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Schweden

Anerkannt, aber nicht gefördert

Die Tornedalinger sind eine von fünf offiziellen nationalen Minderheiten in Schweden. Die staatliche Unterstützung lässt aber zu wünschen übrig. Eine Reportage aus dem Grenzgebiet zu Finnland

Foto: Roland Aspviken
»Proletarischer Internationalismus«. Das Monument im Wald bei Kaalama erinnert an finnische Kommunisten, die von hier aus Widerstand gegen die deutschen Besatzer in Finnland organisierten

Soltorget, der »Sonnenplatz«, in Pajala. Besonders sonnig ist es nicht, dafür arschkalt. Gut, kann im hohen Norden Schwedens selbst im Sommer passieren. Es ist sieben Uhr abends, Menschen sind weit und breit keine in Sicht, und das obwohl der Ort immerhin 5.500 Einwohner hat. In diesen Breitengraden macht das Pajala quasi zur Metropole. Dem Sonnenplatz gegenüber weht eine gelb-weiß-blau-gestreifte Flagge vor dem Rathaus. Es handelt sich um die Flagge Tornedalens. Die Farben deuten an, dass sich die Region über die Grenze zwischen zwei Staatsgebieten erstreckt, dem schwedischen und dem finnischen.

Tornedalen bezeichnet das Tal des Flusses Torne, der etwa 275 Kilometer nordwestlich von Pajala entspringt und bei den Schwesterstädten Haparanda (Schweden) und Tornio (Finnland) in den Bottnischen Meerbusen mündet. Auf den letzten 200 Kilometern bildet er die Grenze zwischen Schweden und Finnland. Tornedalinger leben auf beiden Seiten des Flusses, doch unter gänzlich unterschiedlichen Voraussetzungen: In Finnland handelt es sich schlicht um Finnen mit einem eigenen Dialekt, der lange als »Tornedalsfinska«, also als »tornedalisches Finnisch«, bezeichnet wurde. In Schweden gelten die Tornedalinger als nationale Minderheit und das Tornedalsfinska als eigene Sprache, nunmehr »Meänkieli« genannt, was soviel wie »unsere Sprache« bedeutet. Die Tornedalinger sind eine von fünf offiziell anerkannten nationalen Minderheiten in Schweden, neben den Sámi, den Schwedenfinnen, den Romani und der jüdischen Gemeinde.

Am Soltorget in Pajala findet sich auf einer unscheinbaren Tafel ein Gedicht von Bengt Pohjanen, einem der berühmtesten Autoren Tornedalens. Es trägt den Titel »Geboren ohne Sprache« und ist in sechs Versionen zu lesen: Schwedisch, Samisch, Finnisch, Meänkieli, Romani und Jiddisch. Der zweite Vers lautet: »Ich wuchs an der Grenze auf / Im Kreuzfeuer zweier Sprachen / Die meine Zunge peitschten / Bis ich verstummte.«

Zur offiziellen Anerkennung der nationalen Minderheiten durch die schwedische Regierung kam es im Jahr 2000. Der Anerkennung war jahrelange Lobbyarbeit vorausgegangen. Sie macht es einfacher, staatliche Förderungen zu erhalten, vor allem für Kulturarbeit und Sprachunterricht.

Die Tornedalinger werden in Schweden oft als »unsichtbare« oder »vergessene« Minderheit bezeichnet. Sie erhalten in den Medien wenig Aufmerksamkeit und sind als Minderheit kaum wahrnehmbar. Wer als Tourist durch Tornedalen reist, ohne die Geschichte der Region zu kennen, wird wenige Unterschiede zum Rest Schwedens erkennen. Nur wer aufmerksam hinhört, vernimmt den finnischen Dialekt, den viele Menschen untereinander sprechen.

Das Zeitalter der Identitätspolitik bringt Differenzierungen mit sich. Der Begriff »Tornedalinger« wurde inzwischen ausgeweitet. So gibt es rund um die Bergbaustädte Malmberget und Kiruna, rund 200 Kilometer westlich von Pajala, Meänkieli sprechende Gemeinden, deren Angehörige sich nicht unbedingt als Tornedalinger verstehen. Hier ist der Begriff »Lantalaiset« gebräuchlich, was so viel wie »Sesshafte« bedeutet. Der Begriff grenzt diese Menschen historisch von den samischen »Lappalaiset« ab, die eine nomadische Existenz führten. Darüber hinaus gibt es Gruppen in anderen Regionen Skandinaviens, die eine dem Meänkieli ähnliche Sprache sprechen, vor allem in Norwegen. Für diese hat sich der Begriff »Kvenen« etabliert.

