Lage, selbst zu denken.« Ein anderer Jugendlicher betont die Berechtigung ihrer Wut: »Wir wollen der Regierung sagen, dass wir konkrete Antworten wollen und nicht schweigen werden«.
Der Staat geht massiv gegen die Bewegung vor. Seit dem 28. September wurden mehr als 5.000 Menschen festgenommen, 85 Prozent davon Minderjährige. Allein am vergangenen Donnerstag waren es 1.954, am Freitag weitere 1.747. Mehrere Jugendliche berichten gegenüber Mediapart von Schlägen, rassistischen Beleidigungen und erniedrigenden Bedingungen in Polizeigewahrsam. Ein 16jähriger Schüler aus Saint-Denis sprach von »48 Stunden Hölle«.
Gebremst hat die Repression die Bewegung bislang nicht. Im Umfeld von Premierminister Sébastien Lecornu wächst offenbar vielmehr die Sorge, sie könne sich über Monate, womöglich bis zur Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027, hinziehen. Berater des Premiers beobachten laut BFMTV eine ungewöhnliche »convergence des luttes« – ein Zusammenwachsen von Schüler- und Studentenprotesten, getragen von Jugendlichen aus Banlieues und Innenstädten, mit gewerkschaftlichen Kämpfen.
Erste kleine Zugeständnisse musste die Regierung bereits machen. Sie verzichtete auf geplante Gebühren für Schüler in berufsorientierten BTS-Ausbildungen und Vorbereitungsklassen für die Grandes Écoles. Bildungsminister Édouard Geffray versprach zudem, Unterrichtsausfälle insbesondere in den Abschlussklassen schneller durch Vertretungen aufzufangen und die teils extrem langen Schultage zu überprüfen.
Am Dienstag wird diese »Convergence des luttes« erstmals in größerem Maßstab sichtbar. Schüler, Studenten und Lehrer wollen gemeinsam auf die Straße; Gewerkschaften, LFI, Kommunistische Partei, Grüne und weitere linke Organisationen schließen sich an. Dass dieses Zusammenwachsen über den Dienstag hinausreicht, zeigt auch die Ankündigung der Gewerkschaften vom Montag: Für den 5. November ist ein landesweiter Generalstreik mit Demonstrationen geplant. Beschäftigte aus Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst, Jugendliche und Rentner sollen gemeinsam auf die Straße gehen, wie es im Aufruf heißt.
Längst geht es also nicht mehr allein um fehlende Lehrer, überfüllte Klassen oder kaputte Heizungen. Der Protest richtet sich gegen eine Kürzungspolitik, die Schulen, Hochschulen und andere öffentliche Dienste gleichermaßen trifft – kurz: gegen eine Regierung, die immer mehr Menschen die Zukunft verbaut.
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