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Literaturgeschichtsschreibung

Die widerständige Macht der Literatur

Gelebte Einheit von wissenschaftlicher Haltung und politischem Engagement. Zum 50. Todestag von Werner Krauss

Von Peter Jehle
Foto: Deutsche Fotothek‎/Wikimedia Commons
In der Pflicht, »mit allen Mitteln für unser Leben zu kämpfen«. Werner Krauss war einer der wenigen deutschen Hochschullehrer im Widerstand (Aufnahme aus dem Jahr 1946)

Werner Krauss ist einer der bedeutendsten deutschen Literaturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur große Gebiete der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts neu vermessen; er hat – was bedeutsamer ist – die aufklärungsfeindliche deutsche Bildungswelt von einer Hypothek befreit. Mit der Herrschaft des epochalen Vorurteils gegen die »westländische Aufklärung« (Wilhelm Dilthey) war es dank seiner und der von ihm auf diesem Gebiet inspirierten Studien vorbei. Doch dies allein ist nicht der Grund, um seiner noch fünfzig Jahre nach seinem Ableben zu gedenken. Werner Krauss ist das seltene Beispiel eines deutschen Hochschullehrers, der im Widerstand gegen das Naziregime sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Der »normale« Betrieb seines Faches, in dem man zum Beispiel mit einer Untersuchung über die »Bezeichnungen der Kinnbacke im Galloromanischen« den Doktortitel erwerben konnte, hat den jungen Wissenschaftler gewiss nicht dazu ermutigt.

Werner Krauss fand zu der im Kreis um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen aktiven Widerstandsgruppe, die von den Nazis als »Rote Kapelle« bezeichnet, nach 1945 in der BRD als »Landesverräter« abqualifiziert und in der DDR als »von der KPD geführte Kundschaftergruppe«¹ vereindeutigt wurde. Werner Krauss hatte Glück, dass er der Hinrichtung entging. Nach einer fast dreijährigen Odyssee durch Todeszellen und Zuchthäuser kam er frei. Seine Geschichte bedarf allerdings verallgemeinernder Ausarbeitung, wenn sie Erfahrung, gar Erkenntnis und künftige Politik werden soll. Die Resultate dieser Ausarbeitung werden nicht nur in seinen im engeren Sinn politischen Schriften greifbar.² Er hat die Literatur als gesellschaftsbildende Macht erschlossen und, das Schreibverbot im Gefängnis missachtend, Widerstand unter Bedingungen radikaler Ohnmacht praktiziert.

Werner Krauss, seit Juni 1945 Mitglied der KPD, 1948 Mitglied des Parteivorstands der SED mit beratender Stimme, 1949 Nationalpreis, 1965 »Hervorragender Wissenschaftler des Volkes«, 1970 Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Silber, 1975 in Gold – lebte er noch, hätte er im vereinigten Deutschland wenig Aussichten auf eine Professur. »Im Gebiet der früheren DDR ging ein ideologisch geprägtes Wissenschaftssystem nahtlos in das andere über«, behauptet der Romanist Frank-Rutger Hausmann.³ Die Erneuerung der Literaturgeschichtsschreibung durch Werner Krauss und seine Mitarbeiter in der DDR verschwindet heute im grellen Licht der neuen deutschen Ideologie. In einer Situation, in der die Hochschulen ihre Zivilklauseln in vorauseilendem Gehorsam durchlöchern oder gleich ganz abschaffen, wird die Erinnerung an diesen Hochschullehrer, der wissenschaftliche Haltung und politisches Engagement als Einheit lebte, besonders wichtig.