Die Selbstdefinition zählt

Der Fluss Torne ist vom Soltorget in Pajala nur einen Steinwurf entfernt. Pajala und Övertorneå beherbergen die meisten tornedalischen Einrichtungen. Övertorneå liegt auf halber Strecke zwischen Pajala und Haparanda. Dort lebt auch Göran Lahti, Pressesprecher der bedeutendsten Organisation der Tornedalinger in Schweden, dem Svenska Tornedalingars Riksförbund – Tornionlaaksolaiset (STR-T).

Ich treffe Lahti in einem Café gegenüber dem Studio von Meänraatio, von wo aus täglich ein einstündiges Radioprogramm auf Meänkieli gesendet wird. Das Programm ist ein wichtiger Bezugspunkt für Tornedalinger, selbst für solche, die es sich nie anhören.

Neben einem Anstecker mit der tornedalischen Flagge trägt Lahti auf seiner Jacke auch einen mit der kvenischen. Diese besteht aus einem gelbroten Sonnensymbol auf blauem Hintergrund. Lahti betont, dass im STR-T die Begriffe »Tornedalinger«, »Lantalaiset« und »Kvenen« gleichberechtigt verwendet werden. Mit welchem Begriff sich einzelne identifizieren, sei ihre Entscheidung. »Alle müssen den wählen, der ihnen am besten passt.« Manche wählen alle drei.

Es gibt in Schweden keine objektiven Kriterien, die die Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit bestimmen. Selbstdefinition ist entscheidend. Freilich wird die Sprache immer wieder als Kriterium ins Spiel gebracht, doch auch das ist kompliziert. In vielen tornedalischen Familien geht Meänkieli verloren. Die Sprache ist unter den jüngeren Generationen nicht sehr verbreitet.

The Magnettes sind eine international erfolgreiche Popband, die 2007 von Sanna Kalla und Rebecka Digervall in Pajala gegründet worden war. Digervall erklärte vor einigen Jahren in Schwedens Fernsehen: »Meine Generation wurde ihrer Sprache beraubt. Es wurde nicht als notwendig erachtet, sie an uns weiterzugeben. Außerdem wurden viele von uns dazu gebracht, sich für die Sprache zu schämen.« Für ihre Bandkollegin Kalla geht die Bedeutung von Meänkieli über das Kommunikative hinaus: »Ich spreche nicht Meänkieli, aber die Sprache zu hören, vermittelt mir ein Gefühl von Sicherheit – es ist wie mit alter Musik, mit der du aufgewachsen bist.«

Ohne allgemein akzeptierte Kriterien nationale Minderheiten zu definieren, das ist nicht einfach. Manche Leute behaupten daher, dass alle Menschen, die in Tornedalen leben, als Tornedalinger gesehen werden sollten. Das jedoch verwässert den Status als nationale Minderheit. Schließlich leben in Tornedalen auch zahlreiche Schweden, die aus anderen Regionen des Landes dorthin gezogen sind und mit Meänkieli und traditioneller tornedalischer Kultur wenig zu tun haben.

Ich besuche Bengt Pohjanen, den Verfasser des am Soltorget zu lesenden Gedichts. Er lebt mit seiner Frau Monika, einer Künstlerin, direkt am Fluss Torne, etwa 50 Kilometer südlich von Pajala. Das Landgut, auf dem die beiden wohnen, befindet sich seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Neben dem Wohnhaus gibt es Schuppen, die wahlweise als Speicher oder Atelier dienen.

Pohjanen, der auf Schwedisch, Finnisch und Meänkieli schreibt, bringt einen problematischen Aspekt ins Spiel, wenn es um die Sprache geht. Er meint, dass der Unterschied zwischen Finnisch und Meänkieli immer mehr verschwinden würde. Es gäbe heute Menschen in Tornedalen, die behaupten, Meänkieli zu sprechen, während es eigentlich Finnisch sei. Der Bewahrung der Sprache tut das laut Pohjanen nicht gut. Doch die Behauptung, Meänkieli statt Finnisch zu sprechen, erleichtert den Zugang zu Fördergeldern.

