»Antifaschismus muss mehr sein als Gedenkfeiern«
Die VVN–BdA NRW beging in Bochum ihr 80jähriges Bestehen. Ein Gespräch mit Falk Mikosch
Die VVN-BdA NRW gibt es jetzt seit 80 Jahren. Das Jubiläum haben Sie Ende September in Bochum gefeiert. Was waren die Highlights der Festveranstaltung?
Wir haben gemeinsam mit unserer VVN-Kreisvereinigung Bochum gefeiert. Das Kulturprogramm mit dem Liedermacher Willi Karasch, dem Kabarettisten Jens Neutag und der Folkband Die Grenzgänger zeigte den Zusammenhang von politischem Kampf und Kultur heraus. Vor allem die Neuinterpretation von revolutionären und antifaschistischen Liedern durch die Grenzgänger fand bei den gut 150 Besuchern viel Beifall. Für mich war jedoch die große Anerkennung, die wir genießen, das Highlight. Nicht zuletzt die vielen Grußworte belegen das.
Bei einer Jubiläumsfeier darf ein Blick in die Geschichte nicht fehlen. Wie lief die Gründung der VVN damals ab und vor welchen Herausforderungen stand die junge Organisation?
Wichtige Eckpunkte in unserer 80jährigen Geschichte sind die Sammlung von Informationen über Orte der Naziverbrechen, die Erfassung der Opfer und der Widerstand gegen das Naziregime. Die Adenauer-Regierung versuchte in den 50er Jahren erfolglos, die VVN zu verbieten. Wir sind gegen jahrelange »Verjährungsdebatten« vorgegangen, die schließlich in dem Gesetz über die Nichtverjährung von Mord endeten. 1969 gelang es, nach großem Kampf von Hunderttausenden, den Einzug der NPD in den Bundestag zu verhindern.
Was waren bisher die größten Erfolge und Niederlagen der VVN-BdA in NRW?
Mit mehr als 20 Gruppen in NRW arbeiten wir beharrlich daran, dass das unermessliche Leid, welches der deutsche Faschismus zu verantworten hat, nicht vergessen wird. Nicht zuletzt durch unsere Initiativen konnten viele Gedenkorte geschaffen werden. Aktuelles Beispiel ist das Max-Leven-Zentrum in Solingen. Als 2024 erste Berichte über Pläne der AfD für eine staatliche »Remigration« bekannt wurden, demonstrierten mehrere Millionen Menschen gegen rassistische Zumutungen und den Aufschwung der AfD. Die Kräfte der Zivilgesellschaft hatten den Regierenden eine politische Tür geöffnet, sich klarer gegen die extreme Rechte und für sozial gerechte und partizipative Politik zu stellen. Die Reaktion der Regierenden war jedoch – abgesehen von manchen wohlklingenden Erklärungen – die Fortsetzung der Politik sozialer Grausamkeiten, der Verschleuderung von gesellschaftlichen Mitteln für Hochrüstung sowie die Vernachlässigung von Bildung, sozialer Absicherung, Gesundheit und Pflege.
Vor welchen aktuellen Aufgaben sehen Sie die VVN–BdA NRW angesichts des fortschreitenden Rechtsrucks?
Trotz des immensen Aufwands im Kampf dagegen – ich denke da an die vielen Materialien, Veranstaltungen und Demonstrationen – sind die Rechten stärker denn je geworden. Für uns ist es deshalb nötig, breite soziale Bewegungen gemeinsam mit Gewerkschaften, Sozialverbänden und Kirchen zu unterstützen, die eine demokratische Alternative für eine sozial gerechte Gesellschaft aufzeigen. Nur wenn es gelingt, mehr Menschen in sozial-politische Bewegungen für ihre Interessen zu integrieren, können wir den Vormarsch der extremen Rechten stoppen.
Sehen Sie die VVN-BdA und weitere antifaschistische Organisationen hierfür gut aufgestellt? Oder woran muss konkret gearbeitet werden?
Der Antifaschismus der Zukunft darf sich nicht auf eine bloße Abfolge von Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen beschränken. Wir dürfen uns nicht mit einem inhaltsleeren »Nie wieder« zufriedengeben. Antifaschismus muss zu einer lebendigen gesellschaftlichen Bewegung werden, die in der Lage ist, Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu geben.
Eine der wichtigsten Fragen ist, wie die heutigen Generationen in die Pflege des antifaschistischen Gedenkens und den Schutz demokratischer Werte einbezogen werden können. Der Leitspruch der Gründerinnen und Gründer unserer Organisation: »Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!« hat heute erneut eine dramatische Aktualität.
Falk Mikosch ist Landessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Nordrhein-Westfalen
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