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Neue Märkte, alte Sorgen

BRD-Wirtschaft findet Ersatz

Exporte in Richtung Ost gleichen Schwäche im China- und US-Geschäft aus

Von Mirko Knoche
Foto: IMAGO/Daniel Reinhardt
Hamburg: Viele neue Handelsziele sind über Land erreichbar. Sicherer sind sie nicht unbedingt

In der Krise besinnt sich das deutsche Kapital auf die Expansion nach Osteuropa und Mittelasien. Was sich bislang in militärischen Planspielen und Rüstungsprojekten widerspiegelte, wird momentan harte wirtschaftliche Realität. Die Exporte ins östliche und südöstliche Europa sowie ins postsowjetische Zentralasien haben im ersten Halbjahr 2026 mit einem Plus von elf Milliarden Euro gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 die Ausfuhrverluste nach China und in die USA mit zehn Milliarden Euro mehr als ausgeglichen. Das gab der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft am Donnerstag in einer Mitteilung bekannt.

Die Ausfuhren nach Polen stiegen um 9,2 Prozent auf nahezu 54 Milliarden Euro. Mit einem Gesamtvolumen von 94 Milliarden Euro von Januar bis Juni dieses Jahres ist der Nachbar jenseits von Oder und Neiße größter deutscher Handelspartner in der Region, die von Mitteleuropa bis in den russischen Fernen Osten reicht. Der tschechische Markt nahm mit rund 30 Milliarden Euro genau 14 Prozent mehr deutsche Waren auf als in den ersten sechs Monaten 2025. Auf den Spitzenplätzen im Außenhandel folgen Ungarn, Rumänien und die Slowakei. Dahinter rangiert ein großes Mittelfeld.

Bezüglich der Einfuhren sind die Umsätze in Aserbaidschan und Kasachstan mit einem Plus von über 40 Prozent geradezu explodiert. Die Ölknappheit durch die Blockade der Straße von Hormus hat nicht nur die Mengen sondern auch die Preise für Erdöl und Erdgas aus dem Kaukasus und Zentralasien in die Höhe schnellen lassen. Ein weiteres tragen die immer schärferen Sanktionen gegen Russland bei. Die Importe von dort schrumpften im ersten Halbjahr um fast ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Nahezu ganz zum Erliegen kam der Handel mit Moskaus Partner Belarus.

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Freilich können die neuen Märkte im Osten kurzfristige Schwankungen ausgleichen. An der strukturellen Abhängigkeit der BRD-Wirtschaft von den Haupthandelspartnern China und USA ändert das nichts. Noch immer ist die Volksrepublik mit einem Außenhandelsvolumen von 125 Milliarden Euro eindeutiger Spitzenreiter, dicht gefolgt von US-Amerika mit 123 Milliarden Euro. Den dritten Platz holen die Niederlande (109 Milliarden Euro). Frankreich schafft es mit gut 100 Milliarden Euro noch auf Platz vier. Polen folgt allerdings schon auf dem fünften Rang mit 94 Milliarden Euro kombinierten Einfuhren und Ausfuhren.

Aufgegliedert nach Importen und Exporten ergibt sich ein etwas differenzierteres Bild. In die meisten Länder der Top 25 unter den Handelspartnern exportiert Deutschland mehr, als es von dort einführt. Darunter stechen die Vereinigten Staaten als Hauptabsatzmarkt mit Ausfuhren von fast 73 Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres hervor, 6,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Dagegen bezog die BRD in den ersten beiden Quartalen 2026 Waren im Wert von 50 Milliarden Euro von den Amerikanern, ein Plus von 6,7 Prozent. Trumps Zölle wirken anscheinend.

Das Zurückfallen der BRD-Wirtschaft hinter die ökonomischen Supermächte USA und China wird im China-Exportgeschäft noch viel deutlicher. Das Land rangiert unter den Absatzmärkten mit Warenkäufen aus Germany von 36 Milliarden Euro im ersten Halbjahr nur noch auf Rang zehn, ein Minus von 12,4 Prozent zum Vorjahr. Im Gegensatz dazu dominieren chinesische Einfuhren im Wert von 89 Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten 2026 den deutschen Markt – ein Plus von 8,6 Prozent und mit 39 Milliarden Euro ist der Vorsprung auf die zweitplatzierten USA uneinholbar. Das besagen die Berechnungen des Ost-Ausschusses auf der Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamts.

Das ist längst nicht nur auf Subventionen der chinesischen Regierung und einen unterbewerteten Yuan zurückzuführen. Vielmehr zeigen sich hier auch strukturelle Unterschiede. Die klassischen deutschen Exportschlager – Autos und Maschinen – können mit chinesischen Produkten beim Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr konkurrieren. Zudem setzt die Volksrepublik in diesen Branchen weiter konsequent auf die Weltmarktführerschaft. Während in der BRD ökonomische Postulate wirkungslos verpuffen, machen die Chinesen Ernst mit ihren Ansagen. Die Exportweltmeisterschaft der alten BRD beruhte noch auf hoher Produktivität, erkauft mit hohen Löhnen. Spätestens in der Schröder-Ära der späten 1990er Jahre schwenkten die Wirtschaftskapitäne auf einen neuen Kurs um. Niedriglöhne und Sozialabbau sollten Vorleistungen verbilligen, letztlich ein chancenloser Unterbietungswettbewerb.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 5, Inland

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→ Leserbriefe
  • Joachim Becker aus Eilenburg 17. Aug. 2026 um 12:12 Uhr
    Auch in den 1980er Jahren steckte die BRD-Wirtschaft wieder einmal in einer Krise. Da kam ihr der »Umbruch« 1989/90 in den realsozialistischen Ländern Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, gerade zu gelegen. Von nun an fand das BRD-Kapital, dank der Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, auch in der DDR wieder neue Absatzmärkte. Unsere DDR-Betriebe wurden, da sie angeblich marode und nicht konkurrenzfähig waren, plattgemacht. Nun, seit fünfunddreißig Jahren dürfen auch wir DDR‑Bürgerinnen und ‑Bürger uns (endlich!) über die ach so tollen, vor allem bunten Westprodukte freuen. Dem BRD-Kapital ist das nur recht.
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