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Zurück in der Zukunft
Radsport: Nach der zweite Woche bleibt die Vuelta in der Gesamtwertung knapp. Visma dominiert die Jagd auf Etappensiege
Ein komplizierter Bruch des linken Schlüsselbeins, ein stabiler Bruch des siebten Halswirbels, eine Gehirnerschütterung, Gesicht und Arme eine Landkarte aus Rot und Violett. Der Sturz Tadej Pogačars auf der achten Etappe der Vuelta erwies sich spätestens am Wochenende als mehr denn bloß eine Chance für die Favoriten der zweiten Reihe. Als Kulturwandel, wenn auch nur gültig, bis Pogačar oder einer der dreieinhalb anderen Überfahrer (Vingegaard, Seixas, Evenepoel, Del Toro) ins Renngeschehen zurückkehrt. In Abwesenheit des großen Vorsitzenden fuhr man wieder, wie man vor 2020 fuhr. Der Kampf auf der Etappe teilte sich in einen Kampf um die Etappe und einen Kampf um den Gesamtsieg. Kein sorgloser Slowene, der bereits 50 Kilometer vor dem Ziel angreift, weil ihm langweilig ist, und mit zweieinhalb Minuten Vorsprung ins Ziel kommt. Kein Gesamtsieger, der am Ende der Grand Tour fünf bis acht Etappensiege auf dem Konto hat. Im Dreikampf Enric Mas – Felix Gall –Primož Roglič wurde gewartet, bis der letzte Anstieg kommt.
Die zweite Woche war also eine Reise in die Vergangenheit. Enric Mas ging nach dem Ruhetag am Montag mit 1:18 Minuten Vorsprung auf Roglič und 1:39 Minuten auf Gall an den Start. Den Gesamtsieg würden diese drei Fahrer unter sich ausmachen. Der viertplazierte Oscar Onley hatte mit 2:20 Minuten noch vage Chancen. Richard Carapaz, Rang fünf bei 3:26 Minuten, als Sieger am Ende zu sehen bedurfte es schon einiges an Phantasie. Die 10. Etappe am Dienstag führte durch Albacete im Südosten Spaniens. Dem Profil nach ein klassischer Klassikerkurs: auf und ab, rollen lassen is nich. Es zeichnete sich ab, dass es in puncto Etappenjagd die Woche der Visma-Doppelspitze sein würde. Matthew Brennan kontrollierte die letzten Kilometer des schwierigen Kurses für Wout van Aert. Der verpasste allerdings im Ziel den Sieg und fuhr als Vierter hinter dem Tagessieger Bastien Tronchon über die Linie.
Auf den folgenden mittelschweren Etappen spielten der klassikerfeste Sprinter Brennan und der sprintfeste Klassikerfahrer van Aert mit der Konkurrenz Hase und Igel. Brennan gewann den Massensprint auf der 11. Etappe, van Aert machte ihm das Lead-out. Van Aert gewann die 13. und die 15. Etappe, auf denen Brennan für ihn fuhr. Am Ende der zweiten Woche haben die beiden zusammen fünf Etappensiege, Brennan drei, van Aert zwei. Was auch von Beginn an der Plan war, da Visma ohne herausragenden Klassementfahrer in die Rundfahrt ging. Im Gegensatz zu UAE. Die Mannschaft konnte, anders als noch beim Giro (wo Adam Yates sich schwer verletzt hatte), auf den Ausfall ihres Kapitäns nicht adäquat reagieren. Dort hatte man nach der Umstellung auf Tagessiege noch vier Etappenerfolge geholt. Jetzt bei der Vuelta scheint die Mannschaft verunsichert, es fehlt der Punch, und es fehlt die Kontrolle.
Relevant fürs Klassement waren die Etappen 12 und 14, mit zwei Bergankünften: Calar Alto (17 Kilometer, 5,8 Prozent) und Sierra de La Pandera (11,8 Kilometer, 7,5 Prozent). Auf der zwölften Etappe sicherte sich der 20 Jahre alte Slowene Jakob Omrzel den Tagessieg, auf der 14. Etappe gewann der in Augsburg geborene Deutsche Marco Brenner. Brenner galt unlängst noch als Talent ohne Payoff. Mit seinem Gesamtsieg bei der Polen-Rundfahrt, unmittelbar vor dieser Vuelta, schien ein Knoten geplatzt, mit dem Erfolg in Spanien bestätigt sich jetzt der Trend.
Mas gelang auf beiden Etappen, seinen Konkurrenten Zeit abzunehmen, auch wenn er nur die Plätze sechs und 22 belegte. Er geht mit einem Abstand von 2:06 Minuten auf Gall und 2:10 Minuten auf Roglič in die dritte Woche, in der lediglich eine schwere Hochgebirgsetappe noch wartet. Und ein 30 Kilometer langes, flaches Zeitfahren, in dem der exzellente Zeitfahrer Roglič sowohl Gall als auch Mas anderthalb, an einem günstigen Tag auch mehr als zwei Minuten abnehmen könnte. Stellt man in Rechnung, dass die letzte Etappe der Vuelta, ein Rundkurs in Granada, Montmartre-Vibes hat, könnte Roglič, eher Puncheur als Mas, auf dieser Etappe noch Zeit gewinnen und den Kampf ums Podium bis zum Ende spannend halten.
Gleichwohl ist Mas nach Abschluss der zweiten Woche Favorit. Er, der Dauerbrenner, war nie ein Kandidat für zahlreiche Etappensiege, eher der Typus, der gleichmäßig und konstant in die Top 10 der Grand Tours fährt. Beim Giro im Frühjahr schien er nach Platz 32 außer Form. Bei der Spanien-Rundfahrt hatte er bislang allerdings immer geliefert. Dreimal schon war er dort Zweiter geworden (2018, 2021, 2022). Seine Fahrweise gilt als aus der Zeit gefallen: reiner Kletterer, ohne Punch und mit Schwächen im Zeitfahren. Symptomatisch für den Nostalgiewind, der die Vuelta jetzt umweht, ist auch der Umstand, dass Mas im Team Movistar fährt. Die Mannschaft, die seit mittlerweile 46 Jahren im Radsport aktiv ist und zwischen 1991 und 1995 mit Miguel Indurain unter dem Namen »Banesto« fünfmal in Folge die Tour de France gewinnen konnte, war zuletzt eine Schattenversion ihrer selbst, taktisch wie trainingsmethodisch zurück und vor allem durch Chaos und Streit auffällig.
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