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Religion

Perverse Muslime, prüde Muslime

Homosexuelles Begehren war lange Zeit normal in der islamischen Welt, doch dann kam der Siegeszug des europäischen Kolonialismus

Von David Siegmund-Schultze
Foto: Musée du Louvre/Claire Tabbagh
Homoerotische Zärtlichkeit: Der persische Herrscher Schah Abbas I. (1571–1629) mit einem Pagen

Am späten Abend des 25. Juli fährt ein Mann mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge im Berliner Tiergarten am Rande der Feierlichkeiten zum Christopher Street Day. Der Täter attackiert daraufhin weitere Personen mit einer Machete. Er tötet eine Frau und verletzt mehr als 30 Menschen. Der mutmaßliche Attentäter Abdul B., der 2025 erfolglos versuchte, sich dem »Islamischen Staat« anzuschließen, wird am Tag darauf von der Polizei erschossen.

In den Schock über die Tat und die Bekundungen der Anteilnahme gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen mischten sich erwartbar schnell auch Wortmeldungen von Politikern jeglicher Couleur, die das Ereignis in ihrem Sinne zu deuten versuchten. Mit den im September bevorstehenden Landtagswahlen in Berlin und Sachsen-Anhalt befanden sich die Parteien bereits Ende Juli im Wahlkampf. Während aus den Statements der Linken vor allem die Sorge sprach, der Anschlag könnte für rassistische Stimmungsmache instrumentalisiert werden, reagierte CSU-Innenminister Alexander Dobrindt mit den üblichen Forderungen, die Befugnisse von Polizei und Justiz auszuweiten. Die vermeintliche Lösung diesmal: Präventivhaft.

Ebenso erwartbar wie kurios kamen die Stellungnahmen der AfD daher: Ausgerechnet die Partei, die sich die »Wiederbelebung« der heterosexuellen Kernfamilie samt patriarchaler Geschlechterrollen sowie den Kampf gegen »Wokismus« auf die Fahnen geschrieben hat, sprach nach dem Anschlag auf den CSD von der Verteidigung »unserer Werte«. Wenn es darum geht, die vermeintliche Fremdheit von Muslimen oder die »Gefahr des Islams« zu betonen, ist die AfD anpassungsfähig.

Für konservative bis rechte Kommentatoren bestätigte die Tat, was für sie ohnehin feststand und sich seit dem Anschlag auf das World ­Trade Center in New York am 11. September 2001 sukzessive in das öffentliche Bewusstsein in Deutschland eingebrannt hat: Der Islam sei eine rückständige Religion, deren Werte inkompatibel mit denen der europäischen Gesellschaften seien. Gewalt gegenüber Ungläubigen oder Andersdenkenden sei demzufolge ein dem Islam inhärenter Wesenszug – und Muslime seien deshalb eine Gefahr. Dieses Narrativ fällt in Deutschland, wo antimuslimische Einstellungen immer populärer werden, auf fruchtbaren Boden. Laut dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung 2023 geben 52 Prozent der nichtmuslimischen Deutschen an, dass sie den Islam als Bedrohung empfinden. 58 Prozent stimmen der Aussage zu, Muslime richten sich gegen die Freiheiten und Rechte der Menschen, 45 Prozent glauben, Muslime rufen zur Gewalt auf. Laut dem Motra-Monitor 2026 (Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung) haben mehr als 28 Prozent eine »manifest muslimfeindliche Einstellung«. Fast 63 Prozent der Deutschen stimmen demnach der Aussage »Es gibt zu viele Muslime in Deutschland« ganz oder teilweise zu.

Mittelalterlicher Islam?