Eine deutliche Abgrenzung von Meänkieli zu Finnisch ist für die Identität der Tornedalinger auf der schwedischen Seite des Flusses wichtig. Nicht nur, weil Finnisch in Schweden als eigene Minderheitensprache gilt, sondern vor allem, weil Tornedalinger und Schwedenfinnen eine unterschiedliche Geschichte haben. Tornedalinger wohnen seit Jahrhunderten auf schwedischem Staatsgebiet. Die Schwedenfinnen kamen hingegen zum größten Teil während des 20. Jahrhunderts als Arbeitsmigranten. Heute sind sie um vieles zahlreicher. Rund 100.000 Tornedalingern stehen 700.000 Schwedenfinnen gegenüber. Kein Wunder, dass die Tornedalinger ihre Sprache und die kulturellen Eigenheiten auch dieser Mehrheit gegenüber behaupten wollen.

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Bengt Pohjanen ist eine schillernde Figur. Neben den unzähligen Sachbüchern, Romanen, Theaterstücken und Gedichtbänden, die er verfasst hat, ist er auch ordinierter Priester der östlich-orthodoxen Kirche. Das ist eine Rarität in Schweden, nicht zuletzt in Tornedalen. Dort hat eine andere christliche Strömung ihr Zentrum: der Laestadianismus.

Der Laestadianismus ist eine nach dem Priester Lars Levi Laestadius benannte Erweckungsbewegung, die sich im 19. Jahrhundert unter den Minderheiten Nordskandinaviens wie ein Lauffeuer ausbreitete. Laestadius selbst hatte samische Vorfahren. In politischer Hinsicht war die von ihm begründete Schule ein zweischneidiges Schwert: kulturell sehr konservativ (Laestadius verbot viele traditionelle künstlerische und religiöse Ausdrucksformen der Sámi und Tornedalinger), doch eine wichtige Kraft für die Selbstermächtigung der Minderheiten. Die bedeutendste Revolte der Sámi gegen staatliche Kolonisierung, 1852 im norwegischen Kautokeino, war vom Laestadianismus inspiriert.

»Waldgardisten«

Pohjanen zufolge ist das politische Erbe des Laestadianismus nach wie vor komplex. Die gängige Auffassung, der zufolge die Anhänger des Laestadianismus stockkonservativ seien, erachtet er als falsch. Pohjanen verweist unter anderem auf die starke kommunistische Tradition in Tornedalen. Diese hat ihren Ursprung im finnischen Bürgerkrieg von 1917 bis 1918, als Kommunisten auf der anderen Seite des Flusses gegen die reaktionären Kräfte des Landes kämpften. Sie erhielten auch auf schwedischer Seite viel Unterstützung.

Im kleinen Ort Kaalama, 50 Kilometer nördlich von Pajala, zeugt ein einzigartiges Monument davon, wie sich diese Geschichte fortsetzte. Mitten im Wald steht ein zwei Meter hoher Gedenkstein auf einem Sockel, der die Form eines roten Sterns hat. Das Monument erinnert an neun »Waldgardisten«: Finnische Kommunisten, die sich hier 1942 versteckt hielten und den Widerstand gegen die deutschen Besatzer in Finnland unterstützten, bis sie von der schwedischen Grenzpolizei verhaftet und deportiert wurden. Von der Lokalbevölkerung erhielten sie viel Beistand. Über ihren Namen steht auf dem Gedenkstein in mächtigen Buchstaben »Proletär Internationalism«.

Die Geschichte des Kommunismus in Tornedalen vollzog sich nicht gegen den Laestadianismus, sondern mit ihm. Pohjanen erzählt von einem Nachbarn, in dessen Wohnzimmer neben dem Bild von Lars Levi Laestadius ein Bild von Josef Stalin hing. »Das war hier durchaus normal.«

Der Zweite Weltkrieg beschäftigt Pohjanen immer noch. Das Familiengut diente während des Krieges als Anlaufstelle für eine bunte Schar von Flüchtlingen: Kommunisten, Deserteure, Soldaten. Darunter auch Deutsche. 200.000 Soldaten der Wehrmacht waren in Finnland stationiert, als die finnische Regierung 1944 einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion einging, der sie dazu verpflichtete, die deutschen Truppen des Landes zu verweisen. Es folgte der sogenannte Lapplandkrieg. Die Wehrmacht legte den Norden Finnlands in Schutt und Asche. Pohjanen zeigt mir Spuren von Einbruchsversuchen auf dem Familiengut, die aus jener Zeit stammen. Er erzählt von einer Luger-Pistole, die er als Kind auf dem Gut fand. Sie konnte, so Pohjanen, nur von einem Wehrmacht-Soldaten stammen.

