Wie wir leben wollen
Die Wanderbiennale »Manifesta« verwandelt das Ruhrgebiet nicht nur in eine großflächige Galerie. Sie erprobt, was entstehen kann, wenn Bestehendes verschwindet
Abbas Zahedi richtet im ersten Stock der Liebfrauenkirche in Duisburg die Flakgeschütze Richtung Himmel aus. »Ouranophobia 47051« nennt der britisch-iranische Künstler seine beeindruckende, raumfüllende Installation, in diesem ebenso beeindruckenden brutalistischen Bau – nach der Angst vor dem Leben nach dem Tod und der Postleitzahl des Duisburger Aufstellungsortes der »Manifesta 16«. 30 Jahre nach der Erstausgabe in Rotterdam findet die diesjährige europäische Wanderbiennale im Ruhrgebiet statt, erstmals in mehreren Städten gleichzeitig.
Zwölf entweihte Kirchen in Essen, Gelsenkirchen, Bochum und eben Duisburg dienen als Schauplatz, als Begegnungsstätte, als Versuchslabor. Sie mahnen, erproben und inspirieren – und manche lassen die Betrachter staunend zurück. Zahedis Installation tut niemandem weh, die vermeintlichen Flakgeschütze entpuppen sich beim Näherkommen als Teile einer riesigen Orgel, ihr warnendes Surren als automatisch abgespielte Tonreihenfolge, durch deren eintönige Penetranz sich keine Gefahr ankündigt.
Gebaut ist sie aus Pfeifen zerstörter Instrumente – die Initialstücke stammen von der 2021 durch einen Brand beschädigten Orgel der St.-Nikolaus-Kirche in Kiew. Mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler beteiligen sich an der Manifesta, die Orte wurden durch unterschiedliche Kuratorinnen und Kuratoren gestaltet, und jeder dieser Orte bringt eine eigene Geschichte mit. Eine Geschichte von Freude, Trauer, Sinnsuche, Chancen – denn das Sterben geht weiter.
1,2 Millionen Mitglieder haben die beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland allein 2025 verloren, dutzende Kirchen mussten auch im vergangenen Jahr schließen. Was geschieht mit diesen Orten? In der ehemaligen Kirche St. Josef in Gelsenkirchen sind einige Ideen auf Schautafeln zu sehen – zu Markthallen umgestaltete Kirchenschiffe, öffentliche Schwimmbecken unterm Kreuz, mal türmen sich die Bücher einer Bibliothek bis zur Decke, mal kann selbige ab Boulderwänden erklommen werden, ein anderes Mal geben Helfer Essen an Bedürftige aus. Die Kirche als zeitgemäßer Ort der Vergangenheit und gegenwärtiges Versuchslabor der Zukunft. Einer Zukunft, in der die aufgebenden Gotteshäuser wieder eine Funktion erfüllen, die sie schon lange nicht mehr innehaben: die eines Treffpunkts, eines Ortes der Gemeinschaft, eines Ortes des Zusammenkommens. In einer von dem Strukturwandel immer noch gezeichneten Gegend sind auch solche Orte rar geworden.
Die Christ-König-Kirche in Bochum ist schon länger ein solcher Ort, bereits zur Zeit der Kulturhauptstadt Europas Ruhr. 2010 wurde die ehemalige Klosterkirche der Franziskaner als kultureller Begegnungsort genutzt – und beherbergte in den darauffolgenden zehn Jahren rund 40 Ausstellungen. Für die Manifesta 16 hat der Belgier Luc Tuymans ein Fries gestaltet, das aus blaukolorierten (Aufmarsch-)Standbildern des Leni-Riefenstahl-Propagandafilms »Triumph des Willens« auf 36 Metern oben an der Längsseite des Kirchenschiffes hängt und gar nicht anders gelesen werden kann als dezidierte Kritik am Wiedererstarken der Rechten in Europa. Den Boden wiederum hat die tschechische Künstlerin Eva Koťátková mit übergroßen Stoffvögeln, Würmern, Faltern und anderen Tieren, die wir alle aus den heimischen Gärten, Parks und unseren Städten kennen, bedeckt. Mal sind es ganze Körper, mal nur Teile. »When Animals Fall From the Sky« nennt sie ihre Installation, wenn Tiere vom Himmel fallen also, in Filmen kündigt sich auf diese Art gerne mal die Apokalypse an. Man sehe diese Wesen jeden Tag, sagt Koťátková, beachte sie aber nicht weiter, sie seien irgendwie unsichtbare Bewohner unserer Städte Wer unsichtbar ist, leidet auch für andere nicht sichtbar – Eva Koťátková will auf dieses Leid der Tiere und unseren Umgang mit ihnen aufmerksam machen.
Wie Fürsorge aussieht, zeigen Schüler aus Prag und Bochum, die als Teil der zum Werk gehörenden Performances, regelmäßig vorbeischauen, die Tiere füttern, zudecken und ihnen zuhören. Zuhören, das tun wir Menschen nicht nur selten den Tieren, oft auch denen nicht, die uns fremd sind. Eine dieser Gruppen steht im Fokus der Kuration von Gürsoy Doğtaş, der ihre Geschichten in den aufgegebenen Gelsenkirchener Gemeinden St. Thomas, St. Anna und St. Bonifatius erzählen lässt. Es sind die Geschichten der sogenannten Gastarbeiter und ihrer Kinder, jenen Mitbürger also, die einst vor allem aus der Türkei, Italien, Griechenland und Polen nach Deutschland kamen und wesentlichen Anteil an der letzten Blütezeit des Ruhrgebiets in den 60ern und 70er Jahren, der einst von der Schwerindustrie geprägten Städteregion, hatten. Doğtaş, dessen Vater und Mutter selbst Gastarbeiter waren, lässt sie von ihrem Alltag erzählen, dessen Härte, ihrer Einsamkeit, ihren Ängsten, ihren Sehnsüchten. Aber auch von ihren Freuden, Freunden und ihrer Freizeit. Von der Suche nach Identität und Heimat. Die Künstlerinnen und Künstler nutzen die Malerei (Mehmet Aksoy, Akbar Behkalam, İhsan Ece und andere), die Mittel der Fotografie (etwa Asimina Paradissas, Muhlis Kenter), Technik wie Holzschnitt und Radierung, wie sie der türkisch-deutsche Künstler Mehmet Güler nutzt, oder drücken sich in Installationen aus, etwa Merve Kaplan und Bettina Allamoda. Allamodas mehr als drei Meter hohe Skulptur »Minaret/Konfektion« aus Lkw-Planen stellt sowohl die religiösen Symbole Minaret und Kopftuch dar, die Verwendung der Materialien deutet dagegen auf grenzüberschreitenden Gütertransport und die Ausbeutung von Arbeitskräften hin.
Wir bräuchten Orte, wo Menschen zusammenkommen, hat die Direktorin der Manifesta, Hedwig Fijn, gesagt. Ob es diese zwölf leerstehenden Kirchen auch über die Biennale hinaus sein werden, bleibt abzuwarten.
→ Manifesta 16 Ruhr, bis 4. Oktober 2026 in zwölf entweihten Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Eintritt frei
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