Marxlenin Pérez Valdés: In diesem Kampf nimmt die Solidarität einen strategischen Platz ein
Am Sonnabend wurde zum Abschluss der einwöchigen Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin ein Beitrag der kubanischen Philosophin und Publizistin Marxlenin Pérez Valdés zur Lage auf Kuba unter der US-Blockade vorgetragen:
Liebe Compañeros, Brüder und Schwestern unserer gerechten Sache.
Meine allererste Auslandsreise führte mich 2010 nach Europa.
Eines Tages überraschte uns der frühe Morgen, fast zu der Stunde, zu der der Busbetrieb bis zum nächsten Tag eingestellt würde, und wir waren noch nicht im Studentenwohnheim angekommen. Mit viel Mühe erreichten wir die »erste Haltestelle des guagua (Busses)« — wie wir in Kuba sagen —, doch bevor die Rückfahrt beginnen konnte, musste der Fahrer eine Pause machen. Dazu durfte niemand im Bus sein, er musste vollständig leer bleiben.
Obwohl wir die einzigen Fahrgäste waren, mussten wir draußen, auf der Straße, warten. Es war Februar, die Temperatur lag um null Grad (vielleicht darunter) und wir, nun mal Kubaner, waren am Erfrieren. Wir beschlossen, den Fahrer zu fragen, ob wir in der Zwischenzeit im Bus warten dürften. Fast schon im Begriff, dies abzulehnen, sah er uns wieder an und fragte vom Fahrersitz aus, woher wir kämen. »Wir sind Kubaner, wir kommen aus Kuba«, antworteten wir. Zuerst schien er nicht zu verstehen, woher– die Kommunikation lief in sehr schlechtem Deutsch unsererseits und in insgesamt nur mäßigem Englisch. Bis er dann mit weit aufgerissenen Augen und ohne zu überlegen sagte: »Kuba? Fidel!« Er ließ uns sofort einsteigen. Das war in Frankfurt am Main, in Deutschland, es war die erste Stadt, das erste Land, das ich auf meiner ersten Auslandsreise kennenlernte. Ich werde das nie vergessen, weder diesen Morgen noch mein Erstaunen angesichts meiner Überraschung, dass jener Mann jenseits der Meere uns auf Grund der Figur Fidel als Nation identifizierte.
Vor knapp einem Monat wollten wir, meine Mutter und ich, frühmorgens zu ihrem Termin beim Neurologen. Ohne die Hilfe eines verlässlichen Freundes wären wir nicht dorthin gelangt; der öffentliche Nahverkehr war angesichts des Kraftstoffmangels bis zum 1. September praktisch eingestellt. Während wir auf den Spezialisten warteten, der sie untersuchen sollte, »ging das Licht aus«. Da Gesundheitseinrichtungen in der Energieversorgung priorisiert werden, ahnten wir, dass etwas passiert sein musste. Das nationale Stromnetz (SEN) war wieder einmal, und dies in weniger als einer Woche, vollständig ausgefallen. Der Arzt konnte sie behandeln, obwohl sich die Situation des Krankenhauses verändert hat, das heute auf Gedeih und Verderb von den ihm zur Verfügung stehenden Treibstoffreserven abhängig ist – sie waren vorhanden. Er verordnete eine Magnetresonanztomographie und meinte, dies MRT müsste in einem anderen Krankenhaus durchgeführt werden, in seinem gebe es zwar das Gerät, aber es sei kaputt und konnte aufgrund der Blockade nicht repariert werden. Die Wartelisten für MRTs oder CTs sind lang; sie bedeuten mehrere Monate Wartezeit für die Patienten, die sie benötigen. Diese Untersuchungen bedeuten präzisere Diagnosen und präzisere Behandlungen – beides kann aufgrund fehlender Ressourcen nicht gewährleistet werden.
In den darauffolgenden Tagen gingen wir in eine andere Gesundheitseinrichtung. Die Ärzte, sichtlich peinlich betroffen, wiesen uns darauf hin: Es gibt kein Wasser. Wir sahen die Angehörigen der Krankenhauspatienten durch die Flure laufen – sie hatten Behälter dabei, um sich mit Wasser zu versorgen. Unter der in den letzten Monaten verschärften Wasserknappheit infolge der mangelnder Stromversorgung der Wasserpumpen leidet ein Krankenhaus in demselben Ausmaß wie das Viertel, in dem es sich befindet. Um dieses Problem abzumildern, liefert dann ein Wassertankwagen die lebenswichtige Flüssigkeit, aber sie reicht nicht aus.
Das Paradoxon überrascht sowohl die Patienten als auch das Krankenhauspersonal: Operieren oder nicht operieren? Die medizinische Versorgung bei Wassermangel einstellen oder improvisieren? Den Patienten, die zum Beispiel aus weit entfernten Provinzen angereist sind und ihr Gespartes für die Anreise in die Hauptstadt aufgebraucht haben, zu sagen, dass sie ihre Operation erneut verschieben müssen, bis die Bedingungen optimal sind? Die Verantwortung übernehmen und sie trotz allem operieren?
