Zum Inhalt der Seite
Frankreich

Ein Hauch von Mai 68

Frankreich: Schüler- und Studentenproteste gehen weiter

Foto: Aurelien Morissard/AP/dpa
Am Donnerstag stand Paris erneut ganz im Zeichen der Schülerproteste (8.10.2026)

Wer nur rechte Privatfernsehsender wie CNews verfolgt, konnte beinahe glauben, Frankreich befinde sich im Krieg. In deren Berichterstattung wurde der seit dem 17. September andauernde Protest von Schülern und Studenten gegen das marode, ebenso unterfinanzierte wie ungleiche Bildungssystem als extreme Bedrohung dargestellt. Nicht nur Ultrarechte stellten sich ihn als vorwiegend migrantisch geprägt und irgendwie »unfranzösisch« vor. »Bismillah, das ist finster« – mit diesen Worten, deren erstes auf arabisch »Im Namen Gottes« bedeutet, versuchte sich ein eingeschleuster Polizist bei einer Diskussion in einem Onlineforum bei Protestaktivisten, die er allem Anschein nach für überwiegend oder ausschließlich muslimisch hielt, einzuschleimen. Nur fiel er damit auf und machte sich lächerlich.

Der Spruch wurde zum Running Gag. Am Donnerstag war er bei der Pariser Demonstration auf zahlreichen Pappschildern und Aufklebern zu lesen. Erneut kamen allein in der Hauptstadt 50.000 Menschen zusammen – die Polizei spricht von 24.500. Mehr als 100.000 sollen es in ganz Frankreich gewesen sein, nach 300.000 am Dienstag. Auch sonst gab es zahlreiche witzige und intelligente Sprüche und Wortspiele. Neben sexuell konnotierten Witzen waren vor allem Anspielungen auf den Mai 1968 darunter: »Keine Zeit für 69«, eine Position aus dem Kamasutra, oder »Wir machen 68«. Ebenso wurden Sprüche gegen Polizeigewalt und die international bekannte Parole ACAB sowie Slogans gegen die extreme Rechte mit und um Marine Le Pen breit gestreut. Nach zweistündiger Versammlung unter der Säule auf dem Bastille-Platz mit Gesängen und Tänzen zog ein Teil der Menge auf einer unangemeldeten Spontandemonstration durch die Stadt. Sie endete gegen 19 Uhr am Odeon-Theater, einem der Symbole des Mai 1968, als es besetzt war.

Anzeige

Für kommenden Dienstag ist der nächste Protesttag geplant. Daran änderte auch die Ankündigung von Bildungsminister Édouard Geffray von Donnerstag nacht nichts, dass bis Dienstag 3.000 Vertretungslehrer eingesetzt würden. Mehrere Vertreter von Schülerverbänden erklärten, dass die angekündigten Maßnahmen der Regierung nicht ausreichten und sie weiter protestieren würden. Auch Gewerkschaften wie SUD Rail bei der französischen Bahn und Solidaires Finances Publiques sowie Teile des Dachverbands CGT überlegen nach dem erneuten Mobilisierungserfolg, am kommenden Dienstag parallel zum Streik aufzurufen. Aus Solidarität, und um eigenen Forderungen nach höheren Löhnen und besserer Ausstattung auch in Einrichtungen wie Krankenhäusern Nachdruck zu verleihen.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 9. Okt. 2026 um 21:44 Uhr
    Macron und Lecornu (auf deutsch der »Gehörnte, eine hintergangene Person; hier wohl nicht sexuell, sondern politisch von Macron) spielen wieder mal auf Zeit. Der Herbsturlaub an Frankreichs Schulen steht an und beide hoffen, dass danach die Proteste einknicken, um die «Reformen» durchzusetzen.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!