Besonders auffällig waren nach dem Anschlag im Tiergarten Kommentare, die eine vermeintlich dem Islam innewohnende Homophobie betonten – in Abgrenzung zu einem angeblich so liberalen Deutschland. Die islamische Welt habe die Phase der Aufklärung nicht durchgemacht, stecke quasi noch im Mittelalter fest, heißt es dann. Ungeachtet der begrifflich-historischen Verwirrungen, die bei solchen Einstellungen zum Vorschein kommen – so ist die mehrheitliche Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe in den europäischen Gesellschaften doch ein weitaus jüngeres Phänomen und sind die Vorstellungen, eine sexuelle Vorliebe bestimme die gesamte Identität eines Menschen und Abweichungen von der Norm müssten pathologisiert bzw. bekämpft werden, erst mit der Aufklärung entstanden –, drängt sich die Frage auf, wie tatsächlich in islamisch geprägten Gesellschaften über Homosexualität gedacht wurde und wird. Wobei der Begriff der Homosexualität zumindest für die Betrachtung des vormodernen Islams unpassend ist, handelt es sich doch um ein modernes, europäisches Konzept. Passender ist deshalb, für diese Phase von homosexuellen Handlungen zu sprechen.

Was ist im Koran zu homosexuellen Praktiken zu finden? Je nach Interpretation nicht viel bis nichts. Es gibt zwei Stellen im heiligen Buch der Muslime, die immer wieder auf gleichgeschlechtlichen Sex bezogen wurden. In Sure 4, Vers 16, heißt es: »Und die beiden von euch, die es tun (den illegalen Geschlechtsverkehr, D. S.-S.), – prangert sie an. Wenn sie dann bereuen und Besseres tun, so lasst von ihnen ab. Gott ist reueannehmend und barmherzig.« Es herrsche jedoch Uneinigkeit darüber, ob an der Stelle zwei Männer oder ein Mann und eine Frau gemeint seien, so der islamische Theologe Ali Ghandour.¹

Die zweite Stelle bezieht sich auf die biblische Geschichte des Propheten Lot, dessen Volk in schwerer Sünde lebte und von Gott bestraft wurde, weil es trotz der Warnungen durch Lot nicht von den Sünden ablassen wollte. In Passagen wie Sure 27, Vers 55, ist von sündhaften sexuellen Handlungen die Rede, die muslimische Juristen schon früh auf den Analverkehr zwischen Männern bezogen, ohne dass dies im Koran explizit erwähnt wird. Die Auslegung im Sinne von Analverkehr deutet laut Ghandour darauf hin, dass sich muslimische Juristen an jüdischen bzw. christlichen Quellen orientiert haben.² Bestrafungen werden in den betreffenden Koranstellen nicht genannt. Da es auch keine gesichert authentischen Hadithe (Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds, die als zweitwichtigste Quelle für islamisches Recht nach dem Koran gelten) zu homosexuellen Handlungen gibt, basierten die diesbezüglichen Normen islamischer Juristen auf Analogieschlüssen.

Harte Normen, tolerante Praxis

Angesichts der schwachen Quellenbasis ist es kein Wunder, dass die unterschiedlichen islamischen Rechtsschulen weit auseinandergehende Normen zum Thema entwickelten: Die Malikiten und Imamiten behandeln Analverkehr zwischen Männern wie nichtehelichen Sex und sehen dafür die Todesstrafe vor. Gleiches gilt bei den Hanbaliten für verheiratete Männer, bei Unverheirateten sind 100 Peitschenhiebe vorgesehen. Die Schafiiten unterscheiden nochmals zwischen Penetrierendem und Penetrierten beim Analverkehr. Für Penetrierende gilt dasselbe wie bei den Hanbaliten, für unverheiratete Penetrierte sind dagegen Peitschenhiebe und Verbannung vorgesehen (mit Ausnahme von Vergewaltigten). Die Hanafiten und die Mehrheit der Zahiriten sehen eine disziplinäre Strafe im Ermessen des Richters vor. Weitere tradierte Rechtspositionen gehen von keinerlei Strafe aus. Dass Strafen wie Steinigungen oder Auspeitschen für Analverkehr zwischen Männern in einigen Rechtsschulen vorgesehen sind, obwohl weder im Koran noch in den Hadithen davon die Rede ist, zeigt: Die Normen müssen auch als Echo vorislamischer (also altpersischer, christlicher, jüdischer oder zoroastrischer) Vorstellungen verstanden werden.