Ein Freund erzählte uns, dass sein Vater kürzlich an grauem Star operiert wurde. Es war mehr als ein Jahr vergangen, bis die Operation endlich möglich war. Auf der Liste für Augen-OPs, um wieder Sehkraft zu erlangen, stehen Tausende. Sie sind Teil der zutiefst bedrückenden Zahl von über 98.500 Patienten, darunter 12.000 Kinder und 118.200 Krebspatienten, auf Wartelisten für notwendige Operationen. Die US-Blockade von Technologien, Medikamenten und Strom für Operationssäle ist der Grund, aus dem sie keine angemessene Behandlung bekommen haben.
Vor drei Monaten hatte sich meine 85jährige Großmutter die Hüfte gebrochen. Die Diagnose war eindeutig, doch zunächst gab es keine andere Behandlungsmöglichkeit als Schmerzmittel. Die Warteliste für eine Hüftprothese ist, ebenso wie die für MRTs, CTs oder auch Brillen, gigantisch lang. Dank der Solidarität unter den Patienten selbst tauchte eine Prothese von jemandem auf, der eine solche nicht mehr benötigen würde, und als er von ihrem Fall erfuhr, meiner Großmutter die Prothese überließ. Die Operation verlief ausgezeichnet. Meine Großmutter hatte nicht nur keine Schmerzen mehr; sie konnte auch wieder gehen.
Dies sind nur winzige Beispiele dessen, womit dieses Volk konfrontiert ist, das allen Arten von wirtschaftlichem und psychologischem Druck seitens der US-Regierung ausgesetzt ist.
Leider findet sich in vielen Fällen nicht immer eine solch glückliche Lösung. Die uns aufgezwungenen materiellen Engpässe belasten das kubanische Gesundheitssystem tagtäglich. Die umfassende Blockade, die »chirurgisch präzise«, gezielt, darauf ausgelegt ist und umgesetzt wird, um uns zu zerstören – diese Blockade verhindert, dass neben dem Treibstoff, den sie nicht ins Land lassen, auch Medikamente, unterschiedlichstes Material, Reagenzien, Instrumente, Geräte und andere unverzichtbare Dinge nicht ins Land gelangen, mit denen der Staat – wie er es historisch immer getan hat – unsere öffentliche Gesundheitsversorgung gewährleistet.
Kuba kann auf zahlreiche Fachgebiete schauen, die umfassend entwickelt wurden; in die Tausende geht die Zahl seiner, dank der Revolution und Fidels Vision zur Entwicklung einer humanistische Wissenschaft, hervorragend ausgebildeten Fachärzte. Selbst unter den heutigen schrecklichen Umständen kämpfen unsere Ärzte unvermindert für das Leben und das Wohl der Kubaner
In diesem Kampf nimmt die Solidarität einen strategischen Platz ein. Deshalb unbedingt hervorzuheben ist, dass sich in jedem kubanischen Krankenhaus eine konkrete Geste dieser Solidarität findet, die schon mehr als einmal ein Leben gerettet und Hoffnung zurückgebracht hat. Diese Solidarität hat viele Gesichter, unterschiedlichste Formen der konkreten Umsetzung, und sie alle, so klein sie auch scheinen mögen, sind heute unverzichtbar. So, wie die Solidarität unserer Brüder und Schwestern aus anderen Ländern, die – selbst unter Einsatz ihres eigenen Lebens – von ihren Regierungen fordern, den verbrecherischen Krieg gegen Kuba zu beenden. Wie die unserer Compañeros, die Spenden schicken; lebensrettende Spenden, die die Blockade durchbrechen. Wie die Solidarität der Genossen, die dieselben Vorstellungen von Gerechtigkeit für Kuba und für die Welt verteidigen. Wie die der Männer und Frauen, die trotz Erpressung und der Lügen über unsere Insel in ihrer Solidarität nicht nachlassen.
Oder wie jenes Busfahrers, der uns in einer eiskalten Nacht in Frankfurt/M. vor der Kälte bewahrte. Ganz gleich, wie diese Solidarität aussieht – wichtig ist, sie zu vervielfachen.
Es ist an der Zeit, dass wir alle gemeinsam und entschlossen für eine Menschheit eintreten und in diesen »eng geschlossenen Reihen« ist es – inmitten von so viel Egoismus – die Liebe zum Nächsten, die den Unterschied macht.
Vielen Dank, Brüder und Schwestern: dafür, dass ihr helft, uns daran zu erinnern, dass nicht alles verloren ist. Hier halten wir weiterhin stand. Es gibt viel, das wir zu verteidigen haben, und wir werden dieses Projekt einer souveränen Nation nicht aufgeben, das uns dank Fidels Tatkraft der Welt als freies und würdiges Volk zeigt. ¡Hasta la victoria siempre!
Marxlenin Pérez Valdés ist als Referentin für die 32. Rosa-Luxemburg-Konferenz am 9.1.2027 in Berlin als Referentin angefragt (jW)
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