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Steve Bikos Erbe lebt

Foto: jW

Heute möchte ich der Frage nachgehen, welche Bedeutung der südafrikanische Freiheitskämpfer Steve Biko (1946–1977) für junge Menschen hat. Ich bin der Meinung, dass Stephen Bantu Biko – oder Steve Biko, wie er sich selbst nannte – nach wie vor eine ausschlaggebende Stimme innerhalb der Antiapartheidbewegung sowie der weltweiten Freiheitsbewegung der Schwarzen ist. Sein 1978 posthum veröffentlichtes Buch »I Write What I Like« ist nicht einfach eine einsame Stimme des Widerstands, sondern Ausdruck einer kollektiven Sehnsucht danach, Widerstand gegen die Vorherrschaft der Weißen zu leisten.

Er war eine zentrale Figur der Black-Consciousness-Bewegung. Der Apartheidstaat ließ ihn im September 1977 auf brutale Weise ermorden, da er befürchtete, dass ihm viele Menschen zuhören und folgen würden und er zum Präsidenten eines neuen Südafrika werden könnte. Allerdings nicht des bestehenden Südafrika, sondern eines gänzlich neuen afrikanischen Staates, den Biko »Azania« nannte und der einen grundlegenden Bruch mit dem Apartheidstaat Südafrika bedeutet hätte. Zweifellos hat das repressive Regime der weißen Rassisten ihn aus Angst vor seinem unaufhörlich wachsenden Einfluss ermordet.

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Manchmal messen wir den Bewegungen der Vergangenheit zuviel Bedeutung bei und sollten uns statt dessen den Bewegungen der Gegenwart zuwenden. In Südafrika gibt es heute eine Gruppe, die Widerstand gegen die derzeitigen politischen Führer des Landes leistet. Es handelt sich um ein Kollektiv von Obdachlosen namens »Abahlali baseMjondolo«, was in der Sprache der Zulu soviel wie »Bewohner der Hütten« bedeutet. Für sie ist Steve Biko einer ihrer Vorkämpfer. Derzeit beschäftigen sie sich intensiv mit den politischen Schriften Frantz Fanons und prangern an, dass in Südafrika die erhoffte Freiheit nicht gelebt wird. Das heutige Südafrika sei in gewisser Weise zu einem neoliberalen Staat geworden – im Gegensatz zu einer neuen, freien afrikanischen Republik, in der das afrikanische Volk sein Recht auf Bildung, angemessenen Wohnraum und Land zurückerhält.

Um euch eine Vorstellung vom tatsächlichen Unterschied zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit Südafrikas zu geben: Wir leben in der Gegenwart, in der neuen Zeit, richtig? Ratet mal, wieviel Prozent des Landes in Südafrika sich heute im Besitz der afrikanischen Bevölkerung befinden! Versucht mal, ganz wild zu spekulieren! Ich wette, ihr kommt nicht darauf. Acht oder neun Prozent! Genau das ist die richtige Antwort! Vor einer solchen Entwicklung aber hat Biko stets gewarnt. Dafür wurde er von der Apartheidregierung ermordet, und dafür steht Biko bis heute – in Südafrika, aber auch in der gesamten schwarzen Welt, für all jene, die seine politischen Schriften und seine Lebensgeschichte lesen und sich mit seiner Opferbereitschaft, seinem Kampf und den noch bevorstehenden Kämpfen auseinandersetzen.

→ Übersetzung: Jürgen Heiser

→ Der vorliegende Text entstand, als Mumia Abu-Jamal kürzlich von Prison Radio gebeten wurde, als Einstieg für einen Sommer-Workshop die Frage zu beantworten, warum es für junge Menschen heute wichtig ist, Steve Biko zu lesen. Ende August 2001 hatte der politische Gefangene schon einmal auf Bikos Leben und Wirken zurückgeblickt und ihn als »Leuchtfeuer« des afrikanischen Befreiungskampfs bezeichnet. Mit seinen Mitstreitern habe Biko »das Vakuum gefüllt, das durch die Inhaftierung und Zwangsemigration Tausender Aktivisten des ›African National Congress‹ und des ›Pan-Africanist Congress‹ entstanden war«. Um Bikos bis heute gültige Weitsicht zu vermitteln, zitierte er aus dessen Buch: Es sei den Weißen gelungen, den Großteil des Vermögens Südafrikas in den Händen einer kleinen Minderheit zu konzentrieren. »Wenn wir lediglich einen Wechsel der Gesichter in den Führungspositionen erleben, wird die Masse der Schwarzen arm bleiben, während ein paar Schwarze Teil der Bourgeoisie werden.« Dies würde die Gesellschaft nicht wirklich verändern, wusste Biko schon zur Zeit des Apartheidregimes. (jh)

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.07.2026, Seite 6, Ausland

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→ Leserbriefe
  • Uwe Gertz aus Hamburg 22. Juli 2026 um 16:28 Uhr
    Ich freue mich sehr, dass die junge Welt mit dem Abdruck des Textes von Mumia Abu-Jamal an den südafrikanischen Freiheitskämpfer Steve Biko erinnert hat. Sein Name und sein aufopferungsvoller Kampf für ein freies, entkolonisiertes Südafrika ist leider nur wenigen hier in Deutschland bekannt, auch wenn 1988 in den Kinos für kurze Zeit der Film von Donald Woods »Steve Biko. Schrei nach Freiheit« aufgeführt wurde. Im Zuge des medialen Hype um Nelson Mandela und seinem ANC (African National Congress) fielen Steve Biko und so manch andere, in Südafrika geliebte große Freiheitskämpfer wie z.B. Robert Sobukwe und sein PAC (Pan Africanist Congress of Azania) unter den Tisch. Steve Biko gehörte nicht dem ANC an, sondern agierte als herausragende und charismatische Persönlichkeit innerhalb der mehr militanten BCM (Black Conciousness Movement). Das Ziel der »Bewegung des Schwarzen Bewusstseins« war ein befreites Südafrika mit dem Namen »Azania«, das – wie Mumia Abu-Jamal schreibt – »einen grundlegenden Bruch mit dem Apartheidstaat Südafrika bedeutet hätte«. Wer guten Kontakt zu den verarmten und verbitterten Menschen in Südafrika hat und nicht nur die Wohlstandsgegenden um Kapstadt und der »Garden Route« herum genießt, wird mit Freude feststellen, dass es einen wachsenden politischen Widerstand gibt. Mumias großes Verdienst ist es, auf die Bewegung »Abahlali baseMjondo«, die Bewegung der »Bewohner der Hütten«, aufmerksam zu machen. Sie ist tatsächlich mehr als nur eine Obdachlosen-Bewegung. Ihre Hauptparole (siehe ihre informative Homepage) »Land! Housing! Dignity!« zeigt eine Richtung an, die schon zu Steve Bikos Zeiten die große politische Sehnsucht ausdrückte. Die Apartheid gibt es nicht mehr, aber der Kampf für ein freies, würdevolles und gerechtes Leben steht auch in dieser »demokratischen« Nach-Apartheid-Zeit auf den Fahnen der sich wehrenden Menschen in Südafrika!
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