Propaganda und Realität
Peter Longerichs »Stimmungsgeschichte« der Nazizeit ist ein Frontalangriff auf die üblich gewordene Vorstellung von einer »Zustimmungsdiktatur«
Die Frage, wie »die Deutschen« zur Nazidiktatur standen, ist vom Mainstream der deutschen Geschichtswissenschaft und in der sonstigen historischen Publizistik in den vergangenen 30 Jahren recht einmütig beantwortet worden: Allgemein unterstellt wurde ein sehr hohes Maß an Zustimmung (»Zustimmungsdiktatur«), und es fehlt bis heute auch nicht an Versuchen, die Ansicht verbindlich zu machen, die »Volksgemeinschaft« sei keine propagandistische Fiktion, sondern eine historische Realität gewesen und die Diktatur gleichsam ein »Volksstaat«.
Die Geschichte dieser Deutung ist für sich genommen interessant. Von der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre wurde eine Frühform vor allem von konservativen, an einer Apologetik bürgerlicher Politik interessierten Autoren vertreten, die den Blick auf den Klassencharakter und die Trägerschichten der faschistischen Diktatur mit der Behauptung vernebeln wollten, mit dem Naziregime habe sich das »Volk« oder die »Masse« des Staates bemächtigt. Eine Ableitung war die seit den 80er Jahren vehement verfochtene These, die NSDAP sei keine bürgerliche Partei und die faschistische Massenbasis keine »Mittelstandsbewegung« gewesen. Nun war auf einmal von einer »Volkspartei« die Rede. Hier stand durchweg ein Entlastungsinteresse im Hintergrund – ganz ähnlich wie bei der auf den ersten Blick entgegengesetzten Auffassung, wonach für alles Geschehene nur Hitler und ein paar »Helfer« verantwortlich waren.
Regime und Volk
Nach 1990 ging eine Transformation vor sich: In dem Maße, in dem marxistische Positionen aus der Debatte ausgeschaltet wurden und es liberale und nichtmarxistische linke Historiker verlernten (oder offensiv ablehnten), die deutsche Gesellschaft der Jahre 1933 bis 1945 als Klassengesellschaft zu analysieren, wurde die ursprünglich für die Entlastung der herrschenden Klasse entwickelte Vorstellung der Einheit von Regime und Volk für eine »kritische« Verwendung adaptiert.
Auf einmal galt es als Merkmal einer besonders schonungslosen Analyse, den Grad des gesamtgesellschaftlichen Einverstandenseins mit der faschistischen Diktatur in immer extremere Höhen zu treiben. Hans-Ulrich Wehler verstieg sich im vierten Band seiner »Deutschen Gesellschaftsgeschichte« (2003) zu dem »Gedankenspiel«, dass »Hitler«, hätte er nach dem militärischen Sieg über Frankreich 1940 »freie Wahlen unter Aufsicht des Völkerbundes abgehalten«, »vermutlich 95 Prozent, wenn nicht gar die Gesamtheit der Stimmen für sich gewonnen« hätte. Während Wehler aber immerhin noch von einer gewissen Konjunktur der Zustimmung ausging, sind die Auffassungen zu diesem Thema seither immer einfältiger geworden. Dass »die Deutschen« zwölf Jahre lang begeistert das Regime unterstützt haben bzw. sich »fast die gesamte deutsche Nation mit Hitler und seinen Zielen identifizierte« (Norbert Frei), ist hier und da inzwischen in den Rang eines Glaubenssatzes bzw. einer nicht mehr beweispflichtigen Prämisse erhoben worden.
Peter Longerichs 2025 erschienene »Stimmungsgeschichte« der Jahre 1933 bis 1945 ist ein Frontalangriff auf diesen Diskurs. Es ist vermutlich das inhaltlich gewichtigste Buch des Historikers, der mit biographischen Arbeiten über Hitler, Himmler und Goebbels sowie mit Untersuchungen zur deutschen Vernichtungspolitik gegen die jüdische Bevölkerung in Europa hervorgetreten ist. Als eine Art Vorläufer der »Unwilligen Volksgenossen« erscheint eine Studie über die »Sportpalast-Rede« von 1943, in der Longerich die Auffassung vertritt, dass deren propagandistische Wirkung stark übertrieben wird.
Erstaunlich ist, dass die Unhaltbarkeit der oben zitierten Auffassungen erst jetzt auf eine so systematische Weise aufgezeigt wird. Denn eigentlich sprach das zum Teil längst publizierte einschlägige Quellenmaterial (und eine umfangreiche ältere Literatur nicht nur von marxistischen Historikern, die das Verhältnis von Regime und Gesellschaft differenziert untersucht haben) immer eine recht eindeutige Sprache: Jenseits des zunehmend marginalisierten, nur von einer Minderheit in erster Linie der Arbeiterklasse getragenen aktiven antifaschistischen Widerstandes gab es eine sehr ausgedehnte Zone von Indifferenz, Vorbehalten, Unzufriedenheit, bewusster Nichtbeteiligung und auch artikulierter Ablehnung, die mit der Vorstellung von einer »Zustimmungsdiktatur« nicht vereinbar ist. Longerich zeigt unter anderem, dass schon die Vorstellung, die »Machtergreifung« habe 1933 »eine weit über das nationalsozialistische Lager reichende Aufbruchstimmung und Zustimmungswelle ausgelöst«, einer kritischen Überprüfung nicht standhält.