Wie drastisch diese festgeschriebenen Strafen auch sind, tatsächlich angewandt wurden sie laut Ghandour oder dem Islamwissenschaftler Thomas Bauer in der gesamten Periode des vormodernen Islam, also bis ins 19. Jahrhundert hinein, quasi nie.³ Denn die Hürde für eine Verurteilung wurde nahezu unüberwindbar hoch gesetzt: Es brauchte vier Zeugen, die den Analverkehr zwischen Männern oder Vaginalverkehr zwischen Unverheirateten gesehen haben, und frei, männlich und muslimisch waren. Eine Bezichtigung ohne die nötigen Zeugen war außerdem selbst eine Straftat. Unter den Juristen galt zudem das Ideal, die Vergehen anderer zu übersehen und nicht anzuklagen, so der Islamhistoriker Khaled El-Rouayheb.⁴ Bauer habe beim Durchforsten gerichtlicher Chroniken nur einen einzigen Fall entdeckt, bei dem eine Ehebrecherin 1680 in Konstantinopel gesteinigt wurde. Doch die Hinrichtung sei eindeutig politisch motiviert gewesen. Der zeitgenössische Chronist, der das Ereignis festhielt, kommentierte: »Und so etwas ist seit der Frühzeit des Islams noch nie vorgekommen!«⁵

Wichtiger noch: Der religiös-juristische Diskurs fristete in Bezug auf Sex und Liebe eher ein Randdasein in der Gesellschaft und ist keineswegs als Spiegel der gelebten Realität zu verstehen. Homosexuelles Begehren und Lieben – das übrigens im juristischen Diskurs, der sich ausschließlich auf sexuelle Praktiken bezieht, keine Beachtung findet – war in den muslimisch geprägten Gesellschaften bis zum 19. Jahrhundert eine Normalität. Gleiches gilt je nach Ort und Zeit auch für gleichgeschlechtlichen Sex und Beziehungen. Die wichtigste Gedichtform, wenn es um Liebe geht, der Ghasel, war voll von Homoerotik. Selbst religiöse Autoritäten wie der 1372 in Kairo geborene Ibn Hadschar Al-Askalani, Mufti und einer der bedeutendsten Hadithwissenschaftler der Geschichte, verfassten homoerotische Verse auf hübsche Jünglinge. »Seit der abbasidischen Zeit (ab 750 u. Z.) begegnen uns gleichgeschlechtliche Beziehungen in allen Schichten der Gesellschaft. Die Quellen geben uns reichlich Material über Kalifen, Wesire, Generäle, Dichter und Händler, die gleichgeschlechtliche Beziehungen unterhielten«⁶, so Ghadour.

Freilich waren auch homosexuelle Beziehungen von patriarchalen Normen geprägt. Ältere Männer dominierten jüngere in päderastischen Verhältnissen. Wenn die Jünglinge älter wurden, ihnen ein Bart wuchs, und damit die Hierarchie zwischen ihnen in Frage gestellt werden konnte, schwand die gesellschaftliche Akzeptanz. In einem ganzen Gedichtgenre, dem apologetischen Bartwuchsepigramm, suchten Dichter nach Rechtfertigungen, die Beziehung trotz der gesellschaftlichen Ächtung weiterzuführen: »Sie sagten, als sie sahen, wen ich liebe: / Daß ihm der Bart wächst, will’s dich nicht verdrießen? / Sie sind ja blind! Wenn sie die Sache recht / besäh’n, wie schnell sie ihren Tadel ließen! / Denn wer in kahler Gegend Heimat fand, / der zieht nicht fort, wenn Frühlingsblumen sprießen!«⁷, verfasste etwa der 1054 u. Z. im heutigen Irak geborene Dichter Ibn Al-Hariri.

Auf Zivilisierungsmission

Aus europäischer Perspektive blickte man mit einer Mischung aus Faszination und Ekel auf derartige »Sittenlosigkeit«. Der englische Seemann Joseph Pitts kommentierte im 17. Jahrhundert seine Eindrücke aus Algier: »Diese schreckliche Sünde der Sodomie ist so weit davon entfernt, unter ihnen bestraft zu werden, dass es Teil ihrer Gewohnheit ist, sich mit ihren abscheulichen Handlungen dieser Art zu rühmen. Es ist üblich, dass Männer dort sich in Jungen verlieben, wie sich hier in England in Frauen verliebt wird.«⁸

