Großer Sprung zum Chipboom
Südkorea: Chipriesen versprechen Milliardeninvestitionen. Präsident feiert Aufschwung für lange abgehängte Stadt Gwangju. Kritiker rügen Klüngelpolitik
Anfang der Woche verkündete Südkoreas Präsident Lee Jae-myung seinen Plan für den »Großen Sprung« der Wirtschaft seines Landes: Mit Industrievertretern, einschließlich der Chefs der Technologiekonzerne Samsung und SK Hynix, hielt er ein öffentliches Treffen ab, auf dem er seine Vision für den Wohlstand Südkoreas darlegte. Wenig überraschend setzt er auf das bewährte Erfolgsrezept: noch mehr Computerchips und noch mehr Datenzentren. Zusätzlich soll Südkorea auch bei der KI-Anwendung für Roboter führend werden und damit im Konkurrenzkampf zwischen China und den USA bestehen. Im Gegenzug gelobten die Chipriesen Samsung und SK Hynix, zusammen eine gute halbe Billion Euro in einen neuen Produktionsstandort in Gwangju zu investieren. Lee bedankte sich dafür vor laufenden Kameras mit der tiefstmöglichen Verbeugung bei den beiden und erklärte sie zu »Helden aller Bürger, Helden des Landes«. Laut seinem Mitarbeiter konnte man ihm noch ausreden, sich vor den Wirtschaftsbossen theatralisch auf die Knie zu werfen.
Da das derzeitige Chipzentrum des Landes in Yongin, unweit der Hauptstadt, an seine Kapazitäten stößt, war der Aufbau eines weiteren Standorts für die Konzerne unausweichlich. Die überbordende Dankbarkeit des Präsidenten lässt sich allerdings nicht mit den bloßen Investitionssummen erklären, die die Großkonzerne springenlassen wollen. Gwangju hat eine enge Verbindung mit der Demokratischen Partei und der Historie von Südkoreas Demokratisierung: In der Stadt wurde im Mai 1980 die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen, und schon vorher war Südkoreas Diktatoren diese Region ein Dorn im Auge. Neben der politischen Repression wurden die Stadt und die umliegenden Provinzen Jeollanam-do und Jeollabuk-do (im Deutschen Süd- und Nordjeolla) zusätzlich wirtschaftlich diskriminiert, was auch heute noch sichtbar ist. Im letzten Jahr machte sie sogar Schlagzeilen, als endlich eine der Luxuskaufhausketten des Landes in Gwangju eine Filiale eröffnete.
Die Wähler in Gwangju und den Provinzen Jeollanam-do und Jeollabuk-do quittieren den historischen Umgang mit ihrer Heimat auch heute noch damit, dass sie zu über 80 Prozent die Demokratische Partei wählen. In der früheren Lieblingsregion der Diktatoren, Gyeongsangnam-do, wählen heute wesentlich weniger Menschen die Konservativen.
Das führt natürlich schnell zu dem Eindruck, die Lee-Regierung betreibe bloße Klüngelpolitik. Lee hatte das wahrscheinlich schon geahnt, als er die Investitionspläne vorstellte und betonte, es gebe keinerlei Zweifel an der wirtschaftlichen Ausgrenzung der Region. Man habe den Rückstand zwar bisher nicht wiedergutmachen können, dank des Chipbooms biete sich aber jetzt eine einzigartige Möglichkeit. Darüber hinaus gelobte er auch, höchstpersönlich dafür zu sorgen, dass der Bau der Fabriken schnell und unkompliziert vonstatten gehen werde. Da die Demokratische Partei die Mehrheit im Parlament hält, wird man den Konzernen wahrscheinlich noch allerhand rechtliche Hürden aus dem Weg räumen, damit es auch ja zu keiner Verzögerung kommt.
Der Einwand, dass diese Region vielleicht noch gar nicht fit für die ressourcenfressende Chipproduktion sein könnte, wurde von der Regierung am Freitag abgeschmettert. Am Donnerstag versuchte Lees Sekretär für KI-Politik, Kim Woo-chang, in einem Interview zu erklären, dass die Region dank der regionalen Solarenergie bestens für die energieintensive Industrie geeignet wäre und man die Stromproduktion für die Konzerne entsprechend ausbauen könne. Auf die Frage, ob Solarenergie wegen der bekannten Schwankungen denn ausreiche, flüchtete er sich in die Aussage, der Strom könne ja auch von woanders kommen.
Da der Bau der Fabriken noch nicht einmal begonnen hat, wird die Regierung mit Sicherheit auch bis zum Produktionsstart die nötige Infrastruktur bereitstellen können. Die wichtigere Frage ist allerdings, ob diese enge Allianz von Konzernen und Regierung der südkoreanischen Demokratie auf Dauer gut bekommt: Die Konzerngewinne von Samsung und Co. beeinflussen jetzt schon den verfügbaren Haushalt für die Politik. Wenn sich dieser Zustand noch weiter verschärft, werden es sich die Politiker in Zukunft im Zweifel zweimal überlegen, ob sie es sich leisten können, auch einmal Politik gegen die Konzerninteressen zu machen.
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