Die Kriegsgeschichte prägt mehrere von Pohjanens Romanen. Als Teil seiner Forschungsarbeit besuchte er auch ehemalige Kommandanten der Wehrmacht in Deutschland, Jahrzehnte, nachdem sie in Finnland Dienst verrichtet hatten. Sein Vater, so Pohjanen, hätte damals allen geholfen. »Alle sind Menschen«, soll sein Wahlspruch gewesen sein. Wie man unentdeckt über den Fluss gelangte, darüber wusste Pohjanens Vater Bescheid. Wie viele Bewohner Tornedalens war er ein gewiefter Schmuggler.

Hausbesitzer wandern ab

Das Schmuggeln ist in Tornedalen bis heute weit verbreitet. Nur die Form hat sich geändert. Als Mitte der 1990er Jahre die finnische Regierung Diesel subventionierte und dieser plötzlich bedeutend billiger als in Schweden war, wurde der Dieselschmuggel zu einer lukrativen Einnahmequelle. Manche Tornedalinger fuhren mehrmals täglich mit Tankwagen über die Grenze, um den schwedischen Schwarzmarkt zu versorgen. Ein schlechtes Gewissen hatten dabei die wenigsten. Tornedalen ist Tornedalen, die Staatsgrenze spielt für die meisten keine Rolle. Vor allem dann nicht, wenn es um den Geldbeutel geht.

Doch alleine darauf lässt sich das grenzüberschreitende Selbstverständnis der Tornedalinger nicht reduzieren. In Muodoslompolo, 100 Kilometer nördlich von Pajala, besuche ich den 90jährigen Enok Eriksson. Der rüstige Pensionär lebt alleine in einem Haus neben der einzigen Gemischtwarenhandlung des Ortes, die gleichzeitig als Tankstelle, Postamt und Apotheke dient.

Eriksson erinnert sich an den Abzug der deutschen Truppen auf der finnischen Seite des Flusses. Vom höchsten Hügel Muodoslompolos aus beobachtete er im Oktober 1944, wie der finnische Ort Muonio in Flammen aufging. Ein paar Tage später wagte er sich zusammen mit Erwachsenen über die Grenze. »Die Kirche stand noch, dazu vielleicht zwei Häuser. Alles andere war dem Erdboden gleichgemacht worden.«

Der staatlichen Anerkennung der Tornedalinger als nationaler Minderheit schreibt Eriksson keine besondere Bedeutung zu. »Das ist Symbolpolitik.« Auch der tornedalischen Flagge misst er nicht viel Wert bei. Doch als ich ihn frage, ob er sich schwedisch oder finnisch fühle, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: »Tornedalisch!« Er erzählt, wieviel Spaß er noch immer daran habe, wenn finnische Touristen, die in Muodoslompolo landen, verdutzt fragen, ob sie schon in Schweden oder noch in Finnland seien.

Muodoslompolo ist für viele Orte in Tornedalen charakteristisch. Es gibt hier kaum noch Menschen mit Hauptwohnsitz. Eriksson ist einer von 50. In den 1960er Jahren waren es immerhin noch 300. Abwanderung ist in ganz Tornedalen ein Problem. Ironischerweise gibt es trotzdem kaum Häuser zu kaufen. Die meisten abgewanderten Familien behalten die alten Wohnsitze ihrer Eltern und Großeltern, manchmal für einen Sommeraufenthalt, manchmal aus Nostalgie.

2020 sorgte ein Schreiben des Gemeinderats von Övertorneå für Aufsehen. Hauseigentümern in der Gemeinde wurde die Frage gestellt, ob sie ihre Häuser verkaufen könnten, um Wohnraum für Menschen zu schaffen, die sich dauerhaft vor Ort ansiedeln wollten. Es folgte ein Sturm der Entrüstung, und der Gemeinderat verfolgte den Vorschlag nicht weiter. Das Problem bleibt bestehen.