Geschichtlicher Auftrag

Der Titel des berühmten Aufsatzes »Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag« von 1950 ist Programm. Es geht nicht nur um Methodenkritik einer Literaturwissenschaft, die sich in weiten Teilen eben noch dem deutschen Geist des »Tausendjährigen Reichs« verpflichtet sah, sondern es geht darum, »die verschüttete, entstellte oder verdrängte Überlieferung deutscher Freiheitsgeschichte ins Vernehmen der Praxis zu bringen«⁴. Die Befreiung des wissenschaftlichen Handelns aus der Selbstentfremdung, in die es durch die Trennung vom gesellschaftlichen Handeln geraten war – das ist der Kompass, an dem Krauss seine Tätigkeit nach 1945 ausrichtet. Doch lange vor 1945 ist er durch Erich Auerbach, der 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Marburg vertrieben wurde und dessen Stelle Krauss kommissarisch übernahm – kommissarisch, denn eine sogenannte ordentliche Professur sollte der den Nazis suspekte Krauss nicht bekommen –, auf die Spur gesetzt worden. Der »methodische Ansatz« von Auerbachs bahnbrechender Arbeit über das französische Publikum des 17. Jahrhunderts scheint ihm so wichtig, »dass man ihn eingehend beleuchten müsste« (an Auerbach, 27.9.1930)⁵.

Auerbachs Interesse gilt der gesellschaftlichen Schicht, an die die Werke der Literatur und die des Theaters gerichtet sind. Indem er Autor und Publikum in den Blick nimmt, behandelt er das in Literaturform Gesagte nicht mehr als monologische Äußerung eines einsamen Geistes, sondern fasst es »in der Offenheit des Gespräches (…), als einen in fortschreitender Bewegung sich bildenden Prozess«⁶. Treffend resümiert Krauss Auerbachs methodische Intention in dem Satz: »Das Schriftwerk zeugt nicht nur von dem Willen dessen, der es schuf, sondern nicht weniger von der Gesinnung derer, für die es geschaffen wurde« – ein Ausgangspunkt, auf den sich die Rezeptionsästhetik in ihren unterschiedlichen Ausarbeitungen stellen wird. Mit dem Publikum wird die gesellschaftsbildende Funktion von Literatur erschlossen. Ein verkürztes Verständnis von Widerspiegelung war damit ebenso ausgeschlossen wie das bloße Konstatieren bestimmter Stilmerkmale und deren Zuordnung zu feststehenden Epochenbegriffen. Erst nachdem der Verhau der Stilbegriffe weggeräumt ist, können Fragen des Stils und der Gattung in ein neues Licht rücken: Es interessiert ihre kommunikative Leistung, ihre Vergesellschaftungsfunktion.

Krauss entwirft ein kritisches Bild des französischen Absolutismus – kritisch in dem Sinne, dass die historische Notwendigkeit und zugleich Begrenztheit dieser Herrschaftsformation gezeigt wird. In dem, was Auerbach als den Schlusspunkt einer Entwicklung wahrnimmt, als einen Verlust alter Funktionen von Adel und Bürgertum im absolutistischen Staat, erkennt Krauss die Anzeichen einer kommenden neuen: Weil er die Französische Revolution zum Fluchtpunkt seiner Analyse macht, kann er den absolutistischen Umbau als Ausgangspunkt einer Entwicklung fassen, in deren Verlauf gerade der historische Funktionswechsel des Bürgertums – sein Aufstieg zur herrschenden Klasse – deutlich wird. Doch vorerst, im absolutistischen Regime, liegt die Bedeutung des Bürgertums »keineswegs an seinem Charakter als Stand, sondern eben an der Verwendbarkeit der aus ihm losgelösten Individuen«⁷.

Widerstandsdichtung

Diese Aufmerksamkeit für das Verhältnis von Staat und Individuum, mit der die französische Literatur des 17. Jahrhunderts durchsucht wird, ist offensichtlich geschärft durch die Zerschlagung der Einrichtungen, in denen sich eine unabhängige Öffentlichkeit in Deutschland bis 1933 artikulieren konnte und die dem einzelnen einen Schutzraum boten. Was Krauss an dem überraschenden Aufstieg der Märtyrertragödie zwischen 1610 und 1650 interessiert, ist eben der Vorgang, dass hier das Christentum als Schutzraum gegenüber einem »alles fordernden Staat« fungiert, was der Gattung die »Relevanz einer politischen Widerstandsdichtung«⁸ verleiht. Unter demselben Gesichtspunkt interessiert der Jansenismus (eine frühneuzeitliche katholische Reformbewegung, jW): als eine Praxisform, welche die Gegner des konsolidierten Absolutismus handlungsfähig macht und unbeugsame Widerstandshaltungen begründet. Und kein Zufall, dass das Thema Machtstaat und Sicherung individueller Freiheitsrechte in »Corneille als politischer Dichter« (1936) im Mittelpunkt steht.

