Ernst und Quatsch schön beisammen
»Schröders Augen stinken nach Kotze« und anderes – ein Lesebuch von Christian Y. Schmidt
Wer gern langweiliges Zeugs liest und sich zum Beispiel vom Genre des autobiographisch verseuchten Familienromans ruhigstellen lassen mag, wird von den großen Verlagen hinreichend bedient; und wer vor der Gegenwart statt dessen Zuflucht in lieben Traumwelten sucht, kann sich mit Fantasy und Romance füttern lassen, die jenes Bedürfnis nach Harmonie erfüllen, das früher billige Groschenromane befriedigten.
Es geht auch anders. Es gibt etwas, das Autoren der genannten Gattungen unbekannt geblieben sein dürfte: Satire, Parodie, Groteske; Literatur also, deren Autoren mit Über- und Untertreibung, Verzeichnung und vielleicht sogar Albernheit und höherem Blödsinn die schnöde Wirklichkeit lächerlich machen. Jemand wie Christian Y. Schmidt zum Beispiel.
1958 in Bielefeld geboren, jener Stadt, die auch den gewaltigen Polemiker Wiglaf Droste hervorbrachte, machte er erste und bald vielversprechende Übungen auf dem Feld der komischen Welt-, Gesellschafts- oder einfach Gegenwartsattacke beim Magazin Dreck, das in den 1980er Jahren in der Westfalenstadt erschien (und zu dessen Autoren auch Hans Zippert zählte, der später mit Schmidt zur Titanic kam und sogar ihr Chefredakteur wurde).
Überhaupt Bielefeld! Nicht genug, dass es diese Stadt entgegen einem vor Jahren kursierenden Gerücht tatsächlich gibt: In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren war sie ein Zentrum der noch richtig so benamsten Alternativkultur, also kritischer, linker, aufmüpfiger junger Leute, die radikal anders als ihre spießbürgerliche Umwelt dachten und auch niemals so leben wollten wie die stumpfe Mehrheitsgesellschaft (wie man sie heute nennt – und es positiv meint).
Von der »Gegenwelt Bielefeld« spricht Schmidt rückblickend und von einer »Bielefelder Boheme«, die verlassene Villen besetzte und ein Leben abseits der eingeschliffenen Normen und des Konsumterrors, politisch sowieso weit jenseits der bürgerlichen Parteien führen wollte: befeuert von Alkohol, Drogen und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, weshalb man schon mal eine Riesenfete organisiert und großspurig Andy Warhol, Martin Scorsese, Loriot und andere Giganten einlädt.
Wie aber wird einer, was er ist? Warum denkt, schreibt und lebt einer so viel anders als die vielen anderen? Wie üblich liegen die Wurzeln in der Familie, in der Kindheit, und vielleicht hätte Schmidt den üblichen Weg gehen und einen gefühligen autobiographischen Roman schreiben können. Statt dessen bescheidet er sich damit, auf 14 Seiten vergnüglich jene grundchristlich eingeschworene Gemeinschaft vorzuführen, die in Bethel, heute einem Bielefelder Vorort, ihre guten Werke tat.
Dort lernte der Heranwachsende, dessen Eltern in der Verwaltung beschäftigt waren, ganz von selbst den ganz anderen Patientenkosmos der Epileptiker und Geistesgestörten, der Unangepassten und Verlorenen, Randständigen und Realitätsuntüchtigen kennen, eine herrliche Welt der Irren, die bei Schmidt auf neue, oft freudvolle und immer kreative Weise ihre Früchte trug. Eine herrlich irre Satire wie »Schröders Augen stinken nach Kotze« aus dem Jahr 2000 über den weiland Bundeskanzler zeigt, wie aus Hass und Hohn ein Feuerwerk von Ideen gemacht werden kann.
Aus der öden Mehrheitsgesellschaft (s. o.) der Angepassten, Realitätstüchtigen und brav im bürgerlichen Leben Stehenden floh Schmidt erst in die Gegenkultur, danach in die Gegenwelt der Titanic, deren Redakteur er in den 1990ern war, und 2003 nach Ostasien, wo er bis 2022 lebte und eine Chinesin heiratete, mit der er erst in Singapur, dann in Beijing lebte. In der fernen Welt Ostasiens jedenfalls scheint er zumindest vorübergehend seinen Frieden gefunden zu haben, denn anstelle beißenden und reißenden Spotts pflog er dort die humorvoll-sachliche Info über Land und Leute – ohne in die Klischees der gewöhnlichen Journalisten und Reisenden zu verfallen, sondern von einem soliden, von Sympathie getragenen und unverwechselbar persönlichen Standpunkt aus.
So sind in diesem kleinen »Lesebuch« Ernst und Quatsch, persönlicher Bericht und politische Satire aus über 40 Jahren hübsch versammelt, und weil Christian Y. Schmidt auch im Berliner Rentenalter noch Pläne hat, beschließt er den Band mit einer Präsentation seiner ausstehenden Projekte, der »nichtgeschriebenen Bücher«. Sollten sie das Licht der Welt erblicken, dann hoffentlich nach einem sorgfältigen Korrektorat, das, einziger echter Kritikpunkt, hier gefehlt hat.
→ Christian Y. Schmidt: Lesebuch. Mit einem Nachwort von Walter Gödden. Nyland-Stiftung (Nylands Kleine Westfälische Bibliothek – Band 150), Köln 2026, 168 Seiten, 10 Euro
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