Skandal um den Skandaltempel
Indien: Vorwürfe der Veruntreuung im Ram-Mandir-Tempel erschüttern die regierende BJP
Der Ram-Mandir-Tempel im nordindischen Ayodhya ist nicht nur einer der bedeutendsten hinduistischen Tempel weltweit, sondern auch eines der größten politischen Projekte der hinduistischen Rechten in dem Land und von Premierminister Narendra Modi. Aktuell steht er erneut im Zentrum einer Kontroverse rund um finanzielle Fragen, die das Potential hat, die Macht der regierenden hindunationalistischen Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) ins Wanken zu bringen. Der jüngste Vorfall betrifft fehlende Spenden und Opfergaben der Tempelbesucher in Höhe von umgerechnet fast 739.550 US-Dollar, wie Mahipal Singh, ein ehemaliges Mitglied des Buchhaltungsteams der Stiftung, die die Angelegenheiten des Tempels verwaltet, behauptet. Mahipal, der mittlerweile als »Whistleblower« bezeichnet wird, gibt an, wegen seiner Äußerungen Morddrohungen erhalten zu haben.
Trotz aller Bemühungen der BJP und der Regierung von Yogi Adityanath im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh sah sich die Landesregierung gezwungen, ein dreiköpfiges Sonderermittlungsteam (SIT) einzusetzen, um den Vorwürfen nachzugehen. Während der »Shri Ram Janmabhoomi Teerth Kshetra Trust« – eine unabhängige Stiftung, die den Schrein verwaltet – jegliches Fehlverhalten bestreitet, wurden im vergangenen Monat acht mit der Stiftung in Verbindung stehende Personen festgenommen, die sich weiterhin in Haft befinden. Die Angelegenheit erlangte politische Aufmerksamkeit, als der ehemalige Ministerpräsident des Bundesstaates und Vorsitzende der Samajwadi-Partei, Akhilesh Yadav, Fragen zur mutmaßlichen Veruntreuung von Spenden aufwarf und eine Untersuchung forderte.
Der dem hinduistischen Gott Ram gewidmete Tempel in Ayodhya wurde erst vor zweieinhalb Jahren von Narendra Modi eingeweiht. Der Tempel ersetzte eine Moschee aus dem 16. Jahrhundert, die 1992 von hinduistischen Mobs zerstört worden war, was landesweite Unruhen auslöste. Fast 2.000 Menschen starben, überwiegend Muslime. Dem vorhergegangen war eine jahrelange Kampagne gegen die Babri-Masjid-Moschee, die vom BJP-Mitbegründer Lal Krishan Advani, einem politischen »Guru« des heutigen Premierministers Narendra Modi, angeführt wurde. Der Abriss erfolgte unter Berufung auf die Behauptung, der Mogulkaiser Babur aus dem 16. Jahrhundert habe den Bau der Babri Masjid auf den Grundfesten eines dort zuvor stehenden Ram gewidmeten Tempel angeordnet. Der Ort wird von der hinduistischen Rechten als der genaue Geburtsort der Gottheit angesehen.
Mit dem Abriss der Moschee, der zeitlich mit der Einführung neoliberaler Politik im Land zusammenfiel, markierte die hinduistische Rechte ihre politische Präsenz sowie ihre gesellschaftliche Relevanz im Land. Der Neoliberalismus und die hinduistische Rechte sind seither engverknüpft. Diese enge Verbindung führte zur Wahl von Narendra Modi im Jahr 2014, der bis heute regiert. Sowohl die Stärkung der hinduistischen Rechten als auch die neoliberalen Maßnahmen haben inzwischen ein bisher ungekanntes Ausmaß angenommen. Heute bezeichnet die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten) die derzeitige Regierungsordnung als eine, die »neofaschistische Züge« aufweise.
Nach dem Abriss der Moschee kam es zu einem langwierigen Rechtsstreit. Die hinduistische Rechte beanspruchte das Eigentumsrecht, um einen Ram gewidmeten Hindu-Tempel zu errichten. Schließlich sprach der Oberste Gerichtshof Indiens im Jahr 2019 den Hindus das umkämpfte Grundstück für den Bau eines Tempels zu und ordnete an, dass ein alternatives Grundstück für eine Moschee bereitgestellt werden müsse. Das geschah, obwohl der damalige Oberste Richter des Obersten Gerichtshofs, D. Y. Chandrachud – der zu den Richtern gehörte, die den Fall verhandelten –, die Tatsache anerkannte, dass das Tempelgrundstück infolge von Vandalismus erworben worden war. Am Ende aber berief man sich bei dem Urtei auf göttliches Mitwirken, um die Eigentumsfrage zugunsten eben jener Vandalen zu klären. Der Abriss der Babri-Moschee und das letztendliche Urteil des Obersten Gerichtshofs in dieser Angelegenheit gelten als entscheidender Angriff auf den säkularen Charakter des Landes.
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