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Was entgegenen Sie den Vorwürfen?
Es gibt eine falsche Gleichstellung von Israelkritik und Antisemitismus, sagt Emmi Stiegler
Die Linke in Berlin-Neukölln ist immer wieder Ziel von Antisemitismusvorwürfen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz von der CDU intervenierte in den Wahlkampf und bezeichnete Ihren Bürgermeisterkandidaten Ahmed Abed als »ausgewiesenen Israel-Hasser«. Sie selbst sind im Tagesspiegel angegriffen worden, weil Sie auf einer Veranstaltung »Free Palestine« gesagt haben. Wie nehmen Sie das wahr?
In weiten Teilen der deutschen Medien nehme ich eine falsche Gleichstellung von Israel-Kritik und Antisemitismus wahr. Antisemitismusvorwürfe werden instrumentalisiert, um Kritik an der deutschen Regierung zu unterdrücken – was dem Kampf gegen realen Antisemitismus schadet. Die weitverbreiteten antisemitischen Einstellungen bei den Rechten und in der Mitte der Gesellschaft werden kaum thematisiert. Der Aufstieg der Rechten macht mir als Antifaschistin und Jüdin große Sorgen.
In Deutschland gehen vermutlich viele Menschen davon aus, dass sich alle oder zumindest die allermeisten Juden mit dem Staat Israel identifizieren.
Als deutsch-amerikanische Jüdin bin ich mit einem allgemeinen Gerechtigkeitsgefühl aufgewachsen – aber meine Familie ist auch subtil zionistisch, wie viele US-amerikanische Juden. Meine Baubie, also meine Großmutter, sammelte Unterschriften für Bürgerrechtsbewegungen, etwa für das Recht auf Abtreibung – erst später wurde mir klar, dass sie in bezug auf Palästina weniger fortschrittlich war.
Für mich hat Israel keine persönliche Relevanz – es ist ein fremder Staat wie jeder andere. Das, was in der Thora steht, ist für mich ein wichtiger Teil der historischen Erzählungen im Judentum, überträgt sich aber nicht auf den zionistischen Staat. Für mich ist es wichtig, auch als Deutsche, dass hier die Verantwortung übernommen wird, jüdischen Menschen Sicherheit zu bieten, anstatt dafür auf ein fremdes Land zu verweisen. Es ist antisemitisch, Juden mit einem fremden Staat zu identifizieren und ihnen dabei ihr Deutschsein abzuerkennen.
Wegen Zeilen wie »Yalla, Yalla, Intifada« steht ein Konzert des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung Ihres Bezirksverbands medial in der Kritik. Auch die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich. Was sagen Sie dazu?
Mir fehlt bei solchen medialen Empörungen eine faktenbasierte Einordnung der Tatsachen. Israel begeht seit bald drei Jahren mit Unterstützung Deutschlands einen Völkermord. Zehntausende Kinder sind getötet worden, tagtäglich kommen weitere dazu. Dies anzusprechen und zu kritisieren, wird vielen Menschen in diesem Land sehr schwer gemacht. Wir können über den Begriff Intifada diskutieren, antisemitisch ist er aber nicht. Ich wünsche mir von allen, die vorschnell urteilen, mehr Feingefühl und Solidarität in solchen Momenten.
Wie sind Sie ursprünglich zur Linkspartei gekommen?
Ich lebe seit neun Jahren in Berlin und arbeite seit sieben Jahren in der Entwicklung von Geflüchtetenunterkünften. Nach Beginn der Angriffe Israels auf Gaza im Oktober 2023 fehlte mir ein solidarisches Umfeld. Ich fühlte mich lange alleine mit meinem Entsetzen über den sich anbahnenden Völkermord. Und ich erlebte, wie die vermeintlichen Interessen von Jüdinnen und Juden instrumentalisiert wurden, um etwa Polizeigewalt zu rechtfertigen. Als jüdischer Mensch in Deutschland fühle ich mich in der palästinensischen Community sicher. Anfang 2024 besuchte ich meine erste Sitzung in meiner Linke-Basisorganisation und wurde hier sofort gehört und gesehen.
Sie kandidieren in Britz und Buckow – hier gewann die CDU bei den vergangenen Wahlen.
Beim Wahlkampf in Südneukölln geht es vor allem darum, als Linke Präsenz zu zeigen und die Menschen dort nicht den Rechten und Faschisten zu überlassen. Dabei wollen wir Vertrauen aufbauen und lokale Akteure stärken. Es ist nicht einfach, überall gleichermaßen vor Ort zu sein, aber jedes Gespräch und jeder Infostand haben einen Wert. Die Menschen erzählen von ihren Sorgen – seien es fehlende öffentliche Toiletten, schlechter Nahverkehr oder Angst vor der wachsenden Militarisierung. Ich verstehe es als meine Aufgabe, unmittelbare Lösungen zu finden und gleichzeitig zu schauen, wo es im Gesamtsystem nicht funktioniert.
Emmi Stiegler ist Stadtentwicklerin und tritt für Die Linke Neukölln als Direktkandidatin in Britz und Buckow an
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