Keine wirkliche Hilfe

In ganz Schweden bekannt ist der Ort Parkalompolo, der gut 30 Kilometer südlich von Muodoslompolo liegt. Der Grund: Fußball. Im Landkreis Pajala, zu dem Parkalompolo zählt, gab es einst 27 Vereine im Ligabetrieb. Heute sind es genau zwei: Pajala IF und Parkalompolo IK. Parkalompolo unterhält außerdem den nördlichsten Rasenplatz Schwedens. Eine Besonderheit, wenn man bedenkt, dass selbst 1.000 Kilometer weiter südlich inzwischen mit Vorliebe Kunstrasen auf den Fußballplätzen verlegt wird.

Aufgrund der medialen Aufmerksamkeit, die Parkalompolo IK erfahren hat, schmückt sich der Verein gerne mit dem Titel »Botschafter Tornedalens«. Trainiert wird freilich in der Bergbaustadt Kiruna, wo die meisten der Spieler wohnen. In Parkalompolo haben heute weniger als 20 Personen ihren Hauptwohnsitz. Ohne die migrantischen Arbeitskräfte, die sich in Kiruna dem Verein anschließen, wäre der Ligabetrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten. Doch das passt ins Bild der Region: Tornedalinger, Sámi, schwedische Siedler – der Norden Schwedens war immer multikulturell.

Als literarisches Aushängeschild Tornedalens war Bengt Pohjanen eine führende Figur im Kampf um die Anerkennung der Tornedalinger als nationale Minderheit. Heute zeigt er sich davon enttäuscht. Ja, es sei einfacher geworden, in der Schule Meänkieli zu lernen, und auch das mediale Angebot auf Meänkieli sei gewachsen. Doch zu einer wirklichen Förderung der Kultur Tornedalens und zu politischem Mitspracherecht sei es bisher nicht gekommen. Die Hoffnungen, die viele im Jahr 2000 hegten, waren Pohjanen zufolge um einiges größer.

Erling Fredriksson ist künstlerischer Leiter am Tornedalischen Theater in Pajala. Einige Jahre lang spielte er in der mehrsprachigen Band Jord (»Erde«), die in Tornedalen Kultstatus genießt. Auch Fredriksson ist mit der Unterstützung durch den schwedischen Staat nicht zufrieden. Er meint, dass die schwedische Regierung mit der Veröffentlichung des Berichts der »Wahrheits- und Versöhnungskommission für Tornedalinger« im Jahr 2023 einen wichtigen Beitrag für die Anerkennung der Kolonialgeschichte in Tornedalen geleistet habe. Aber: »Wer A sagt, muss auch B sagen. Fördergelder, die für den schwedischen Staat kaum nennenswert sind, wären für uns ein großer Rückhalt. Doch nicht einmal die bekommen wir.« Fredriksson meint, dass sein Theater mit mehr Geld mehr Produktionen pro Jahr und größere Tourneen finanzieren könne. »Das würde einen Riesenunterschied machen.«

Vom Verteilungskampf, der den Kapitalismus prägt, bleiben auch Minderheiten nicht verschont. Die Beziehung zwischen Tornedalingern und Sámi ist kompliziert. Die Sámi sind die einzige der nationalen Minderheiten in Schweden, die auch als indigene Gesellschaft anerkannt ist. Tatsächlich sind sie die einzige anerkannte indigene Gesellschaft in der gesamten Europäischen Union. Damit verbunden sind einige Rechte, die den anderen nationalen Minderheiten in Schweden nicht zukommen. So haben die Sámi beispielsweise ein exklusives Recht auf die Rentierhaltung, was mit deren besonderer Bedeutung für die samische Kultur begründet wird.

Auch Tornedalinger besitzen Rentiere, doch erwarben sie diese Ende des 19. Jahrhunderts aus kommerziellen Gründen. Es besteht nicht dieselbe kulturelle Bindung an die Tiere wie im Fall der Sámi. Der schwedische Staat schuf daher einen Kompromiss: Tornedalinger dürfen Rentiere weiter besitzen, doch diese müssen von Sámi gehalten werden.

