Zum Inhalt der Seite
Militarisierung

Die Bundeswehr an der VHS

Die Bundesregierung militarisiert den Alltag. Teil ihrer Bemühungen zur »Kriegstüchtigkeit« sind auch Kooperationen mit Volkshochschulen

Von Leon Aschenbrenner
Foto: Thorsten Lindekamp/Funke Foto Services/imago
Die Zusammmenarbeit von Bundeswehr und Bildungsträgern ist ein Symptom der verschärften Militarisierung

Die Landesverteidigung beginne nicht am Kasernentor, sondern sei auch Aufgabe der Zivilgesellschaft – so hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius die Absicht zur fortschreitenden Militarisierung der bundesdeutschen Gesellschaft auf der Innenministerkonferenz in Hamburg skizziert. Dass die Bundesregierung immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens ihrem Streben nach »Kriegstüchtigkeit« unterstellt, ist mittlerweile unverkennbar – das bezieht mehr und mehr auch die Volkshochschulen (VHS) mit ein, die mit rund 800 Standorten und mehr als 2.700 Außenstellen bundesweit das größte Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten stellen. Längst arbeiten die Bildungsträger gezielt mit der Bundeswehr zusammen.

»Was leisten die Soldatinnen und Soldaten des Kommandos Spezialkräfte hinter dem Kasernenzaun?« Mit dieser Frage lädt etwa die VHS Gerlingen in Baden-Württemberg Ende September zu einem Ausflug zum KSK, der Eliteeinheit der Bundeswehr, ein. Der Besuch könne »wertvolle Hintergrundinformationen« liefern sowie Einblicke in »die Geschichte des Verbandes« und in »persönliche Erinnerungen aus den besonderen Einsätzen der Soldaten« geben. Das wäre eigentlich zu begrüßen. Ob im Besucherzentrum der Calwer Zeppelin-Kaserne aber ausführlich über die Umtriebe des ehemaligen KSK-Soldaten André Schmitt informiert wird, ist fraglich. Schmitt war 2017 als Gründer des rechten Umsturznetzwerks »Hannibal« im Zuge der Terrorermittlungen gegen den Bundeswehr-Offizier Franco Albrecht enttarnt worden. Die Ankündigung der VHS enthält keinen Hinweis darauf. Ebensowenig, dass die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die zweite Kompanie des KSK nach Ermittlungen wegen rechter Umtriebe von Soldaten vollständig auflöste.

Es ist mittlerweile üblich, dass Soldaten oder auch Professoren der Bundeswehr-Universitäten als Referenten an die Volkshochschulen eingeladen werden. Doch dabei bleibt es nicht: »Seit ein paar Jahren versucht die Eliteeinheit … vermehrt, der Öffentlichkeit zu erklären, was sie tut«, berichtete das Regionalblatt Schwarzwälder Bote (SB) Ende 2025 von diesbezüglichen Absichten des KSK. Die örtliche VHS in Calw hatte den stellvertretenden KSK-Kommandeur Peter Küpper zum Vortrag eingeladen. Anwesende wurden demnach ausführlich über »Surgical Strikes« seiner Einheit aufgeklärt: »Das sind offensive Aktionen, bei denen auch mal was kaputtgehen kann«, zitierte SB. Auch die offene Markierung des Gegners war wohl Teil der VHS-Veranstaltung: »Der Gegner ist klar. ›Russland ist bereit, Machtansprüche mit Gewalt durchzusetzen‹«, heißt es im Artikel.

Anzeige

Im März vertiefte die Technische Universität München (TUM) mit Gründung der TUM Security and Defence Alliance ihre bereits lange bestehende Kooperation mit der Bundeswehr. Auch die Münchner VHS Südost forciert eine besonders rege Zusammenarbeit mit der Truppe, genauer mit der Universität der Bundeswehr in München (UBM). Ende Mai hatte die UBM zu einer Exkursion in ihr Institut für Aeronautical Engineering geladen, um Besuchern »die spannende Welt der Fliegerei« und »hautnahe Einblicke in die fliegerische Ausbildung auf einem Sportflugzeug, Airliner oder Kampfjet« nahezubringen. Zum 50jährigen Bestehen der Bundeswehr-Universität im Jahr 2023 hatten VHS und UBM schon gemeinsam eine Vortragsreihe abgehalten.

Bereits seit 2007 veranstalten beide Einrichtungen eine »Kinderuni«. Dort können Acht- bis Zwölfjährige an »kindgerechten« Vorlesungen teilnehmen und auch den Campus der Bundeswehr-Uni besuchen. »Wir schauen uns an, wie die Soldatinnen und Soldaten hier leben, lernen, arbeiten, Sport treiben, feiern und vieles mehr«, kündigte die VHS Südost Ende April einen »Campusspaziergang« an. »Was meint Ihr – tragen die Studierenden eine Uniform, wenn sie in die Vorlesung gehen?« lautete eine spannende Frage an die Jüngsten. Zum diesjährigen »Tag der Bundeswehr« am 6. Juni wurden den kleinen Teilnehmern der »Kinderuni« auf der Bühne sogar Urkunden überreicht.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 6. Juli 2026 um 09:41 Uhr
    Kriege beginnen nicht erst mit dem ersten Schuss über die Landesgrenze hinweg, sondern bereits lange davor mit dem ideologischen Beschuss der eigenen Bevölkerung. Das hatte einst auch schon Karl Liebknecht richtig erkannt: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land!« (Flugblatt Mai 1915)
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!