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Der Tropfen auf dem Stein
Wo keine Schwimmbäder, da auch kein Schwimmunterricht: Die Sportstättenmisere zeigt sich im Sommer besonders drastisch. Eine Analyse
Allein im vergangenen Monat sind in der Bundesrepublik so viele Menschen ertrunken wie zuletzt im Juni 2003. Damals verunglückten 107 Menschen im kühlenden Nass, dieses Jahr sind es nach Angaben der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) insgesamt 99 gewesen. Der Zusammenhang mit einem anderen Fakt ist vor diesem tödlichen Hintergrund keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Für das mit 250 Millionen Euro ausgestattet Bundesprogramm zur Sanierung von Schwimmbädern sind von den Kommunen Anträge über eine Gesamtfördersumme von rund 3,2 Milliarden Euro eingegangen. Zwischen dem Angebot des Bundes und der bezeichnenden Nachfrage an der Basis herrscht mithin eine Finanzierungslücke von etwa 2,95 Milliarden Euro. Anders gesagt: Das Förderprogramm ist fast 13fach überzeichnet. Nicht zu vergessen, dass viele baulich derzeit intakte Bäder, die noch für ihre Badegäste geöffnet haben, wegen Personalmangels und erhöhter Betriebskosten trotzdem um ihre Zukunft fürchten müssen.
Auch wegen der aktuellen Bädersituation hat sich die Zahl der Grundschüler, die hierzulande nicht schwimmen können, zuletzt nahezu verdoppelt. Zu diesem Ergebnis kam eine von der DLRG in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage bereits im Jahr 2022, als die Lage mit der von 2017 verglichen wurde. Damals konnten den Angaben der Eltern zufolge zehn Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nicht schwimmen, vor fünf Jahren waren es bereits 20 Prozent. Tendenz: düster. Für DLRG-Präsidentin Ute Vogt das logische Ergebnis mangelnder Infrastruktur. »Der Unterschied bei den Nichtschwimmern ist gravierend, aber angesichts der Entwicklungen in den vergangenen zwei bis drei Jahren wenig überraschend.« Während der Pandemie habe über längere Zeiträume praktisch keine Schwimmausbildung stattfinden können. In der Folge hätten aktuell 37 Prozent der Jungen und Mädchen im Grundschulalter kein Schwimmabzeichen – und noch nicht mal das »Seepferdchen«.
»Nicht jede Grundschule kann den vorgeschriebenen Schwimmunterricht anbieten – weil sie einfach keine Wasserfläche bekommt. Aber das sollte gewährleistet sein. Die Problematik besteht also vor allem darin, dass es schwer geworden ist, überhaupt die Möglichkeit zum Schwimmenlernen zu haben«, brachte es Schwimmikone Franziska van Almsick kürzlich in einem Interview mit der Welt aus den Punkt. »Ich bin der Meinung: Wenn jedes Kind lesen lernen muss, dann muss auch jedes Kind schwimmen lernen.«
Michaela Röhrbein, beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Vorstand für Sportentwicklung, sieht in der Viertelmilliarde aus Berlin für die Bäderinfrastruktur nur einen Anfang. Der Blick müsse auf den zu oft miserablen Zustand sämtlicher Sportstätten gerichtet werden. Laut einer von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Auftrag gegebenen Erhebung von Oktober 2024 beträgt der »Investitionstau« bei der kommunalen Sportinfrastruktur mehr als zwölf Milliarden Euro. Eine Summe, die gebraucht wird, nur um den weiteren Verfall zu stoppen und den Status quo zu sichern. So das ernüchternde Ergebnis dieser bundesweiten Sonderbefragung unter rund 900 Kämmereien. Der DOSB beziffert den Bedarf bei Sportstätten sogar auf mehr als 30 Milliarden Euro.
»Es ist ein wichtiges Signal, dass der Bund Verantwortung für die Sportstättenförderung im Breitensport übernimmt, obwohl er dafür nicht zuständig ist. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Die massive Überzeichnung zeigt den Wunsch der Bevölkerung sehr klar: Der Bedarf vor Ort ist deutlich größer als die vorhandenen Mittel«, lobt Röhrbein das separate Bäderprogramm, doch: »Schwimmbäder, Sporthallen und Sportplätze sind zentrale Orte für Bewegung, Gesundheit, Bildung und Gemeinschaft. Wer hier investiert, investiert direkt in Lebensqualität, Teilhabe und Zusammenhalt. Deshalb braucht es eine langfristige, verlässliche und deutlich stärkere gemeinsame Investitionsstrategie von Bund, Ländern und Kommunen.«
Der schönen Rhetorik steht die düstere Praxis gegenüber. Denn auch das Bundesprogramm zur »Sanierung kommunaler Sportstätten« ist hoffnungslos überzeichnet. Hier werden in zwei Tranchen insgesamt 666 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Die Kommunen, die bis Mitte Juni für die erste Tranche über 333 Millionen Euro ihre Förderanträge stellten durften, meldeten auf Aufhieb einen Gesamtbedarf von über 7,5 Milliarden Euro an. Lediglich 314 von den insgesamt zur Förderung eingereichten 3.600 Projekten können zum Zuge kommen. Wie bei den Schwimmbädern kann diese Bundeshilfe bestenfalls eine Geste sein. Nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.
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