-
2 Leserbriefe
- → Ausland
Folter und Mord in Ukraines Armee
Vorwürfe von brutaler Gewalt gegen die eigenen Rekruten sind lange keine Einzelfälle mehr
Auf den ersten Blick mag das Sturmregiment »Skelja« – ukrainisch für »Fels« – wie eine von vielen unter den ukrainischen Militäreinheiten erscheinen. Es hat eine schöne Website, über die sich Ukrainer bewerben können, beispielsweise als Drohnenpilot, Artillerist oder Sanitäter. In den vergangenen Wochen hat der Name »Skelja« jedoch einen bedrohlichen Beigeschmack bekommen. Gegen das Regiment wurden schwerwiegende Vorwürfe vorgebracht: Es geht um Folter und Gewalt gegenüber den eigenen Rekruten. Vorfälle, die zum Teil sogar tödlich endeten.
Die ersten Vorwürfe wurden bereits vor Jahren vom ukrainischen Onlinemagazin Babel veröffentlicht. Babel ist kein oppositionelles Medium, bezeichnet sich selbst als unabhängig, wird aber größtenteils durch westliche Fördermittel finanziert. Nun bringen neue Enthüllungen des Magazins und die einer weiteren ukrainischen Infoseite, Slidstvo.info, sehr anschauliche Details ans Licht.
Es wird ein Muster von Brutalitäten innerhalb von »Skelja« aufgedeckt: von Prügel über Verstümmelungen bis hin zu Morden an eigenen Soldaten. Dem Regiment »Skelja« wird vorgeworfen, »Jagd auf Rekruten« zu machen, die versuchen, den Misshandlungen zu entkommen. Deserteuren werde dann einfach »in den Rücken geschossen«.
Einer dieser Rekruten, Arkadij Kukschin, berichtete zum Beispiel, wie er über ein Minenfeld vom Trainingsplatz floh. Er wurde beschossen, eine Kugel traf ihn am Bein, ihm gelang dennoch die Flucht. Er suchte Zuflucht in der Wohnung eines Freundes in seiner Heimatstadt Charkiw. Dort versteckte er sich mehrere Wochen lang, während er sich von der Schussverletzung erholte, die ihm jemand aus seinem eigenen Regiment zugefügt hatte. Anschließend wurde er überredet, sich an die Strafverfolgungsbehörden zu wenden, um über den Fall zu sprechen. Für seine Mühen erhielt er eine Vorladung wegen Desertion. Letztlich beschloss Arkadij wie viele Zehntausende seiner Landsleute, die Ukraine zu verlassen, und schaffte dies über eine Fluchtroute durch die dichten Wälder der Karpaten.
Andere Zeugen aus dem Bericht über das »Skelja«-Regiment sprechen von Prügel nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen weibliche Rekruten. Ein Mann namens Jurij erzählte, wie er mit dem Eisenrohr eines Granatwerfers geschlagen worden war. Es wurde kein Strafverfahren eingeleitet. In Kriegszeiten schauen die ukrainischen Behörden nicht hin. Mit dem Krieg werden offenbar extrem harte Maßnahmen gerechtfertigt.
Leider scheinen dies keine Einzelfälle zu sein. »Skelja« ist auch nicht die einzige ukrainische Militäreinheit, die von solchen Vorwürfen betroffen ist. In einem Interview nach der Entlassung des ehemaligen Verteidigungsministers Michajlo Fedorow warf Sergij Sternenko, einer der prominentesten ukrainischen nationalistischen Aktivisten, den ukrainischen Streitkräften Folter und Mord vor und sprach von der »Kriminalisierung der ukrainischen Streitkräfte« unter Oberbefehlshaber Olexander Sirskij.
Sternenko berichtete von »einem Soldaten, der sich selbst freiwillig zur Armee gemeldet hatte und starb, nachdem er, an ein Geländefahrzeug gefesselt, über den Boden geschleift worden war«. Er erwähnte auch die Geschichte »eines entführten Marinesoldaten«, dessen Leiche »ohne innere Organe gefunden wurde«. Sternenko war selbst ein ehemaliger Berater des Verteidigungsministeriums und gilt als Verbündeter von Fedorow, dessen Entlassung in mehreren ukrainischen Städten zu weitreichenden Protesten geführt hat.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij bestätigte einen Konflikt zwischen Olexander Sirskij und Fedorow. Demonstranten meinen, der in Russland geborene Sirskij wolle der Ukraine quasi absichtlich schaden. Sternenko behauptete sogar, der nun abgesetzte Oberbefehlshaber wolle »die Armee von innen heraus zerstören« und »die Mobilisierung untergraben«. Ihm zufolge widersprechen diese Vorfälle den Werten, für die die Ukraine kämpft. Angesichts der Proteste büßte Sirskij am Dienstag auch seinen Job ein. Sein Nachfolger, der einst jüngste Oberbefehlshaber des ukrainischen Heeres, Michajlo Drapatij, steht schon in den Startlöchern, um die militärische Strategie des Landes neu auszurichten.
In Europa will jedoch niemand solche Geschichten wie die zu »Skelja« hören. Politiker und ein Großteil der Medien halten lieber an einem idealisierten, ja beschönigten Bild der Ukraine fest.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,7
-
Onlineabonnent*in Marian R. aus B. 23. Juli 2026 um 14:10 UhrIch freue mich darauf, bald einen ebenso kritischen Bericht zu solchen Vorgängen in der russischen Armee zu lesen. Denn dass sich russische Proletarier freiwillig für russische Kapitalisten unter ihrem Präsidenten Putin – der seinen damaligen Eid auf den Sozialismus schmählich verriet – an der Front ermorden lassen, glaubt zu Recht niemand! Diesem System keinen Pfennig und keinen Mann – weder in Moskau, noch Kiew noch in Berlin!
- Antworten
-
Slogane 24. Juli 2026 um 07:40 UhrDas Gleiche mit gleichen vergleichen und bewusst die geopolitischen und ökonomischen Zwänge (Kapitalismus und Krieg) weglassen. Da kann man sich um die Moral und Ethik kümmern.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
