Flug aus der Hölle
Von Jakob Reimann
Über ein undurchsichtiges Netzwerk wurden in den vergangenen Monaten Hunderte Palästinenser aus Gaza mit Charterflügen in Länder in Afrika und Asien ausgeflogen. Die Flüge finden über den Flughafen Ramon in der Nähe der südlichsten israelischen Stadt, Eilat, statt und werden von einer Organisation namens Al-Majd organisiert. Auf ihrer Website beschreibt sie sich als humanitäre Organisation, die »Hilfe und Rettungsmaßnahmen für muslimische Gemeinschaften in Konflikt- und Kriegsgebieten leistet«. Laut einer am vergangenen Sonntag veröffentlichten Untersuchung der israelischen Zeitung Haaretz verbirgt sich hinter Al-Majd der israelisch-estnische Doppelstaatsbürger Tomer Janar Lind. Der Geschäftsmann bestritt in einem Gespräch mit Haaretz seine Beteiligung an den Ausreisen nicht, weigerte sich jedoch, Auskunft darüber zu geben, wer hinter dieser Organisation steckt. »Ich möchte mich dazu zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern, vielleicht später«, sagte er.
Dass Al-Majd sich mit verschiedenen Ämtern im israelischen Verteidigungsministerium koordiniert, ist politisch brisant für die Netanjahu-Regierung, der vorgeworfen wird, den Gazastreifen von seiner palästinensischen Bevölkerung säubern zu wollen. In den vergangenen zwei Jahren verhandelte Israel bereits mit mehreren Ländern über die Deportation von Palästinensern aus Gaza, darunter Südsudan, Indonesien, Somaliland, Uganda, Libyen, Äthiopien, Tschad und Ruanda, wobei die Gespräche zumeist ins Leere liefen. Laut eigener Website wurde Al-Majd 2010 in Deutschland gegründet und unterhält Büros in Ostjerusalem. Beide Informationen konnten von Haaretz nicht verifiziert werden, und die Website selbst existiert erst seit Februar dieses Jahres. Die Firma führt falsche Adressen und Telefonnummern, Links zu Social-Media-Konten führen ins Leere. Al-Majd »nutzt die tragischen humanitären Bedingungen unseres Volkes in Gaza aus«, heißt es in einer Erklärung der palästinensischen Botschaft in Südafrika. Auch das palästinensische Außenministerium warnte die Bewohner Gazas davor, »Opfer von Menschenhandelsnetzwerken, Bluthändlern und Vertreibungsagenten zu werden«.
Bei dem jüngsten solchen Flug bestiegen insgesamt 153 Personen einen Flieger der rumänischen Airline Flyyo nach Nairobi und flogen von dort in einem weiteren Charterflug der südafrikanischen Airline Lift nach Johannesburg, wo sie am Donnerstag vergangener Woche landeten. Laut Haaretz wussten die Passagiere nicht einmal, in welches Land sie reisen würden. Die südafrikanischen Behörden verzögerten das Aussteigen der Passagiere, darunter Familien mit kleinen Kindern, um mehr als zwölf Stunden, da die Palästinenser nicht über die notwendigen Dokumente verfügten und keine Rückflugtickets besäßen. Der erste derartige Flug fand bereits Ende Mai statt. 57 Personen wurden in einem Flieger der rumänischen Airline Fly Lili über Budapest nach Indonesien und weiter nach Malaysia ausgeflogen. Per Whats-App erhielten die Palästinenser am Abend zuvor genaue Standorte der Sammelpunkte in Gaza. Al-Majd organisierte die Busfahrten zum Grenzübergang Kerem Schalom sowie den Weitertransport zum Ramon-Flughafen, wo die Chartermaschinen bereits warteten. Die zweite Gruppe von rund 150 Menschen wurde am 27. Oktober ebenfalls über Nairobi nach Johannesburg ausgeflogen.
In Pretoria formierte sich indes Widerspruch. »Dies ist ein klarer Plan zur Vertreibung der Palästinenser«, sagte Außenminister Ronald Lamola laut Times of Israel am Montag gegenüber Reportern. Südafrika lehne dies ab, daher wolle man »keine weiteren Flüge mehr«. Lamola spricht weiter von einer »orchestrierten Operation«: »Als südafrikanische Regierung sind wir misstrauisch gegenüber den Umständen, unter denen das Flugzeug gelandet ist.« Südafrika gilt als einer der stärksten staatlichen Unterstützer der palästinensischen Sache. Bereits kurz nach Beginn des Krieges gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza reichte Pretoria Ende Dezember 2023 beim Internationalen Gerichtshof eine Klage gegen Israel ein und warf dem Land Völkermord vor.
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