Die zeitgenössische Flugschriftenliteratur, die Krauss ausgräbt und die das Polizeiregiment des »Richelieuschen Führerstaates«⁹ kritisch hervortreten lässt, liest sich wie ein ungeschminkter Kommentar zu den deutschen Verhältnissen von 1936: Keiner wagt mehr, heißt es da, »sich unter Freunden vertraulich zu unterhalten, nicht einmal zu flüstern, es sei denn, man hat zuvor die Türen geschlossen und die Wandteppiche abgeklopft, sowie sichergestellt, dass da keine Löcher im Fußboden sind oder jemand am Schlüsselloch lauscht«. Die Rede vom »Richelieuschen Führerstaat« bezweckt keine unhistorische Parallelführung mit dem Naziregime. Richelieu ist nicht Hitler. Das kritische Licht, das auf die Gegenwart fällt, entzündet sich an keiner vordergründigen Aktualisierung, sondern an der Frage nach der historischen Leistungsfähigkeit des absolutistischen Staates.

Jean Bodin, Jurist und Staatstheoretiker, antwortete im 16. Jahrhundert auf die Situation des Bürgerkriegs mit der Souveränitätslehre: Der Monarch wird mit dem Monopol der Gesetzgebung belehnt und muss im Gegenzug für die »Freiheit des Bürgers« und den Schutz des Eigentums aufkommen. Bodin wird zum Spiegel, in dem Krauss die Zerschlagung rechtsstaatlicher Strukturen durch die Nazis einfangen kann. Krauss untergräbt mit diesem Herangehen das von den Nazis definierte Politische und gibt ihm wieder einen kritisch-widerständigen Sinn. Der nazistischen »Politisierung« der Wissenschaft – die tatsächlich eine umfassende Entpolitisierung war, weil mit »politisch« selbstverständlich staatstragend gemeint war – setzt Krauss die Praxis einer politischen Philologie entgegen, die ihre Gegenstände in ihrer Geschichtlichkeit begreift. Indes wurde eine so verstandene politische Philologie von den meisten Fachkollegen mit der nazistischen in eins gesetzt und als Verletzung der akkreditierten Maßstäbe des Faches zurückgewiesen. Dass die gesellschaftswissenschaftliche Betrachtung der Literatur verpönt war, meinte Hans Mayer rückblickend, beruhte auf einem der »offiziellen Dogmen des Dritten Reiches«¹⁰. Ein solches Dogma auszurufen war nicht nötig: Es gehörte zum normalen Betrieb – auch nach 1945.

»Pfeile der Wahrheit«

Werner Krauss, dessen Leben seit Januar 1943 durch ein Todesurteil bedroht wurde, war der Überzeugung, »dass wir die Wahrheit unsern Gegnern zu allerletzt schuldig waren und dagegen die Pflicht hatten, mit allen Mitteln für unser Leben zu kämpfen«¹¹. Der Märtyrer, für den er sich als Literaturhistoriker interessiert hat und der mit seinem Blut Zeugnis ablegt, schien ihm eine unzeitgemäße Gestalt. Anders als sein Freund, der Psychiater John Rittmeister, der – wie die Geschwister Scholl – aus seiner wirklichen Gesinnung kein Hehl machte und in Plötzensee hingerichtet wurde, verfolgte er die Strategie, nur zuzugeben, was ihm unmittelbar nachgewiesen werden konnte. Krauss hielt es in diesem Punkt mit Voltaire, den er in der bereits erwähnten Studie über die französische Märtyrertragödie sagen lässt: »Unsere heutigen Philosophen haben nicht die dumme und gefährliche Eitelkeit, sich bei ihrer Opposition zu gefährden; unsichtbare Hände durchbohren mit den Pfeilen der Wahrheit das Gewebe des klerikalen Fanatismus von einem Ende Europas zum andern.«¹² Während Voltaire allerdings in einer Situation sprach, in der die kulturelle Hegemonie der Philosophen für eine ungeheure Vervielfältigung der »unsichtbaren Hände« gesorgt hatte, waren die »Pfeile der Wahrheit«, die das Gewebe des nazistischen »Fanatismus« durchbohren sollten, nicht nur außerordentlich selten, sondern gefährdeten auch vor allem diejenigen, die sie abschossen. Das Wenige, das Krauss nachgewiesen werden konnte, genügte für die Höchststrafe.