Im christlichen Diskurs haftete dem Sex stets die Ambivalenz an, im Sinne der Fortpflanzung zwar geboten, als Genuss jedoch sündhaft zu sein – eine Vorstellung, die der islamischen Welt (wenn es sich um eine legitime Beziehung handelt) bis heute fremd ist: Sex ist selbst im religiösen Diskurs ausschließlich positiv konnotiert, gilt gar als Vorgeschmack auf das Paradies. In Westeuropa löste im 19. Jahrhundert der wissenschaftlich-rationale den religiösen Diskurs über Sex ab. »Abweichender« Sex, der nicht der Fortpflanzung dient, wurde von einer Sünde zu einer Pathologie. Das Konzept der Homosexualität entstand – damit war eine krankhafte Persönlichkeit gemeint, der sich Ärzte und Psychiater anzunehmen haben.

Der französische Psychiater Bénédict Morel entwickelte Mitte des 19. Jahrhunderts die Degenerationstheorie. Seine These: Negative Umwelteinflüsse führen zur Vererbung schlechter körperlicher und moralischer Eigenschaften und zur »Degeneration« der Bevölkerung. Die schlimmsten von Morel identifizierten »Entartungen«: sexuelle Abweichungen, insbesondere Homosexualität. Derartige Vorstellungen wurden bald auch auf die islamische Welt übertragen und als Begründung für deren vermeintliche Rückständigkeit und Dekadenz angeführt. Aufbauend auf dem orientalischen Diskurs, der bereits zuvor die »(homo)sexuellen Ausschweifungen« der islamischen Welt exotisiert hatte, wurde nun die Kolonisierung als zivilisierende Mission gerechtfertigt.

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Es galt, zum Zwecke des Fortschritts zu intervenieren, und den »entarteten« islamisch-arabischen Sex zu disziplinieren. Es sei dahingestellt, ob die Europäer in erster Linie materielle Interessen oder eher verblendet-ideelle Ziele antrieben. Denn ihre Dekadenztheorie war wirkmächtig. Die Eliten in der islamischen Welt, deren wirtschaftliche und militärische Unterlegenheit gegenüber den europäischen Staaten im 19. Jahrhundert bereits deutlich war und die zunehmend von ihnen abhängig wurden, übernahmen die Erzählung rasch. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden erste Bücher zur Sexualkunde, die die viktorianische Sexualmoral reproduzierten. Lust und Genuss, die in der Ratgeberliteratur der Jahrhunderte zuvor ausgiebig thematisiert worden waren, kamen darin nicht mehr vor. Die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Nationalstaaten, etwa in der Türkei Kemal Atatürks oder im Iran unter Reza Schah Pahlavi, orientierten ihre Rechtsprechung an diesen Konzepten: »Geschlechtliche Übertretungen« wie außerehelicher oder gleichgeschlechtlicher Sex wurden unter Strafe gestellt.

Zwar war nichtehelicher Sex, wie bereits erwähnt, auch schon gemäß fast allen islamischen Rechtsschulen verboten, doch hatten die Juristen nicht die Macht und zumeist wohl auch nicht den Willen, dieses Verbot durchzusetzen. Erst mit der Entstehung des modernen Nationalstaats samt seinem Erziehungseifer und Repressionsapparat begann die Jagd auf Homosexuelle. Der Einzug der Binarität von Homo- und Heterosexualität und die Zuschreibung des gleichgeschlechtlichen Begehrens als krankhaft hatten laut Bauer zur Folge, dass die Menschen ihre sexuellen Praktiken immer mehr verheimlichten und ein Fremdheitsgefühl ihrem Körper gegenüber entwickelten. Die »zunehmende Verdrängung des ›falschen‹ Begehrens führte schließlich auch im Nahen Osten zur Entstehung von Homophobie«, der diese »als westliches Kulturgut«⁹ übernahm, konstatiert der Islamwissenschaftler. Die Homoerotik verschwand aus dem Ghasel und wurde nachträglich wahlweise aus den Liebesgedichten herausgestrichen oder als Nachweis für die Verdorbenheit der eigenen Vergangenheit angeführt. Von säkularen Nationalisten bis zu Islamisten: Alle politischen Kräfte gingen fortan davon aus, dass man sich von der eigenen Geschichte und ihren vermeintlichen Lastern lösen müsse.