Viele Tornedalinger sind mit dieser Regelung nicht glücklich. Göran Lahti wählt seine Worte behutsam: »Ich würde mir wünschen, dass die Regierung die bestehende Gesetzeslage einer Prüfung unterzieht.« Es verwundert nicht, dass Tornedalinger vermehrt auf eine mögliche Anerkennung als indigene Gesellschaft schielen. In Lahtis Worten: »Natürlich hat man als indigene Gesellschaft einen anderen Status. Die Sprache, die Kultur – alles wird gestärkt.«

Besonders schwierig wird die Diskussion, wenn es um die Kvenen geht. Auch kvenische Organisationen fordern eine Anerkennung als indigene Gesellschaft. Dabei stellen viele Sámi, aber auch manche Tornedalinger, die kvenische Identität in Frage. Hinter vorgehaltener Hand wird schon mal von einer »Konstruktion« oder einer »Erfindung« gesprochen. Dasselbe gilt für die Existenz des Kvenischen als eigener Sprache. Nicht wenige meinen, dass das Kvenische schlicht lokale Variationen von Meänkieli zusammenfasst. Wer allzu lautstark die Anerkennung von Kvenen als indigene Gesellschaft fordert, sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass es ihm primär um Zugang zu Ressourcen geht.

Koloniale Geschichte

Vertreter tornedalischer Institutionen betonen unentwegt, dass Minderheiten nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Doch irgendwann führen praktisch alle Gespräche zu Vergleichen mit den Sámi, denen aus tornedalischer Perspektive mehr staatliche Fördergelder und mehr mediale Aufmerksamkeit zukommen.

Freilich waren auch Tornedalinger kolonialer Diskriminierung ausgesetzt, daran gibt es keinen Zweifel. Alle Menschen im Pensionsalter, mit denen ich in Tornedalen spreche, erinnern sich daran, in der Schule für die Verwendung von Meänkieli bestraft worden zu sein. Aus finnischen Namen wurden schwedische gemacht. Und das staatliche »Institut für Rassenbiologie«, das von 1922 bis 1958 an der angesehensten Universität Schwedens in Uppsala untergebracht war, schickte Ärzte nach Tornedalen, um die Menschen anatomisch zu vermessen. Wie die Sámi galten die Tornedalinger als »minderwertige Rasse«. Auch Gräber wurden im Namen der Wissenschaft geplündert.

Der Friedhof Akamella in der Nähe Muodoslompolos ist mit dem Auto nicht zu erreichen. Man muss die letzten drei Kilometer durch den Wald zu Fuß laufen. Der kleine Friedhof, in dem seit langem niemand mehr beigesetzt wird, ist von einem weißen Zaun umgeben. Fast vergessen stand der Friedhof Akamella im August 2024 plötzlich im Rampenlicht. Die Skelette von 23 Tornedalingern wurden aufs neue dort begraben, nachdem sie 1878 zu staatlichen Forschungszwecken entwendet worden waren.

Zu einem Konflikt der besonderen Art kam es im Jahr 2025. Anlass war eine Ausstellung des renommierten samischen Bildkünstlers Anders Sunna in Luleå. Sunna, bekannt für seine politischen Provokationen, stellte in einem Gemälde die damalige Vorsitzende des STR-T, Eva Kvist, in naziähnlicher Uniform dar. Der STR-T zeigte Sunna daraufhin wegen Volksverhetzung an. Vor Gericht wurde der in der Nähe Pajalas aufgewachsene Künstler freigesprochen.

Nach der Urteilsverkündung telefoniere ich mit Sunna, der mittlerweile in Jokkmokk lebt, einem Zentrum samischer Kultur in Schweden. Er erklärt, dass es ihm in dem Gemälde um Machtkritik gegangen sei: »Kunst muss herausfordern und die Menschen zum Nachdenken anregen.« Auf meine Frage, ob es einen Konflikt zwischen Sámi und Tornedalingern gäbe, meint er: »Es geht um Macht und darum, wie man sie anwendet und wie man sie missbraucht. Doch das betrifft nie eine ganze Volksgruppe, sondern einzelne Personen in Machtpositionen.«

Böse Absichten sind niemandem zu unterstellen. Die Beziehungen zwischen Tornedalingern und Sámi sind von kolonialer Geschichte geprägt. Diese ist vom Prinzip des »Teile und herrsche« nicht zu trennen. Um dieser Logik zu entkommen, bedarf es Selbstorganisierung, der Zusammenarbeit betroffener Gruppen und einer gesellschaftliche Vision jenseits von staatlicher Bevormundung und kapitalistischer Konkurrenz – in Tornedalen, im Norden Skandinaviens und darüber hinaus.

→ Gabriel Kuhn schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. Juli 2026 über die Stadt Kirkenes im Nordosten Norwegens: »An der Grenze«

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.09.2026, Seite 12, Thema

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