Arbeiter frieren, Konzerne kassieren
Argentinien: Frostige Temperaturen treiben Energieverbrauch in die Höhe. Regierung kann Gasversorgung im Land nicht sicherstellen
In Argentinien geht ein Gespenst um – das Gespenst der Energiekrise. Reihenweise Autos an den Tankstellen, Taxifahrer, die in sozialen Medien klagen, dass sie sich die Heizung nicht mehr leisten können, Industriebetriebe, die angesichts von Kürzungen beim Energieverbrauch drohen, ihre Produktion zu drosseln oder sogar einzustellen: Der Winter hat mit für diese Jahreszeit besonders frostigen Temperaturen den privaten Energiebedarf in die Höhe schießen lassen und bereitet der Regierung Kopfzerbrechen. Denn Argentinien erlebt einen fatalen Widerspruch: Während die Erdgasgewinnung durch die Ausbeutung der Vorkommen in Vaca Muerta auf Rekordniveau liegt, herrscht am heimischen Energiemarkt ein kritischer Mangel.
Es gibt scheinbar keine Widersprüche im Land, das Javier Milei regiert. Die Unterversorgung erklärt sich der Präsident mit fehlenden Investitionen in die Infrastruktur. Doch seine Regierung hat die Energiewirtschaft auf den Export ausgerichtet: Die Pipeline Perito Moreno, die Gas von Neuquén ins Zentrum des Landes befördern soll, wurde nicht fertiggestellt, weil die Regierung die Arbeiten künstlich in die Länge zog, um private Investitionen anzuziehen. Während sich die Regierung aktuell für das Zustandekommen des ersten, langfristigen LNG-Exportvertrags feiert, kann sie die flächendeckende Versorgung in Argentinien kaum gewährleisten.
Das Unternehmen Southern Energy unterzeichnete im Dezember 2025 einen Liefervertrag für Flüssigerdgas nach Deutschland. Für die kommenden acht Jahre verpflichtete sich der Energiekonzern, jährlich zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) an Sefe zu liefern, die ehemalige (enteignete und verstaatlichte) deutsche Tochter des russischen Energiekonzerns Gasprom. Zudem hat sie nahezu alle Regulierungen im Gassektor gekippt: Sie gestattet es Produzenten, Lieferanten und Großabnehmern mittlerweile, vollständig ohne staatlichen Einfluss über den Umfang und die Preise direkter Gaslieferungen zu verhandeln.
Das Ergebnis: Argentinien kann die Schwankungen in der Energieversorgung nicht ausgleichen. Während im Norden bereits eine Mangellage besteht, droht sie sich ins Zentrum des Landes auszuweiten. Das bringt die Regierung in Bedrängnis. Bereits jetzt sind Tausende Arbeiterhaushalte von enormen Preisanhebungen betroffen: Zwischen Dezember 2023 und Oktober 2025 stiegen die Preise um wahnwitzige 913 Prozent. Da die Regierung ihren Einfluss auf die Preisgestaltung aufgegeben hatte, war sie gezwungen, die Versorgung zu Haushalten, Schulen und Krankenhäusern zu leiten. Das erlegte den Unternehmen die Kosten für importiertes Flüssigerdgas auf; Kosten, die durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran in die Höhe geschnellt waren.
Die Betriebe reagierten, nicht wenige von ihnen, indem sie die Produktion einstellten. Die Situation könnte mittelfristig weitere Arbeitsausfälle bei Zulieferern und anhängenden Firmen nach sich ziehen, Entlassungen und einen noch stärkeren Preisanstieg zur Folge haben. Das würde die Verbraucherpreise und schließlich die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung weiter in die Höhe treiben. Kurzum: Die aktuelle Situation in Argentinien zeigt deutlich die Folgen des Wirtschaftsmodells, das die Ultrarechte in der Region derzeit umzusetzen versucht.
Es handelt sich um eine Wirtschaftspolitik, die auf die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen abzielt, für die betreffenden Länder jedoch nur Umweltbelastung und negative Konsequenzen für Infrastruktur und strategische Investitionen zur Folge hat. Neben riesigen Gewinnen für das Großkapital steht also eine anhaltende Verschlechterung der Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung. Die Abhängigkeit und der Neoliberalismus bedrohen die Wirtschaften Lateinamerikas. Die anhaltenden prekären Bedingungen schwächen die Souveränität der Bevölkerungen mit wachsender Geschwindigkeit und liefern sie der krisenhaften internationalen Lage aus.
Es wäre möglich, diesen widersprüchlichen Prozess zu durchbrechen. Argentinien benötigt dazu ein Programm für die Verstaatlichung der Energiewirtschaft sowie einer Produktions- und Verteilungsplanung, die auf den umfassenden Zugang für Bevölkerung und Unternehmen, die Entwicklung und den Ausbau strategischer Industrien und die Befriedigung der sozialen Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung ausgerichtet ist.
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