Nur oberflächlich antiwestlich

Der Einschnitt, der die Übernahme viktorianischer Sexualmoral in den muslimisch geprägten Gesellschaften mit sich brachte, war tief. Das zeigt sich auch in der Gesetzgebung: Mit der Ausnahme unter anderem der Türkei, Albaniens und Jordaniens steht Homosexualität in den meisten Staaten der islamischen Welt heute unter Strafe. In Saudi-Arabien, Iran, Nigeria und Sudan drohen gar die Todesstrafe, in Ägypten, Marokko oder Pakistan lange Haftstrafen. Dahingegen sind homophobe Einstellungen in den europäischen Ländern und ihren ehemaligen Kolonien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen – auch wenn in der Bundesrepublik der Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs von 1871, demzufolge »widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird«, mit Gefängnis zu bestrafen sei, erst 1994 gestrichen wurde und in den USA homophobe Sodomiegesetze in einigen Bundesstaaten noch bis 2003 bestanden (außerdem konnten bis 2010 Schwule vom US-Militär ausgeschlossen werden).

Dennoch: Mittlerweile besteht in den meisten europäischen Staaten das Selbstbild einer in Bezug auf die Rechte von Frauen sowie Homosexuellen liberalen und toleranten Gesellschaft. Die Wertevorstellungen in der islamischen und europäischen Welt haben sich umgekehrt. Gleich geblieben ist jedoch, dass die Europäer ihre eigenen Werte als universell gültig erklären und dem Rest der Welt überstülpen wollen. So wurden die militärischen Interventionen der USA und ihrer Partner im Nahen Osten nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 von einem Diskurs begleitet, der mit seinen Forderungen nach »Zivilisierung« an die Rechtfertigungen zur Kolonialisierung der islamischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert erinnerte. Damals sollte der perverse, heute der prüde Islam bekämpft werden.

Die Reaktion fundamentalistischer Muslime darauf kommt oberflächlich als antiwestlich daher. Doch die Sexualmoral und Homophobie islamistischer Bewegungen erinnern stark daran, wie noch im 19. Jahrhundert aus europäischer Perspektive auf die islamische Welt geblickt wurde. Der »westliche Sex« und insbesondere seine Homosexualität werden als »sündhaft« angegriffen, gelten als Normbruch und Zeichen des Niedergangs eines dekadenten Westens. Der ideale Muslim wird als Gegenbild zu dieser »Sittenlosigkeit« konstruiert. Dabei kommen etwa in der Sexualmoral der Muslimbrüder nicht »archaische« Traditionen des klassischen Islams, sondern vielmehr viktorianische Vorstellungen zum Vorschein, wie der Islamwissenschaftler Stefan Weidner zeigt.¹⁰

Was nicht ins Schema passt

Opfer dieses Wandels sind in erster Linie diejenigen, die im Namen des Kampfes gegen die Homosexualität in muslimisch geprägten Staaten verfolgt werden. Mit ihrem Anliegen, diese Menschen zu schützen, schaffen europäische und US-amerikanische Schwulenorganisationen jedoch neue Probleme, argumentiert der Politikwissenschaftler Joseph Massad in »Desiring Arabs« (2007).¹¹ Denn Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, würden von jenen Akteuren, die Massad als »Gay International« bezeichnet, zu Schwulen und Lesben definiert, selbst wenn sie sich gar nicht mit diesen Kategorien identifizieren. Die Schwulenorganisationen würden sie dazu drängen, sich zu outen, dabei sei es in der arabischen Welt »eher die öffentliche Zurschaustellung sozio-sexueller Identitäten als die sexuellen Handlungen selbst, die Repression hervorruft«.¹² Mit dem damit einhergehenden Bekenntniszwang zerstöre die »Gay International« Massad zufolge »soziale und sexuelle Konfigurationen des Begehrens, um eine Welt nach ihrem eigenen Abbild zu erschaffen«.¹³

