Zum Inhalt der Seite

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW

Mensch – Natur – Technik

→ Zu jW vom 7.10.: »Ludditin des Tages: Jill Lepore«

In der Rückbetrachtung auf die seit Beginn der Industrialisierung vergangenen rund zweihundertfünfzig Jahre stellt sich aus heutiger Perspektive erneut um so drastischer und drängender die generelle Frage nach dem Verhältnis von Mensch, Natur und Technik. Meinten die Apologeten der Technik von damals in den neuen Technologien ihrer Zeit bereits einen omnipotenten Prometheus, einen allmächtigen Deus ex machina, zu erkennen, kraft dessen sich eine neue und bessere Welt erschaffen ließe, so künden die heutigen Narrative der Ingenieure und Wissenschaftler sowie die vermeintlichen Heilsbotschaften der Politik noch immer von der Erlösung des Menschen von allen Übeln und Problemen, die dieser mittels Wissenschaft und Technik dem ganzen Planeten und sich selbst überhaupt erst zugefügt hat. Könnte es also eventuell sein, dass die Ludditen uns eine unausgesprochene Botschaft hinterlassen haben, die weit über die bloßen seinerzeitigen Zerstörungen von »Jennies«, Schermaschinen oder Webstühlen hinausweist und uns auf schmerzliche Weise sowie aufgrund existentieller Dringlichkeit schonungslos mit der Frage nach der Zukunft konfrontiert, wie sie sich seinerzeit auch schon den Ludditen stellte?

Oder anders gefragt: Können wir den Ludditen rückblickend mit einer rein utilitaristisch-pragmatischen Risiko-Nutzen-Betrachtung (»ökonomischer Reduktionismus«) überhaupt auch nur annäherungsweise gerecht werden? So lässt Ernst Toller in der zweiten Szene des zweiten Akts seines Dramas »Die Maschinenstürmer« von 1922 den offenbar bereits über den Luddismus hinausschauenden Protagonisten Jimmy sagen: »Es leben andere Feinde, gewaltiger als das Gerüst von Eisen, Schrauben, Drähten, Holz, das man Maschine nennt.« Könnte es also sein, dass es diese Feinde auch heute noch gibt? Allerdings weitaus mächtiger noch als damals. – Und auf diese sollten wir uns verstärkt und kollektiv konzentrieren, solange dazu noch die Gelegenheit besteht.

Reinhard Hopp, Berlin

Gebetsmühle

→ Zu jW vom 2.10.: »Um keinen Preis Frieden«

Anzeige

So ganz kann ich nicht nachvollziehen, wie man eine sich recht aggressiv gerierende Militärallianz wie die NATO mit einem Friedenspreis auszeichnen kann. Die Begründung, sie würde verlässlich für Sicherheit sorgen, ist für mein Empfinden überhaupt keine Begründung hierfür. Man hätte ihr diesen Preis zugestehen können – ich sage es mal etwas zynisch –, wenn sie sich mangels eines Feindbildes aufgelöst hätte. Dann hätte sie diesen Preis auch verdient. Die NATO ist ein Gebilde, das nur deshalb (über)lebensfähig ist, weil gebetsmühlenhaft von einer Bedrohung aus dem Osten halluziniert wird. Gäbe es Russland nicht als ein seit Jahrzehnten bestehendes Feindbild, wäre die Existenz dieses Bündnisses wohl eher fraglich.

Indem Moskau als stetes Bedrohungsszenario immer und immer wieder heraufbeschworen wird, ist das Überleben der NATO gesichert. Auf dem Rücken europäischer Steuerzahler wird ein militärisches Potential zu obszön hohen Kosten aufrechterhalten, die sich jedweden Begreifens entziehen. Man möge sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Ohne Kanada müssen die europäischen NATO-Partner geschätzte 620 Milliarden Euro für dieses Jahr ausgeben – mit steigender Tendenz. Kosten also, die in anderen Bereichen fehlen. Während beim Wehretat seltsamerweise nie von einer extrem »angespannten Haushaltslage« gesprochen wird, wird dieser Begriff stets aus der Mottenkiste geholt, wenn es um Sozialversicherungen geht, ein Bereich also, wo brutal eingespart wird, um die eingesparten Kosten einer Kriegsfähigkeit auf hohem Niveau zugute kommen zu lassen.

Rudi Eifert, Langenhagen

Bollwerk gebrochen: Urknall 2.0

→ Zu jW vom 30.9.: »Abstellgreis des Tages: Wolf Biermann«

Der Dichter und Denker, einst Kommunist, wurde Menschenrechtsbellizist (frei nach F. J. Degenhardt). In Biermanns Biographie spiegeln sich die politischen und geostrategischen Entwicklungen der letzten 54 Jahre, wobei das Jahr 1989 die Spiegelachse darstellt. November 1989 bis August 1991 war ein Urknall 2.0, die Ouvertüre zur »Langen Nacht«, wie in den Büchern von G. R. R. Martin (»Das Lied von Eis und Feuer«, verfilmt als »Game of Thrones«), als die »Weißen Wanderer« und ihre »Armee der Toten« die gefallene Mauer überrannten und die Barbarei auf dem Vormarsch war. Diese Zäsur war als geopolitische Katastrophe sozusagen die kosmologische Singularität der darauffolgenden und bis heute laufenden globalen sozioökonomischen Prozesse.

Biermann mutierte sofort danach zum Barden der Barbarei, unterstützte alle imperialen Aggressionen, von Irak-Kriegen 1991, 2003, über die Jugoslawien-Kriege bis zum Stellvertreterkrieg der NATO gegen Russland. Alles Hand in Hand mit seinem schon vorher entwickelten aggressiven Antikommunismus. Die westdeutschen Intellektuellen und Kulturschaffenden unterzeichneten zu Tausenden Aufrufe gegen die Ausbürgerung des Hofsängers der Konterrevolution.

Ein Name allerdings war darunter nicht zu finden: F. J. Degenhardt, der eine eigene, extrem weitsichtige Erklärung im Neuen Deutschland verfasste. In einem seiner sich mit der deutschen Geschichte befassenden Lieder (»Nach 50 Jahren«) singt er: »Die Kälber, bevor sie zum Schlachthaus rennen, auf Mauern tanzen, vor Rührung flennen«, und er hört im Inneren noch einmal die Worte von Tante Therese, die sie ihm bei ihrer Abholung durch die Nazis zurief: »Los Fränzken, schrei: In 50 Jahren ist alles vorbei.« Nun denn – 27 Jahre sind seit dem Mauertanz bereits vergangen. Blieben uns also noch 13, falls Degenhard mit seiner Vorherahnung genau so recht behält wie mit seiner Prognose zum Werdegang der tellekt-uell-in-tisierenden Singpuppe des Imperiums.

Thomas Seibel, per E-Mail

Während beim Wehretat seltsamerweise nie von einer extrem »angespannten Haushaltslage« gesprochen wird, wird dieser Begriff stets aus der Mottenkiste geholt, wenn es um Sozialversicherungen geht.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 14, Leserbriefe

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Besuchen Sie unseren Stand auf der Buchmesse Frankfurt/Main. Näheres zum Programm finden Sie hier.