Zum Inhalt der Seite
Arbeitsschutz

Rückzieher beim Hitzeschutz

Schweizer Bauunternehmer kündigen Kooperation zu Hitzeschutz auf. Politische Initiative vor dem Aus

Foto: Geisser/imago

Nach langem Taktieren kam die Kehrtwende. In der Schweiz werden die Bosse des Bauhauptgewerbes nicht mit den Gewerkschaften für mehr Arbeitsschutz bei Hitze einstehen. Das besagen Stellungnahmen des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV) von Ende August. Damit scheitert der zweijährige Versuch der größten Gewerkschaft der Eidgenossenschaft, der Baugewerkschaft Unia, ein politisches Bündnis mit den Unternehmern zu schmieden.

Augenscheinlich wurde die Abkehr von der Zusammenarbeit am 31. August. Die Unia lud zu einer Pressekonferenz, um die Folgen des Hitzesommers zu resümieren. Laut Gewerkschaft sei jeder sechste Maurer und Straßenbauer bereits wegen der hohen Temperaturen kollabiert oder habe miterlebt, wie es einem Kollegen passiert sei. Entsprechend bekräftigte die Unia ihre Forderung nach Baustopps ab einer Temperatur von 33 Grad Celsius.

Noch am selben Abend widersprach SBV-Pressesprecher Dominik Lüth in der Schweizer »Tagesschau«: »Bei 33 Grad einfach aufhören zu wollen mit den Bauarbeiten, das ist nicht praktikabel im Alltag.« Statt dessen wolle man flexible Arbeitszeiten und fordere den Verzicht auf Vertragsstrafen, würden Termine wegen hitzebedingter Verzögerungen verpasst. Mit dieser knappen Ansage kündigte der Baumeisterverband kurzerhand eine rund zweijährige Zusammenarbeit auf.

Im Sommer 2024 war es Unia gelungen, den Baumeisterverband für eine gemeinsame Stellungnahme zu gewinnen. Darin forderten die Verbände längere Baufristen und den erwähnten Strafverzicht. Beides entspricht eher den Interessen der Unternehmer. Eine dritte Formulierung kam eindeutig von der Unia: »Ab einer durch Meteo-Schweiz objektiv und regional prognostizierten Temperatur von 33 Grad und höher sollen schwere Arbeiten im Freien an nicht dauerhaft beschatteten Stellen eingestellt werden.«

Anzeige

Danach arbeiteten Gewerkschaft und Unternehmer auf verschiedenen Ebenen zusammen. Über verbündete Politiker lancierten sie 2024 eine Parlamentsinitiative, welche die Regierung beauftragte, sich des Themas Hitze anzunehmen. Das Gesuch ist vom Parlament bis heute nicht beschlossen. Beide Verbände nehmen am »Runden Tisch: Hitze auf dem Bau« teil, an dem sich auch staatliche Stellen und Bauherren beteiligen. Auch hier gibt es bislang kein Ergebnis.

Überraschend kam die Umkehr des SBV nicht. Bereits in der parlamentarischen Eingabe an die Regierung fällt auf, dass die Forderungen des Baumeisterverbands Eingang fanden, nicht aber ein Baustopp ab 33 Grad. Und auch der »runde Tisch« wurde der Gewerkschaftszeitung Work zufolge wohl bewusst von den Bossen torpediert. So erklärte der Baumeisterverband auf jW-Anfrage, »zwischen der Mitteilung vom Juni 2024 und der heutigen Haltung des SBV« bestehe kein Widerspruch. Vielmehr sei man um den Gesundheitsschutz der Arbeiter besorgt. Der SBV sei jedoch »überzeugt, dass starre Temperaturgrenzen den unterschiedlichen Bedingungen auf Baustellen nicht gerecht werden und in der Praxis oft nicht zielführend sind«.

So formulierte es bereits vor vier Jahren der damalige SBV-Sprecher Matthias Engel im Gespräch mit dem Podcast »4 × 4«: »Irgendwelche Forderungen nach Temperaturobergrenzen oder Windgeschwindigkeiten, ab denen eine Baustelle unterbrochen werden muss, finden wir kontraproduktiv. Lieber soll Stunde für Stunde die Lage auf der Baustelle beurteilt werden.« Die Entscheidungsgewalt über die vorübergehende Schließung von Baustellen wollten die Chefs bei sich belassen.

Folgenlos ist der gescheiterte Bündnisversuch für die Gewerkschaft indes nicht. Im vergangenen Jahr stand die Erneuerung des Tarifvertrags im Bauhauptgewerbe an. Die Unia verzichtete dabei darauf, das Hitzethema im Tarifvertrag zu regeln, vermutlich aus Rücksicht auf den politischen Prozess. Jetzt stehen die Bauarbeiter mit leeren Händen da.

Außerdem weichen heutige Forderungen nach Baustopps stets leicht von früheren ab. Damals verlangte die Gewerkschaft schlicht, die Arbeiten seien ab einer bestimmten Temperatur einzustellen. Auf der Unia-Pressekonferenz vom 31. August hieß es dann, »schwere Arbeiten« im Freien seien zu unterbrechen, »außer es sind pro Stunde 15 Minuten Pause an einem gekühlten Ort möglich«.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 17.09.2026, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!