Zum Inhalt der Seite
Sachbuch

Es war einmal: 5.000 Jahre Fake

Der Althistoriker Alexander Demandt schreibt über »Geschönte Geschichte. Fälschung und Fabelei seit der Antike«

Foto: GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO
Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh 18,38)

Prinzipiell gibt es zwei Weisen der Beschäftigung mit Geschichte: Man kann die an Personen, Völker und Staaten gebundenen Ereignisse verknüpfen mit dem gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Hintergrund und gegebenenfalls klimatische Ursachen einbeziehen, zum Beispiel für Aufstieg, Blütezeit und Untergang großer Reiche wie des Römischen. Der andere Weg ist vordergründig, man stellt auf das handfeste Geschehen ab, das Tun und Machen der Könige und Kriegsherren sowie der Kirche. Das ist anschaulich und erweitert das Faktenwissen, macht aber nicht unbedingt klüger.

Ersteres ist der Weg der materialistischen Geschichtsbetrachtung – die Gefahr: Menschen werden zu Marionetten historischer Bewegungsgesetze. Den anderen Weg geht Alexander Demandt, der mit »Geschönte Geschichte. Fälschung und Fabelei seit der Antike« ein auf 600 Seiten von unzählbaren Details überquellendes Lesebuch vorlegt, mit dem sich der emeritierte Professor für Alte Geschichte schon mal ein Fleißkärtchen verdient hat und auch gleich gewaltig loslegt, indem er in den ersten acht Zeilen des ersten Absatzes des ersten Kapitels über »etablierte Wahrheit« acht große Namen unterbringt plus ein lateinisches Sprichwort, das, zugegeben, korrekt die Richtung angibt: »Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, veritas temporis filia.«

Eine Richtung allerdings, die China nur wie zufällig streift und nach Afrika und Amerika gar nicht führt, obwohl z. B. die Geschichte von der handstreichartigen Eroberung Mexikos durch einen spanischen Konquistador eine Legende sein dürfte – den Beistand der von den Azteken unterworfenen Völker hat der Christenmensch Cortéz besser unter den Tisch fallen lassen.

Dafür handelt Demandt viele große und unzählige kleine Fälschungen, Korrekturen, Beschönigungen und Umdeutungen in der deutschen, europäischen und vorderasiatischen Geschichte sorgfältig ab: Die dummen »Hitler-Tagebücher« fehlen ebensowenig wie die großartige Konstantinische Schenkung, mit der im 8. Jahrhundert die Gründung des Kirchenstaats und die über Glaubensfragen hinausgehende weltliche Macht des Papstes ermöglicht wurde. Die von Pharao Ramses II. in einen Sieg umgelogene Fast­katastrophe gegen die Hethiter in der Schlacht bei Kadesch um 1280 v. u. Z. hat ebenso Platz wie die berühmte Seeschlacht von Salamis 480 v. u. Z., in der die griechische Flotte über die persische triumphierte – angeblich unter dem Kommando des Atheners Themistokles, aber hatte den Oberbefehl nicht der spartanische Admiral Eurybiades?

Anzeige

Doch abermals werden bei aller Datenfülle Lücken im Material sichtbar: Ob im 20. Jahrhundert die »Protokolle der Weisen von Zion«, ob im Mittelalter die Legende von den jüdischen Brunnenvergiftern und die Schauermärchen über jüdische Ritualmorde (vergleichbar der neuen irren Verschwörungstheorie über eine Elite, die Kinder entführt, tötet und aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum gewinnt) – diese Lügengeschichten bleiben unerwähnt wie die Dolchstoßlegende, mit der Ludendorff und Hindenburg die Niederlage im Ersten Weltkrieg den Revolutionären zuschoben. Demandt ist kein Nationalist, aber als Konservativer tut er sich auch schwer damit, dass der Reichstagsbrand 1933 nicht auf das Konto des Einzeltäters Marinus van der Lubbe bzw. der Kommunisten ging, sondern auf das der Nazis.

Dabei scheut sich Demandt durchaus nicht vor klaren Befunden, z. B.: »Rom begann als Raub- und Räuberstaat.« Er versteht es, unhaltbare Behauptungen wie die vom Petrus-Grab, über das der Petersdom sich erhebe, kenntlich zu machen, und gelegentlich scheint sogar Humor aufzublitzen: so, wenn er die Umdeutung Alexanders des Großen zu einem Vorkämpfer Allahs erwähnt, die Fama von einer Päpstin Johanna aufgreift oder es um Reliquien von Buddha, der Bostoner Tea Party oder auch des antiken Helden Jason geht: Der »hinterließ am Strand von Portoferraio die nach dem Baden abgerippelte Haut, die sich in bunte Kiesel verwandelte«.

Demandt kommentiert das treffend mit dem Satz: »Gefundene Gegenstände beglaubigen erfundene Tatsachen.« Dem Christentum ist diese Praxis vertraut: Die heilige Lanze, das Kreuz, Nägel, gefunden 300 Jahre später, sollten seit der Spätantike Jesu Martyrium verbürgen. Dass überhaupt die Existenz Jesu fraglich ist, scheint Demandt zu ahnen. Er diskutiert zu vielerlei Gelegenheiten die neutestamentlichen Quellen – deren keine von einem Augenzeugen stammt. Hätte er das älteste, das Markus-Evangelium, mit einer Lebensbeschreibung des vergöttlichten Julius Cäsar verglichen, wäre er eventuell weitergekommen.

Nicht über Jesus oder Cäsar, aber über Pontius Pilatus hat der Althistoriker Alexander Demandt bereits eine Studie verfasst, der neben Abhandlungen über den »Fall Roms« oder »Das Privatleben der römischen Kaiser« auch mehrere Biographien vorgelegt hat, so über Diokletian oder Marc Aurel. In seinem neuen Buch, das man vielleicht als Schlussstein eines verdienstvollen Gelehrtenlebens betrachten kann, spannt er nun einen weiten Bogen von den uralten Ursprungs-, Gründungs- und Kindheitslegenden – der fabelhaften Genesis der Menschheit, der sagenhaften Gründung Roms durch Romulus und Remus, den Findlingsmythen von Moses und anderen – über das Altertum und das Mittelalter bis in die allerdings etwas stiefmütterlich behandelte Neuzeit.

Letztere hätte die Materialmasse natürlich weiter anschwellen lassen, die schon, weil nicht nach Epochen oder Regionen gegliedert, kaum zu bändigen, zu ordnen ist. Kunstvoll scheinende, aber bloß künstliche Titel wie »Zubereitete Vergangenheit« oder »Zweckdienliche Verformung« sind austauschbar und könnten über fast allen sieben Kapiteln stehen. Und doch: Auch so klärt Demandts personenzentriertes, die Vergangenheit schlaglichtartig beleuchtendes Geschichtswerk auf über »patriotische Fabelei«, die die Vergangenheit verklärt, und über staatliche Propaganda, die Nachbarn zu Feinden und Krieg gerecht macht. Geschichte kann eine Warnung sein.

→ Alexander Demandt: Geschönte Geschichte. Fälschung und Fabelei seit der Antike. Beck, München 2026, 603 Seiten, 38 Euro

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!