Tribalismus und Imperialismus
Gegen die Spaltung in »Ethnien, Klans, Stämme, Religionen«: Der langjährige eritreische Präsident Isaias Afwerki erläutert in einem Interviewband seine politischen Anschauungen
Eritrea befindet sich in geostrategisch bedeutender Lage am Horn von Afrika. Nach einem jahrzehntelangen Krieg wurde es 1993 von Äthiopien unabhängig. Es widersetzt sich seither hartnäckig dem Druck der USA und besteht auf einer unabhängigen Entwicklung. Das Land scheint einiges erreicht zu haben: Es gilt als eines der in bezug auf Kriminalität sichersten Länder Afrikas, die Bevölkerung wurde weitgehend alphabetisiert, die Beschneidung von Mädchen 2007 unter Strafe gestellt, die Fortschritte im Gesundheitsbereich sind international anerkannt. In westlichen Medien wird indes kaum über das Land berichtet; wenn, dann wird es meist als vermeintlich abgeschottetes und autoritäres »Nordkorea Afrikas« dargestellt. Da weckt es Interesse, dass der langjährige Präsident Eritreas, Isaias Afwerki (häufig auch: Afewerki), nun in einem Interviewband Auskunft über seine politischen Anschauungen gegeben hat.
Das Buch beruht auf Interviews des mit der belgischen Partei der Arbeit verbundenen Journalisten und Aktivisten Michel Collon mit Afwerki. Es enthält eine kurze Einleitung, sechs thematisch gegliederte Kapitel sowie ein Nachwort des äthiopischen Historikers Mohamed Hassan. Am Ende des Bandes findet man Fotografien, die soziale und wirtschaftliche Fortschritte illustrieren sollen.
Das erste Kapitel enthält einen kurzen Rückblick auf die Kolonialzeit und den Unabhängigkeitskrieg. Eritrea war seit dem 19. Jahrhundert Kolonie Italiens und wurde im Zweiten Weltkrieg von Großbritannien besetzt. Nach der Entkolonialisierung wurde es Äthiopien zugeschlagen, da dies damals den Interessen der USA entsprach. Afwerki betont erwartungsgemäß diese bis in die Gegenwart reichende Einflussnahme der USA.
Im zweiten Kapitel werden die Probleme der Region bzw. der Nachbarländer Eritreas, insbesondere des Sudan, betrachtet. Afwerki beklagt den Tribalismus, der sich im Sudan wie in vielen anderen afrikanischen Ländern durchgesetzt habe. Er sieht eine fortschrittliche Perspektive für Afrika nur im Überwinden tribalistischer und religiöser Differenzen zugunsten von stabilen Nationalstaaten. Afwerki rät afrikanischen Politikern dazu, die einst von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen zu akzeptieren, anstatt sie in Frage zu stellen und damit endlose Spannungen und Gewalt mit den Nachbarn zu provozieren. Auch die »islamische Lösung«, den politischen Islamismus, kritisiert er scharf. Die Afrikaner würden durch Tribalismus und Religion von den realen Problemen abgelenkt. Warlords sowie korrupte und unfähige Politiker würden das Problem weiter verschärfen.
Im dritten Kapitel zur »Einmischung des US-Imperialismus« geht es um die Einflussnahme internationaler Institutionen, hinter denen der Präsident in erster Linie die Interessen Washingtons sieht: »Es ist Einmischung von außen, was die Situation in Afrika komplizierter macht.« Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds versuchten, den afrikanischen Ländern ihre Entwicklungsprogramme vorzuschreiben. Auch in der forcierten Spaltung in »Ethnien, Klans, Stämme, Religionen« sieht Afwerki vor allem ein imperialistisches Herrschaftsmittel.
Afwerki betont die Notwendigkeit einer Industrialisierung. Das werde aber durch aufgezwungene westliche Programme erschwert. Hier setzt er Hoffnungen in eine »multipolare Weltordnung«. Den Krieg in der Ukraine betrachtet er in diesem Zusammenhang als einen Versuch, die Macht und die Einflusspositionen des Westens gegen die historische Tendenz zu verteidigen.
Die Herausforderung Eritreas bestehe heute zunächst in der Industrialisierung des Landes. Ein Bewässerungssystem sei nötig, um die Landwirtschaft unabhängig von Regenfällen zu machen, auch angesichts der globalen Erwärmung. Eritrea müsse weiterhin einen großen Teil der erforderlichen Nahrungsmittel importieren. Zwar verfügt das Land über eine lange Küste und könnte weit mehr Fisch fangen. Doch es fehle die Hafeninfrastruktur, um Fisch zu kühlen und weiterzutransportieren oder zu verarbeiten. Überraschen kann angesichts beachtlicher Fortschritte zugunsten von Frauen Afwerkis Positionierung gegen »gender equality« als westliche Propaganda. Sie ergibt sich offenbar daraus, dass er westliche Vorstellungen bezüglich des Verhältnisses der Geschlechter, wie sie von internationalen Organisationen propagiert werden, als mit der Lebensrealität und den Bedürfnissen in einem traditionellen und wenig entwickelten Land wie Eritrea kaum vereinbar ansieht.
Im Kapitel über Gesundheit und Bildung räumt Afwerki ein, dass das Land nicht alle vor 30 Jahren gesteckten Ziele erreicht hat. So erfasse das Schulwesen immer noch nicht alle Kinder und Jugendlichen des Landes: »Bildung bleibt eine absolute Priorität. Bildung ist der einzige Weg, um die Fähigkeit der Bevölkerung zu steigern, zur Schaffung von Reichtum beizutragen.« Die zweite Priorität ist das Gesundheitswesen, in dem das Land durchaus Erfolge vorzuweisen hat. Allerdings gebe es immer noch große Herausforderungen in ländlichen Gebieten, aber auch dabei, die Krankenhäuser mit ausgebildetem Personal auszustatten.
Das sechste Kapitel »Wie man der Propaganda widersteht« beschäftigt sich mit der Manipulation vor allem der Europäer durch ihre Regierungen. Allerdings wirft Afwerki auch vielen Afrikanern vor, falsche Vorstellungen über ihre Lage zu haben und keine Emanzipation anzustreben: »Afrikaner haben sich mit dem Gefühl der Unterlegenheit abgefunden.« Das Problem werde »nicht nur vom Herrn verursacht, sondern die Sklaven tragen dazu bei, indem sie die Sklaverei als Norm akzeptieren«.
In seinem erstaunlich optimistischen Nachwort sieht Mohamed Hassan Afrika vor einem Aufbruch. Dabei verweist er auf den Niedergang der von den USA dominierten Weltordnung und die jüngeren Umbrüche in Mali, Burkina Faso und Niger. Als Leitbild empfiehlt er Eritrea. Man muss nicht alle Einschätzungen von Afwerki, Collon und Hassan teilen. Vieles bedürfte der Differenzierung und Erläuterung, gerade auch für Leser, die mit der Lage in Eritrea und der Region nur unzureichend oder gar nicht vertraut sind. Allerdings: Sucht man nach afrikanischen Politikern und Denkern, die sich rational und grundsätzlich fortschrittlich mit den Herausforderungen des Kontinents auseinandersetzen – in einer Zeit, in der viele Akteure sich tribalistisch und religiös auf sich selbst konzentrieren –, dann sollte man sich mit den Positionen von Afwerki beschäftigen. Das Buch bietet eine Gelegenheit, eine wichtige Stimme Afrikas zu hören.
→ Isaias Afwerki: My struggle for Eritrea and Africa. Talks with Michel Collon. Investig’Action, Brüssel 2025, 108 Seiten, 15 Euro
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