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Realitätscheck in Estland
Sicherheitsexperte bezeichnet Mutmaßungen zu möglichem russischen Überfall als »töricht«
Wer den Bestseller des Bundeswehr-Professors Carlo Masala »Wenn Russland gewinnt« gelesen hat, wird mit dem Begriff »Narva-Szenario« vertraut sein. Narva ist eine Stadt in Estland, die direkt an der russischen Grenze liegt, auf der anderen Seite des gleichnamigen Flusses. In dem Buch, das eine hypothetische Entwicklung nach einem »russischen Sieg« in der Ukraine schildert, stellt sich der Autor vor, dass Wladimir Putin nach dem Sieg abtritt und die Macht an den jüngeren Oleg Obmantschikow übergibt. Das ist jedoch alles nur ein Trick. »Obman« bedeutet auf Russisch »Betrug, Schwindel«, und Obmantschikow steht dem Westen nicht wohlwollender gegenüber als sein Vorgänger. Tatsächlich beschließt er nach der Einstellung der Feindseligkeiten in der Ukraine, die Entschlossenheit des Westens auf die Probe zu stellen, indem er in Estland einmarschiert – praktisch nur, um zu sehen, wie der Westen reagiert.
In den westlichen Geheimdiensten herrschte bislang der Konsens, dass Moskau, solange die russische Armee in der Ukraine beschäftigt ist, weder die Absicht noch die Möglichkeit hätte, einen direkten Konflikt mit einem NATO-Land zu beginnen. Einem Bericht des Wall Street Journal vom vergangenen Donnerstag zufolge kommen jedoch US-Geheimdienste in neuen Einschätzungen zu dem Schluss, dass Russland versuchen könnte, die NATO auf die Probe zu stellen, selbst während der Krieg in der Ukraine noch andauert. Der Bericht erwähnte nicht nur Cyber- oder Drohnenangriffe, sondern auch eine begrenzte Bodeninvasion.
Die Reaktion des betroffenen Landes, Estlands, ist jedoch ernüchternd ausgefallen. In einem Interview mit dem estnischen Staatssender ERR bezeichnete Rainer Saks, Sicherheitsexperte und ehemaliger Staatssekretär des estnischen Außenministeriums sowie früherer Generaldirektor beim Auslandsgeheimdienst Välisluureamet, dies einen Tag später alles als übertriebene Spekulation: »Dies ist ein weiterer klassischer Fall, in dem anonyme Quellen etwas gesagt haben, Fragmente niedergeschrieben wurden, offizielle Stellungnahmen jedoch entweder nicht verfügbar sind oder verweigert werden.« Was die konkrete Möglichkeit eines russischen Angriffs angeht, erklärte der estnische Sicherheitsexperte, dass es »keine nennenswerten Anzeichen dafür gibt, dass Russland dies tatsächlich plant. Es handelt sich um eine hypothetische Einschätzung«.
Eigentlich, so Saks, würde »die Veröffentlichung solcher Einschätzungen im aktuellen Kontext Russland in die Hände spielen. Selbst der vorgeschlagene Zeitrahmen, von diesem Herbst bis 2029, ist völlig absurd. Russland schmiedet sicherlich keine derartigen Pläne.« Den Bericht des Wall Street Journal bezeichnete er als »äußerst töricht«: »Russland hat die NATO-Staaten nicht direkt mit militärischen Maßnahmen bedroht. Statt dessen wird nun ein Kontext geschaffen, der es ihm ermöglicht, Informationen zu manipulieren.«
Für Estland ist dies eine Situation, die stark an die Ereignisse dieses Frühjahrs erinnert. Im März berichteten große europäische Medien über die Möglichkeit einer »Volksrepublik Narva«, einer separatistischen Einheit nach dem Vorbild der »Volksrepublik Donezk« und der »Volksrepublik Luhansk« in der Ukraine. Als Beweis für einen russischen Masterplan zur Spaltung Estlands galt das Erscheinen eines Kanals namens »Volksrepublik Narva« in der App Telegram. Damals zählte die Gruppe rund 700 Mitglieder. Fünf Monate später sind es 1.400 Mitglieder. Im Frühjahr mahnten estnische Amtsträger und Experten zur Vorsicht bei der Einschätzung potentieller Bedrohungen für die territoriale Integrität Estlands. Innenminister Igor Taro äußerte sich damals zu Gerüchten über eine »Volksrepublik Narva« so: »Nicht jede Dummheit ist eine Straftat.«
Narva ist die drittgrößte Stadt Estlands mit 50.000 Einwohnern; die meisten von ihnen sind ethnische Russen. In den 1990er Jahren, in den ersten Jahren nach der Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit, mag es Autonomiebestrebungen gegeben haben, doch daraus wurde nichts. Heute identifizieren sich junge Menschen in Estland, im Gegensatz zu ihren Eltern oder Großeltern, eher als Esten denn als Russen.
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