»Die Tatsache, dass ich nun doch Soldat Hitlers geworden war, machte mich für die Beteiligung an einem wie immer gearteten oppositionellen Unternehmen empfänglich. Die aufgelockerte Atmosphäre Berlins begünstigte eine solche Entscheidung.«¹³ Es bedurfte eines doppelten Einschnitts – des Bruchs mit der gewohnten universitären Lebenswelt und des Ortswechsels nach Berlin –, um dieser Empfänglichkeit den Boden zu bereiten. Ein Werner Krauss, der dem Marburger akademischen Milieu verhaftet geblieben wäre, hätte den Weg in den aktiven Widerstand kaum finden können. Nie wäre er den Menschen begegnet, die eine Kultur des Umgangs miteinander pflegten, der er in Gestalt des »Bundes für unentwegte Lebensfreude« ein literarisches Denkmal gesetzt hat.¹⁴ Ein Brief Harro Schulze-Boysens¹⁵ vom Mai 1942 entwirft ein anschauliches Bild dieser vor allem jungen Frauen und Männer, die einen »heterogenen« Kreis bildeten, in dem nicht nur ausländische Sender gehört oder verschlüsselte Funksprüche gesendet wurden, sondern eben auch »gesungen, gelacht und diskutiert« wurde.¹⁶

Es ist, als wirkte diese Erfahrung praktizierter Gesellschaftlichkeit auch auf den Philologen zurück: Was ihn im Gefängnis am Begriff der Person des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián interessierte, war eben nicht – wie in der deutschen Tradition üblich – der »Rückzug in die weltlose Innerlichkeit«, sondern das Individuum als »Träger einer Mitweltbeziehung«, das im Personsein die »Angewiesenheit des Menschen im Verhältnis zu seinesgleichen« betätigt.¹⁷ Es ist sicher kein Zufall, dass in dem satirischen Roman »PLN«, gleichzeitig mit »Graciáns Lebenslehre« entstanden, »die Würde der Person« ebenfalls eine besondere Rolle spielt, sorgte dessen im Zentrum stehende Gestalt, der Reichspostminister Aloys Ritter von Schnipfmeier, doch dafür, dass der Briefverkehr mit der Erfindung der »Postleitnummer« noch reibungsloser funktionierte. Damit stellte er sein Amt in den Dienst an einem »verdächtigen Austauschverlangen von fluktuierenden Privatmeinungen«, das – so seine Gegner – »im Zuge eines totalen Kriegseinsatzes« wohl kaum zu verantworten war.¹⁸

Blieb das »Politische« im Westen Deutschlands an seinem nazistischen Erscheinungsbild haften (»Politik ist schmutzig«), wurde es im Osten dem Definitionsmonopol der herrschenden Partei unterworfen. Freilich hatte Krauss anderes erwartet, als er zum Wintersemester 1947/48 die für einen westdeutschen Professor skandalöse Entscheidung getroffen hatte, die Zonengrenze in östlicher Richtung zu überqueren. Die Spannung zwischen Wissenschaft und Politik, Wissenschaftler und Citoyen, aber auch die zwischen wissenschaftlicher und literarischer Existenz, wurde auch in der DDR vielfach auf die Probe gestellt. »Der Sozialismus«, schreibt er am 23. August 1966 in sein Tagebuch, »bleibt einzige Lösung, trotz seiner Diskreditierung durch eine Praxis, die manche Ansprüche erfüllt, aber den Anspruch, der der Mensch ist, geflissentlich überhört und verleugnet«¹⁹.