Derlei geht zuallererst aus den für den internen Gebrauch angefertigten Stimmungsberichten des Regimes selber hervor, die in einem auffallenden Kontrast zu der propagandistischen Selbstdarstellung stehen – die nicht nur in aus »Wochenschau«-Bildern kompilierten TV-»Dokus« stillschweigend für die Wirklichkeit genommen wird.
Die unter dem Titel »Meldungen aus dem Reich« vor rund 40 Jahren publizierten Lageberichte des SD, die 1943/44 auf Betreiben vor allem von Goebbels wegen ihrer »negativen« und »defätistischen« Tendenz eingestellt wurden, sind nur die bekannteste Berichtsreihe. Die umfangreiche Berichterstattung von Verwaltungsbehörden und Gestapo in Preußen wurde bereits 1936 eingestellt, weil die Berichte nach Ansicht von Hermann Göring »schlicht zu negativ« (Longerich) ausfielen.
Longerich hat erstmals alle aktuell erreichbaren Materialien, die zur Quellengattung der meist im Monatsrhythmus erstellten Stimmungsberichte gehören, systematisch und vollständig ausgewertet, darunter neben den genannten Reihen auch die Berichterstattung der bayerischen Regierungspräsidenten (die einzige durchgehende Reihe für den gesamten Zeitraum), anderer Verwaltungsstellen, der Wehrwirtschaftsinspektionen und der NSDAP-Gauleitung Westfalen-Nord. Das umfangreiche interne Berichtswesen der NSDAP bzw. ihrer Gliederungen und »Ämter« ist nur in kleinen Resten überliefert; diese Bestände wurden offenbar systematisch vernichtet.
Höflich formuliert
Longerichs Auswertung dieses Materials entlang von »Beschwerdekatalogen« bzw. innenpolitischen Konfliktfeldern stellt den Befund der »Zustimmungsdiktatur« unmissverständlich in Frage: »Denn aus den Berichten ergibt sich, dass die Bevölkerungsmehrheit mit den zentralen ideologisch-politischen Grundsätzen des Regimes nicht übereinstimmte. In wichtigen Bereichen gab es sogar weitgehenden Unwillen und Unzufriedenheit mit seiner Politik.« Die »in der Forschung so stark in den Vordergrund gerückte Vorstellung, die Deutschen hätten, angezogen von der volksgemeinschaftlichen Utopie, in großer Mehrheit der Politik des Regimes zugestimmt, hat eine entscheidende Schwäche: Sie ist nicht hinreichend dokumentarisch belegt.« Das ist eine höflich formulierte, aber sehr weitreichende Aussage: Das heißt im Grunde, dass ein sehr erheblicher Teil der in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen Literatur zur Geschichte des Naziregimes methodologisch nicht haltbar ist.
Was Longerich nicht bestreitet, ist das Ausmaß der hergestellten »Gefügigkeit« und die vorhandene Bereitschaft zum »Mitmachen«. Er wendet sich aber überzeugend gegen die Behauptung, dass die Grundlage dafür eine »wirkliche Zustimmung« gewesen sei. Er weist in diesem Zusammenhang zum Beispiel die inzwischen gängige Vorstellung zurück, dass die durch verschiedene »Wahlen« und »Abstimmungen« zwischen 1933 und 1938 vom Regime ausgewiesene Zustimmung als authentischer Gradmesser einer wirklichen Popularität anzusehen ist: Hier werde einfach ignoriert oder unterschätzt, in welchem Ausmaß Wähler »eingeschüchtert und bedrängt sowie die Ergebnisse manipuliert wurden«. Die in den Berichten dokumentierte negative Einstellung der Bevölkerung etwa zur NSDAP habe auch in der Konsolidierungsphase »im krassen Gegensatz zu den von der Propaganda verbreiteten Bildern« gestanden. Und die Stimmungsberichterstattung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges sei durch ein Leitmotiv geprägt, nämlich »die Hoffnung der Bevölkerung auf ein baldiges Kriegsende« – und nicht auf einen »triumphalen Sieg und die Errichtung eines ›Lebensraum‹-Imperiums«.
Eine »Gesamtverantwortung« der deutschen Bevölkerung für die »verheerenden Folgen nationalsozialistischer Politik« sieht Longerich weiterhin. Diese sei aber nicht aus einer angeblichen Zustimmung ableitbar, sondern »aus dem Unwillen, sich einer eigentlich skeptisch bis ablehnend eingeschätzten Politik entgegenzustellen«.
→ Peter Longerich: Unwillige Volksgenossen. Wie die Deutschen zum NS-Regime standen. Eine Stimmungsgeschichte. Siedler, München 2025, 637 Seiten, 34 Euro.
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