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Studie zu politischen Einstellungen

Ängste vor Jobverlust prägen Wahlverhalten

Neue Studie der Universität Potsdam zu unterschiedlichen Existenzängsten, Gruppendenken und Parteipräferenzen

Foto: IMAGO/Christian Mang
Mehr als 1.000 Rechte und Ultrarechte gehen am 3. Oktober in Berlin gegen die Migrationspolitik auf die Straße

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist politisch. Ob Menschen die größte Bedrohung ihrer Beschäftigung in der Zuwanderung, in technologischen Entwicklungen wie KI oder in der Verlagerung von Standorten ins Ausland (»Offshoring«) sehen, prägt ihre Forderungen an den Staat. Eine neue Studie der Universität Potsdam untersucht diesen Zusammenhang.

Die konventionelle politische Ökonomie geht davon aus, dass Individuen ihre politischen Präferenzen am Eigeninteresse ausrichten und bei wirtschaftlichen Risiken mehr staatliche Unterstützung fordern. Demnach gibt es nur einen eindimensionalen politischen Konflikt zwischen Personen, die wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sind, und solchen, die davon nicht betroffen sind. Entsprechend soll das klassische wirtschaftspolitische Links-rechts-Schema Wohlfahrtspräferenzen und Politik bestimmen.

Die Autoren der neuen Studie argumentieren nun, dass dieser Ansatz weder die unterschiedlichen Arbeitsmarktrisiken noch die Vielfalt möglicher politischer Maßnahmen zu deren Bewältigung ausreichend berücksichtigt. Ihrer Ansicht nach hängt die Präferenz für bestimmte Maßnahmen wesentlich davon ab, welche Quellen von Arbeitsmarktrisiken als besonders relevant wahrgenommen werden.

Die Risikowahrnehmungen spiegeln nicht nur die eigene Verwundbarkeit auf dem Arbeitsmarkt wider, sondern zeigen auch, wem die Betroffenen die Verantwortung dafür zuschreiben. Die verschiedenen Risikoquellen dienen den Menschen dabei als vereinfachte Orientierungshilfe. Auf dieser Grundlage beurteilen sie, welche gesellschaftlichen Gruppen Unterstützung verdienen. Entsprechend bevorzugen Individuen politische Maßnahmen, die den Nutzen für als unterstützungswürdig angesehene Gruppen maximieren und den Nutzen für Gruppen minimieren, die sie für wirtschaftliche Unsicherheit verantwortlich machen.

Die Studie zeigt, dass Menschen, die Zuwanderung als größeres Arbeitsmarktrisiko wahrnehmen, eher protektionistische und regulierende Maßnahmen befürworten. Sozialhilfe und soziale Investitionen lehnen sie hingegen eher ab, obwohl letztere in ihrem eigenen Interesse liegen könnten. Bei Personen, die den technologischen Wandel als größeres Risiko sehen, zeigt sich das Gegenteil: Sie unterstützen sozialpolitische Maßnahmen stärker. Was die Leute aus der Sorge vor Offshoring ableiten, hängt schließlich von ihrer bereits bestehenden politischen Orientierung ab: Rechtsorientierte Personen lehnen staatliche Eingriffe eher ab, während linksorientierte sie stärker befürworten.

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Die Forscher erklären die Unterschiede durch verschiedene Formen des Gruppendenkens, die durch die jeweilige Risikowahrnehmung verstärkt werden. Die Wahrnehmung von Zuwanderung als Risiko fördert eine kulturell geprägte Unterscheidung zwischen In- und Out-Group (Einheimischen und Zugewanderten). Aus der Wahrnehmung technologischer Risiken ergibt sich dagegen eher ein klassenbezogenes Denken, das zwischen Beschäftigten und Unternehmern unterscheidet.

Wird Zuwanderung als zentrales Problem wahrgenommen, rückt die Abgrenzung zwischen Einheimischen und Zugewanderten in den Vordergrund. Dadurch steigt die Unterstützung für Maßnahmen zum Schutz des nationalen Arbeitsmarktes, während universelle Sozialleistungen eher abgelehnt werden, da sie auch der vermeintlichen Out-Group zugute kommen könnten.

Bei technologischen Risiken steht dagegen der Interessenkonflikt zwischen Arbeitern und Unternehmern im Mittelpunkt. In diesem Deutungsrahmen gelten universelle Sozialleistungen als Mittel, um die Position der Arbeiter zu stärken.

Die Wahrnehmung von Offshoring lässt sich hingegen keinem eindeutigen Denkmuster zuordnen, sondern hängt von der jeweiligen politischen Vororientierung ab.

Der Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung relativer Risiken und politischen Präferenzen zeigt sich auch bei den Parteienpräferenzen. Dies stützt die Annahme, dass Wahlentscheidungen einem kognitiven Prozess folgen, in dem Individuen subjektiv dringlichere Risiken priorisieren.

Gerade im aktuellen Diskurs um das Konzept der »antifaschistischen Wirtschaftspolitik« sind diese Ergebnisse relevant. Sie verdeutlichen, dass es nicht genügt, wirtschaftliche Not zu lindern. Entscheidend ist auch, wie wirtschaftliche Konflikte gesellschaftlich erklärt und politisch bearbeitet werden. Solange die damit verbundenen Sorgen mit überkommenen kulturellen Vorstellungen und Feindbildern verknüpft werden, ist ein signifikanter Teil der Bevölkerung bereit, Maßnahmen entgegen den eigenen Interessen zu unterstützen – nur um zu verhindern, dass Menschen davon profitieren, die das vermeintlich nicht verdienen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.10.2026, Seite 5, Inland

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