Dennoch war das Projekt, das Krauss seit seiner Übersiedlung verfolgte, nur auf dem Boden der DDR möglich. Zu seinen institutionellen Voraussetzungen gehörte, dass das »Bildungsmonopol einer bevorrechteten Klasse (…) dem Monopol der Begabung«²⁰ zu weichen habe. Es musste verhindert werden, dass die traditionellen Bildungsschichten weiter den Zugang zur Hochschule monopolisierten – ein schwieriges Unterfangen, das in der DDR, wie diskutabel auch immer, jedenfalls angegangen wurde. Mit der Etablierung der »Arbeitsgruppe zur Geschichte der deutschen und französischen Aufklärung« 1955 an der damals noch so genannten Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin war ein Arbeitsinstrument entstanden, dem in Westdeutschland nichts Vergleichbares entsprach.

»Einzug der Marginalisierten«

Die Aufklärungsforschung, der Werner Krauss in der DDR seine hauptsächliche Schaffenskraft widmen wird, begreift die Aufklärung als Emanzipationsbewegung, in der »wir (…) die Voraussetzungen unserer eigenen gesellschaftlichen Probleme« erkennen.²¹ Sie darf nicht als Rückzug in eine wissenschaftliche Nische verstanden werden, sondern sie ist die Form, in der Krauss in der DDR seine Überzeugung mit dem jungen Marx artikuliert: »Es ist vor allem zu vermeiden, die ›Gesellschaft‹ wieder als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren.«²² Die französische Aufklärung ist das geeignete Gelände, um »die Emanzipation des Individuums und der Gesellschaft von der gottvermittelten Gemeinsamkeit der menschlichen Zwecke«²³ zu entwickeln. In der Studie »Über den Anteil der Buchgeschichte an der literarischen Entfaltung der Aufklärung« (1960) kommt die »materielle Seite« der Literaturgeschichte in den Blick: ohne die »Geschichte der Buchproduktion und der gesamten Organisation des literarischen Lebens« keine zutreffende Beurteilung des literarischen Einzelwerkes. Die Literaturgeschichte muss »den Weg der literarischen Schöpfung« bis zu Ende verfolgen, »bis zu ihrer Umwandlung in ›Knechtsgestalt‹, in der sie an den Türen der Menschen anklopft und ihre unbegrenzte Dienstbarkeit für die Erleuchtung des Alltags entbietet«²⁴. Damit rücken nicht nur die Voltaire, Rousseau, Diderot, sondern auch die große Menge der »unsichtbaren Hände«, der »minores«, der kleinen, meist unbeachtet gebliebenen Autoren und Autorinnen in den Fokus. Und mit ihnen die Kolporteure, diese von Strafverfolgung immer bedrohten »positiven Helden der französischen Aufklärung«, mit denen die Literaturware »in die entlegensten und nie betretenen Bereiche der nationalen Gesellschaft« vordringt. Stuart Hall hat bemerkt, dass die »tiefste kulturelle Revolution« im 20. Jahrhundert durch den »Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation« ausgelöst wurde.²⁵ Werner Krauss hat dieser Sichtbarmachung vorgearbeitet.

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Im Zuchthaus, in Erwartung der Hinrichtung, notierte Krauss die Erfahrung, dass die »Diskrepanz von Leben und Literatur (…) von Seite zu Seite empfindlicher« wird.²⁶ Es ist bekannt, dass der Gefangene die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Aufhebung des Todesurteils dem Engagement der Familie – besonders der Mutter, Ottilie Krauss –, von Freunden und Kollegen verdankt. Er selbst aber hat wohl den wichtigsten Anteil an seiner Rettung: indem er mit einer Studie über Gracián und gleichzeitig einem Roman gegen diese Diskrepanz anschreibt. So erweist sich die widerständige Macht der Literatur noch im Moment ihrer größten Machtlosigkeit.

