Aufstieg und Fall der Stadt G.
Von Maik Rudolph
Noch vor der Abfahrt von der A 4 leuchteten drei Essen heim. Diese Industriewahrzeichen stehen seit bald 16 Jahren nicht mehr. Die dortige McDonald’s-Filiale existiert noch, aber nur die: Gera ist, wenn sogar McDoof im Stadtzentrum dichtmacht.
Ich bin aufgewachsen in einer Großstadt, der »Otto-Dix-Stadt«; geboren in einer Bezirksstadt; als ich sie verlassen habe, da war meine Heimat die »größte Mittelstadt Deutschlands«; nun »Hochschulstadt«. Dem heute trostlosen Kern des einst im Osten des heutigen Thüringens gelegenen Bezirks Gera hat Christoph Liepach nicht nur einen Bildband gewidmet. In seinem in Leipzig ansässigen Verlag Sphere Publishers gibt es auch Buchkunstwerke zur Wohnungsbauserie 70, dem Kulturpalast Unterwellenborn oder dem Geraer Stadtteil Lusan. »Gera ostmodern« ist nach sechs Jahren in einer dritten und erweiterten Auflage erschienen: Doppelt so viele Abbildungen, nicht nur die Stadt Gera, der gesamte Bezirk wird abgedeckt – samt Jena und den elf Kreisen, unter anderem Pößneck, Rudolstadt und Greiz.
»Städtebau und Architektur waren in der DDR gebaute Gesellschaftspolitik.« Damit bringt es der Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Erfurt, Mark Escherich, in seinem Vorwort auf den Punkt. Die Bezirksstadt Gera ist dafür ein Musterbeispiel. In der Nähe des Ronneburger Uranbergbaureviers der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft »Wismut« gelegen, diente der städtische Aus- und Wiederaufbau der Unterbringung der Kumpel: Erst von Zwötzen zur Juri-Gagarin-Straße, Ende der 50er setzte sich der offene Zeilenbau mit Grünanlagen durch. Das Wohngebiet Bieblacher Hang steht heute unter Denkmalschutz, flankiert von der Poliklinik und der Grünen Mulde. Dann »Platte«: Lusan – in jeder Radiodurchsage konsequent falsch ausgesprochen – folgte in den 70ern als eines der größten Stadtentwicklungsprojekte der DDR.
Der Zukunft zugewandt war auch der Wiederaufbau des alten Stadtzentrums, manifest geworden am Marktplatz, aber insbesondere am Zentralen Platz, an dem die Straße der Republik auf die Dr.-Rudolf-Breitscheid-Straße trifft. Auf letzterer hat der Autor dieser Zeilen noch seine Batman-Actionfiguren Anfang der 90er im sogenannten Kinderkaufhaus in einer der Ladenzeilen der imposanten Elfgeschosser erstanden.
Heute stehen sie nicht mehr, eine brachliegende Fläche: Seit eh und je wird spekuliert, ob da mal ein »Saturn« hinkommen wird. Nach über 20 Jahren mit diesem Gerücht sollte im Zuge der Filialschließungen dieses Elektrohändlers klar sein, dass da nichts mehr kommt, zweieinhalb Hektar bleiben ungenutzt. 1998 musste das gegenüberliegende Interhotel den »Gera Arcaden« weichen, die mit dem mittlerweile umbenannten und nahezu leerstehenden »Elster Forum« den Einzelhandel auf der Sorge, der früher lebendigen Einkaufsstraße, abgewürgt haben. Kein Boulevardcafé »Rendezvous«, keine Kioske, keine Buchhandlung mehr, in der Opa mir noch vor der Einschulung Moers’ »Kleines Arschloch« aufschwatzen wollte, damit ich nicht den US-Schund lese; doch ich war noch nicht soweit: Superman mit Bart und dem Cape zur Toga gewickelt war zu verlockend.
Wie der Handel ist auch der Name der Straße der Republik passé. Heute: Heinrichstraße – Heinrich Posthumus Reuß, jüngere Linie. Ein Nachfahre ist Rädelsführer einer »Reichsbürger«-Verschwörung. Erinnerungen an den Sozialismus wurden beseitigt: Gera und Thüringen hat sich die CDU gekrallt. Bayern ist hier gar nicht so exotisch. Wenigstens der Kulturpalast »Haus der Kultur« steht noch; das Bauensemble drum herum nicht mehr. Beton, wo mal die Springbrunnen plätscherten, im Haus spielen Semino Rossi oder die Flippers auf, gelegentlich gibt es auch mal eine Hochzeitsmesse.
Im Interviewsegment des Buchs beschreibt Liepach seine Publikationen als »Nische«: Rückzugs- und zugleich Sehnsuchtsort. Aufgewachsen ist er in Lusan in den 90ern, ich im Zentrum, nie getroffen – gelebt haben wir in einer Welt, die bereits nicht mehr neu war, doch der Rückbau, der Verfall prägte sicherlich die Jugend einiger im Osten.
Es sind nicht bloß Fotografien, zahlreiche Ansichtskarten füllen die zweihundert Seiten des Couchtischbuchs. Philokrat Ben Kaden liefert einen veritablen Essay über die kulturhistorische Bedeutung dieser Briefalternativen, die in der DDR wie später SMS genutzt wurden, für nur zehn Pfennige. Sie zeigen, was war und wie es zu sein hatte – sauber, steril, denn »als störend werden empfunden: geöffnete Türen und Fenster; auf Balkon oder aus Fenstern hängende Wäschestücke«, bitte nur Autos neueren Typs und »in ansprechender Farbigkeit«, heißt es in den Inszenierungshinweisen des Verlags Bild und Heimat aus Reichenbach im Vogtland, der für das Gros der Karten verantwortlich zeichnet.
Denjenigen, die Gera nur als bankrotte Stadt oder Neonazibrutstätte kennen, sei dieser lohnende Blick zurück ans Herz gelegt, sei er auf das Haus der Kultur gerichtet oder vom Jenaer Landgraf aus auf den sich durchs Tal schlängelnden Wissenschaftshub.
Christoph Liepach (Hg.): Gera ostmodern. Mit Texten von Ben Kaden, Sphere Publishers, Leipzig 2025, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, 208 Seiten/204 S/W- und Farbabbildungen, 39 Euro
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
IMAGO/Jacob Schröter08.12.2025Warum sind Sie im Visier der Faschisten?
Monika Rittershaus20.11.2024Die Welt täglich ändern
Bodo Schackow/dpa16.11.2023Axt am Versammlungsrecht
Mehr aus: Feuilleton
-
Drohnen
vom 14.02.2026 -
Die Uhr tickt aus
vom 14.02.2026 -
Metaphorisches Kokain
vom 14.02.2026 -
Nachschlag: Vollkommene Leere
vom 14.02.2026 -
Vorschlag
vom 14.02.2026 -
Veranstaltungen
vom 14.02.2026 -
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
vom 14.02.2026