Massad kommt mit seiner Kritik an der »Gay International« jedoch einer Verharmlosung der Unterdrückung von als homosexuell markierten Menschen durch repressive Staaten gefährlich nahe. Es macht den Anschein, als würde er die gewaltvolle Reaktion jener Staaten auf die Kampagnen der Schwulenorganisationen als unvermeidlich akzeptieren. Außerdem gibt es zweifellos Schwule und Lesben im Nahen Osten, die sich als solche identifizieren – ob durch die Übernahme hegemonialer westlicher Sexualitätsdiskurse oder nicht – und die man im Kampf gegen Repression unterstützen muss. Nichtsdestotrotz macht Massad einen wichtigen Punkt: Europäische Menschenrechtsorganisationen, die der Vorstellung einer strikten Binarität von Hetero- und Homosexualität verhaftet bleiben, schaden den nichtidentitären Modellen von »Homosexualität« (wie homoerotischen Freundschaften), die als Restbestände der Vormoderne an den Rändern der islamischen Welt fortbestehen.

Zu welchen Verwirrungen es führen kann, wenn Europäer auf die Restbestände dieser Kultur treffen, zeigen Berichte der NATO-Invasion in Afghanistan, die der Soziologe Georg Klauda wiedergibt: »›Die schlafen zusammen im Schlafsack und singen sich Gedichte ins Ohr‹, erzählt der Münchener Fotograf Thomas Dworzak ungläubig seine Erlebnisse von der afghanischen Front. ›Ob das jetzt Homosexualität im europäischen Wortsinn ist, weiß ich nicht.‹ Jedenfalls sei ein ausländischer Journalist völlig ausgerastet, als ein afghanischer Soldat ihm in den Schritt fasste, und habe alle Mudschaheddin verprügeln wollen.«¹⁴ Auch britische Soldaten sollen laut eines Berichts der schottischen Tageszeitung The Scotsman von 2002 verwundert über die afghanischen Männer gewesen sein, so Klauda: »›Die abgehärtete Truppe, ihre Gesichter verdeckt von Camouflagecreme und mit dem schweren Gewicht von Waffen, Radios und Munition beladen, wurde mit Afghanen konfrontiert, die ihre Haare streicheln wollten.‹ Corporal Paul Richard wird mit den Worten zitiert: ›Es war die Hölle. In jedem Dorf, in das wir gingen, kam eine Gruppe von Männern auf uns zu, die Make-up trugen, unsere Haare und Wangen streichelten und Kussgeräusche machten.‹ ›Furchterregender als die Al-Qaida‹ bezeichnete gar der Marine James Fletcher die afghanischen Männer. ›Sie halten Händchen und trippeln so im Dorf herum.‹«¹⁵

Schilderungen wie diese zeigen, dass Homoerotik nicht aus allen Ecken der islamischen Welt und ihrer Kultur verschwunden ist. Gleichzeitig sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Homophobie heute in weiten Teilen dieser Welt institutionalisiert ist; gerade islamistische Kräfte erklären Schwule und Lesben zu Kranken, die es zu heilen gelte. Derartige Erzählungen verfangen auch bei deutschen Muslimen. Wer jedoch Gewalt gegen Homosexuelle hierzulande auf ein Problem der Muslime und des Islams beschränken will, verschweigt nicht nur die hausgemachte Homophobie, sondern verkennt auch, dass die Feindlichkeit gegen Schwule und Lesben erst durch den Kontakt mit der europäischen Moderne in die islamische Welt kam.

Anmerkungen

1 Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah. Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime. München 2019, S. 72

2 Ebd., S. 73

3 Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin 2011, S. 280, und Ghandour, S. 77

4 Khaled El-Rouayheb: Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500–1800. Chicago 2009, S. 123

5 Bauer, S. 281

6 Ghadour, S. 81

7 Zit. n. Bauer, S. 289

8 Zit. n. El-Rouayheb, S. 1 f.

9 Bauer, S. 309

10 Vgl. Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein kosmopolitisches Denken. München 2018

11 Vgl. Joseph Massad: Desiring Arabs. Chicago 2007

12 Ebd., S. 197

13 Ebd., S. 189

14 Georg Klauda: Globalizing Homophobia. In: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität 10, 2003, online: www.phase-zwei.org/hefte/artikel/globalizing-homophobia-1831

15 Ebd.

→ David Siegmund-Schultze ist Redakteur der Tageszeitung junge Welt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.09.2026, Seite 12, Thema

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