Anmerkungen

1 Karlheinz Barck: Werner Krauss im Widerstand und vor dem Reichskriegsgericht. In: Hans Coppi, Jürgen Danyel und Johannes Tuchel (Hg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 1994, S. 242

2 Vgl. dazu die einschlägigen Aufsätze in Werner Krauss: Literaturtheorie, Philosophie und Politik (Das wissenschaftliche Werk, Bd. 1). Hgg. v. Manfred Naumann. Berlin/Weimar 1984

3 Frank-Rutger Hausmann: »Aus dem Reich der seelischen Hungersnot«. Briefe und Dokumente zur Fachgeschichte der Romanistik im Dritten Reich. Würzburg 1993, S. 19

4 Werner Krauss: Nationalismus und Chauvinismus (1946). In: Werke 1, S. 381

5 Werner Krauss: Briefe 1922 bis 1976. Hgg. v. Peter Jehle unter Mitarbeit von Elisabeth Fillmann und Peter-Volker Springborn. Frankfurt am Main 2002, S. 31

6 Werner Krauss: Über die Träger der klassischen Gesinnung im 17. Jahrhundert (1934). In: Gesammelte Aufsätze zur Literatur- und Sprachwissenschaft. Frankfurt am Main 1949, S. 321 f.

7 Werner Krauss: Corneille als politischer Dichter (1936). In: Spanische, italienische und französische Literatur im Zeitalter des Absolutismus (Werke, Bd. 3, hgg. v. P. Jehle). Berlin 1997, S. 348

8 Werner Krauss: Das Ende des christlichen Märtyrers in der klassischen Tragödie der Franzosen. Werke 3, S. 407

9 Krauss: Corneille als politischer Dichter. Werke 3, S. 360

10 Hans Mayer: Der Romanist Werner Krauss. Bericht über den Leipziger Nationalpreiskandidaten. In: Tägliche Rundschau, 23.8.1949

11 Werner Krauss: Bericht über meine Beteiligung an der Aktion Schulze-Boysen (1945). In: Ders.: Ein Romanist im Widerstand. Briefe an die Familie und andere Dokumente. Hgg. v. Peter Jehle und Peter-Volker Springborn. Berlin 2004, S. 84

12 Kraus: Corneille als politischer Dichter, wie Anm. 7, S. 409

13 Krauss: Bericht über meine Beteiligung, wie Anm. 11, S. 76

14 In dem im Gefängnis in Plötzensee entstandenen Roman »PLN. Die Passionen der halykonischen Seele«. Frankfurt am Main 1946, S. 163

15 Dieser Tod passt zu mir. Harro Schulze-Boysen – Grenzgänger im Widerstand. Hgg. v. Hans Coppi und Geertje Andresen. Berlin 1999, S. 356 ff.

16 Hans Coppi, Werner Krauss und der Schulze-Boysen/Harnack-Widerstandskreis. In: Werner Krauss – Literatur, Geschichte, Schreiben. Hgg. v. Hermann Hofer, Thilo Karger und Christa Riehn. Tübingen/Basel 2003, S. 45

17 Werner Krauss: Graciáns Lebenslehre. Frankfurt am Main 1947, S. 111

18 PLN, wie Anm. 14, S. 26 f.

19 Werner Krauss: Vor gefallenem Vorhang. Aufzeichnungen eines Kronzeugen des Jahrhunderts. Hgg. v. Manfred Naumann, mit einem Vorwort von Hans Robert Jauss. Frankfurt am Main 1995, S. 177

20 Werner Krauss: Die Universität in der Entscheidung. In: Frankfurter Rundschau, 26.3.1946 (Werke 1, S. 364)

21 Werner Krauss, zit. n. Winfried Schröder, Nachwort. In: Werner Krauss: Aufklärung I. Frankreich. Berlin/Weimar 1991, S. 571

22 Zitiert in »Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag«, Werke 1, 61. Das Zitat entstammt den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (MEW 40, S. 538).

23 Werner Krauss: Spaniens Weg am Abgrund (1946). In: Gesammelte Aufsätze, S. 318

24 Werner Krauss: Über den Anteil der Buchgeschichte. In: Ders.: Aufklärung II. Frankreich. Hgg. v. Rolf Geißler. Berlin/Weimar 1987 (Werke 6), S. 248

25 Stuart Hall: Globalisierung und Ethnizität (1991). In: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hgg. u. übers. v. Ulrich Mehlem u. a., Hamburg 1994, S. 59

26 Vor gefallenem Vorhang, wie Anm. 19, S. 159

→ Peter Jehle schrieb an dieser Stelle zuletzt am 11. März 2017 über Ernst Robert Curtius und die Romanistik während der Nazizeit: »Vom deutschen Mandarinentum«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.08.2026, Seite 12, Thema

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