Reichhaltige Ernährungsnot
Misereor-Report: Weltweit essen 2,8 Milliarden Menschen zuwenig oder ungesund
Mangelernährung in den ersten 1.000 Tagen nach der Geburt ist eine Bürde fürs ganze Leben. Nachhaltige Einschränkungen der körperlichen, motorischen und kognitiven Entwicklung verhindern später vielfach schulischen und beruflichen Erfolg. Das traurige Schicksal ist ein Massenphänomen. Nach einer am Donnerstag vorgestellten Studie des katholischen Hilfswerks Misereor hatten 2025 weltweit 2,79 Milliarden Menschen zuwenig zu essen beziehungsweise nur minderwertige, nährstoffarme Lebensmittel zur Verfügung. Betroffen waren damit mehr als 34 Prozent der Erdenbewohner.
Dabei gibt die Erde eigentlich genug her, um alle zu sättigen. Dass es nicht so läuft, sei im Kern ein »Verteilungsproblem und eine Frage politischer Prioritätensetzung«, halten die Autoren des Reports fest. Dessen Titel »Armutslücke Welternährung« verweist auf das Dilemma: Ungleichheit schafft Armut, Armut zwingt Menschen zum Hungern und raubt ihnen die Möglichkeit, der Not zu entkommen – individuell wie gesamtgesellschaftlich. Wobei minderwertige Nahrung längst kein exklusives Problem des sogenannten globalen Südens ist. Auch in den reichen Industriestaaten sind wachsende Teile der Bevölkerung von gutem Essen abgeschnitten. Vor einem Jahr hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband für Deutschland ermittelt, dass sich fast 31 Prozent der Bürgergeldbezieher nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten können. Immer mehr sozial Bedürftige sparen sich ihre nackte Existenz gleichsam vom Mund ab.
Die Misereor-Analyse beziffert den Anteil der hierzulande schlecht Ernährten auf 13 Prozent. Den Leidtragenden fehlen demnach täglich 14,25 US-Dollar (rund 12,60 Euro) zum Erwerb von hochwertigem Gemüse, Obst, Fleisch oder Vollkornbrot. Die »Armutslücke Ernährung«, aufs Jahr und die Gesamteinwohnerzahl bezogen, liegt bei etwa 50 Milliarden Euro. Das entspricht nicht einmal einem Prozent der Wirtschaftsleistung und weniger als der Hälfte dessen, was der Bund in diesem Jahr in die Aufrüstung der Bundeswehr steckt – Stichwort: Prioritätensetzung. Das afrikanische Mosambik müsste dagegen fast 78 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) zusätzlich erwirtschaften, um alle Bürger satt und gesund zu machen. Dort gelten 92 Prozent als schlecht ernährt. Im Südsudan und in Malawi sind es 91 Prozent, gefolgt von Burundi mit 86 Prozent sowie der Zentralafrikanischen Republik und Haiti mit jeweils 85 Prozent. Am unteren Ende der Liste stehen Kasachstan und Aserbaidschan mit lediglich einem Prozent schlecht ernährter Bewohner und – man staune – Weißrussland und Russland mit vier beziehungsweise drei Prozent Betroffenen.
In der Gesamtsicht wären lediglich 1,31 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung beziehungsweise 2,79 Billionen US-Dollar pro Jahr erforderlich, damit sich alle Menschen gesund ernähren können. Umgerechnet sind das pro Person 1.000 US-Dollar jährlich oder 2,74 US-Dollar täglich. Die Misere zu beheben wäre angesichts der obszönen Anhäufung privater Reichtümer kein Luxus, sondern die Einlösung eines fundamentalen Menschenrechts. Immerhin verzeichnet der neueste Bericht einen leichten relativen Rückgang des Anteils der Leidtragenden um ein Prozent gegenüber 2024. In Subsahara-Afrika und der Region Nahost/Nordafrika hat sich demnach die Armutslücke verringert. Die »größte Verbesserung« weise Südasien auf. Andererseits sind aufgrund des Bevölkerungswachstums in absoluten Zahlen sogar leicht mehr Menschen betroffen als 2017.
Vor allem durch die Coronakrise sowie die wirtschaftlichen Verwerfungen infolge des Ukraine-Kriegs hatte sich die Lage zwischenzeitlich deutlich verschärft. Nicht zufällig haben sich im selben Zeitraum die Vermögen der Krisenprofiteure exorbitant vermehrt, während parallel dazu die Lebensmittelpreise förmlich explodierten. Laut Report sind die erforderlichen Ausgaben für eine gesunde Ernährung zwischen 2017 und 2025 um 46 Prozent gestiegen. In vielen Teilen der Welt sind die Einkommen nicht im selben Maß mitgewachsen. Die Ergebnisse zeigten, »wie wichtig es ist, die Folgen steigender Preise für Menschen mit niedrigen Einkommen abzufedern und ökonomische Ungleichheiten zu überwinden«, resümiert Misereor. Ob die Bundesregierung hingehört hat?
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