Nicht nur im Sommer
Frankreich: Feuerwehrleute streiken im Hitzesommer für bessere Ausrüstung und höhere Personalschlüssel
Es ist ein Sommer der Superlative. Diese Formulierung, die vor Jahren noch in Teilen der Gesellschaft Enthusiasmus hervorgerufen hätte – man hätte an Sonnenbräune und Wassersport gedacht –, erzeugt heute jedoch in weiten Kreisen Furcht. Den Auswirkungen des Klimawandels darf live beigewohnt werden: Seit Jahresbeginn und bis zu Wochenanfang waren in Frankreich bereits 122.000 Hektar Wald abgebrannt, europaweit waren es 580.000. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es in Frankreich beispielsweise 24.500 Hektar, fünf Jahre später 66.300. Und die Rekordtrockenheit macht nicht nur aus der Loire ein Rinnsal. In 92 von 100 französischen Départements wurden amtliche Einschränkungen des Wasserverbrauchs verhängt, und 40.000 Haushalten wurde bereits der Trinkwasserhahn buchstäblich abgedreht.
Der Brandsommer begann im Juli mit spektakulären Bränden: erst in der Nähe von Marseille, dann im als Ausflugsziel und Kletterort beliebten Wald von Fontainebleau südöstlich von Paris, von dem über 2.000 Hektar innerhalb weniger Tage verloren gingen. In diesen Breitengraden hätte man ein solches Szenario vor Jahren noch für Science-Fiction oder unseriöse Sensationsliteratur gehalten.
Und ausgerechnet da streiken die Feuerwehrleute? – so fragen nun manche Stimmen. Einige im Publikum zeigen sich verärgert, auch wenn die Medien überwiegend differenziert über die Gründe berichten. Das ist aber auch nichts Neues und kommt etwa bei jedem Ausstand im öffentlichen Dienst vor: Streiken die Eisenbahner beim Herannahen der Feriensaison, stören sie die Urlauber und gilt dies als besonders perfide, tun sie es jedoch unterm Jahr, belästigen sie die Arbeitenden im Berufsverkehr und gilt dies als besonders perfide.
Tatsächlich fand ein erster Streiktag der Berufsfeuerwehr am Donnerstag voriger Woche stand. Eine daraufhin einberufene Gesprächs- und Verhandlungsrunde mit Innenminister Laurent Nuñez endete ergebnislos respektive mit dem Aufruf zu einem neuen Streik am 29. September – an diesem Datum werden auch andere Sektoren des öffentlichen Diensts in Frankreich im Ausstand sein. Vorausgehen sollen dem eine dreitägige »Dauerkundgebung« der Feuerwehrleute, eine Art Mahnwache, auf der zentral gelegenen Place de la République in Paris am 26., 27. und 28. September.
Die wichtigsten Zeitungen und Radios in Frankreich zeigen sich freilich verständnisvoll gegenüber den Feuerwehrleuten, drückt ihr Arbeitskampf doch gerade nicht Verantwortungslosigkeit gegenüber dem klimawandelbedingten, aber auch durch Brandstiftungen begünstigten Hitze- und Feuersommer aus. Just im Gegenteil: Denn der Arbeitskampf, der von einer nie dagewesenen Phalanx aus neun unterschiedlich orientierten Richtungsgewerkschaften, allen relevanten des Sektors, einvernehmlich geführt wird, hat just die mangelnde finanzielle, materielle und personelle Ausstattung der Feuerwehr und unzureichende Voraussicht der Regierenden zum Gegenstand.
»Die Kapuze der Uniform, die wir derzeit benutzen, hat weder einen Gas- noch einen Feinstaubfilter und ist also gefährlich«, erklärte etwa Cyrille Albanese von der »autonomen« (nicht konföderierten, also keinem Dachverband angegliederten) Feuerwehrgewerkschaft SSP-PATS 34 im Raum Montpellier dem Radiosender France Info. Ihrerseits zieht die Branchengewerkschaft der CGT für die öffentlichen Dienste – FNME-CGT – in einem Kommuniqué eine Parallele zu den dramatischen Folgen von Sparpolitik auch bei den Forstbehörden, aber auch in den Krankenhäusern. Der Sprecher der linksalternativen Gewerkschaft SUD SDIS, Rémy Chabbouh, forderte die Einstellung von 5.000 Feuerwehrleuten pro Jahr während der kommenden drei Jahre.
Innenminister Nuñez wehrt die Forderungen bislang ab, verweist auf den geplanten Kauf neuer Löschflugzeuge vom Typ Canadair – in diesem Sommer liehen unter anderem die Türkei und Kroatien welche an Frankreich aus. Und darauf, dass das Budget für den »Zivilschutz« im Zusammenhang mit Bränden seit 2017 »um 93 Prozent« angehoben worden sei. Die Zahl der verbrannten Hektar Wald stieg im selben Zeitraum allerdings auf das Zehnfache.
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