Nach der Welle ist vor der Welle
Große Hitze in Europa: Folgen für den Kontinent
Die große Hitze ist inzwischen Richtung Osteuropa und Balkan weitergezogen, während hierzulande wieder erträglichere, doch immer noch sommerliche Temperaturen eingekehrt sind. Vorerst. Die Vorhersagekarten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen kündigen für die kommende Woche bereits die nächste Hitzewelle an.
Die Folgen der hohen Temperaturen derweil waren durchaus dramatisch. Aus Frankreich meldet die Nachrichtenagentur Reuters mindestens 1.000 Hitzetote, aus London berichtet der Sender BBC vom dortigen Rettungsdienst, dass es noch nie so viele Einsätze an einem Tag gegeben habe, bei denen es um Leben und Tod ging, wie am vergangenen Mittwoch. Und aus Köln war am Wochenende von der dortigen Feuerwehr zu hören, dass die Rettungssanitäter am Limit seien.
»Nach zehn aufeinanderfolgenden Tagen mit extremer Hitze und ohne nennenswerte nächtliche Abkühlung ist die Lage ernst«, erklärte die Verwaltung der Stadt am Sonnabend. Allein am Freitag und Sonnabend seien binnen 24 Stunden sieben Menschen bewusstlos in ihren Wohnungen aufgefunden worden. In allen Fällen waren die Menschen lebensbedrohlich überhitzt, eine Person musste reanimiert werden. »Betroffen waren nicht nur Menschen mit Vorerkrankungen«, hieß es im Rathaus der Rheinmetropole. Auch körperlich fitte Personen seien mit einer Körpertemperatur von 42 Grad Celsius in Lebensgefahr geraten.
Aus Frankreich wird indes berichtet, dass vor allem Ältere gestorben sind. Auch die Auswertungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) von vergangenen Hitzeperioden zeigen, dass unter den Hitzetoten besonders viele Menschen über 64 Jahren zu finden waren. Zu ermitteln sind diese Opferzahlen nur statistisch, denn Hitze erscheint selten als unmittelbare Ursache im Totenschein.
Um die hitzebedingte Übersterblichkeit abzuschätzen, mittelt das RKI die Temperaturdaten der Messstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD), bestimmt so die durchschnittliche Wochentemperatur (Durchschnitt über die Tages- und Nachttemperaturen einer Woche) pro Bundesland und vergleicht diese Daten mit den Sterbezahlen des Statistischen Bundesamtes. Von Übersterblichkeit wird gesprochen, wenn die wöchentlichen Sterbezahlen markant über dem Durchschnitt der vorangegangenen vier Jahre liegen.
In der Vergangenheit haben die Auswertungen des RKI gezeigt, dass hierzulande die Sterblichkeit ab einer Wochendurchschnittstemperatur von 20 Grad Celsius anzusteigen beginnt. Für die gerade ausgestandene Periode werden die Untersuchungen erst in ein bis zwei Wochen veröffentlicht.
Bereits jetzt aber ist deutlich, wie außergewöhnlich die gegenwärtigen Bedingungen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten sind. In Berlin zum Beispiel liegen die Tagesdurchschnittstemperaturen seit Mitte Juni um mindestens fünf Grad Celsius über dem Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. An einigen Tagen auch deutlich mehr. In Limoges (Westfrankreich) wurden die örtlichen Durchschnittswerte desselben Zeitraums sogar um bis zu 15 Grad Celsius übertroffen. Dabei war auch diese Referenzperiode, die seit ein paar Jahren in den USA aufgrund des Drucks von Lobbyisten genutzt wird, schon erheblich von der globalen Erwärmung geprägt. Die hebt sich in der Statistik der Wetterdaten seit den 1970er Jahren ab.
Die Einzigartigkeit der jüngsten Hitzewelle wird aber nicht nur an den Durchschnittswerten deutlich, sie zeigt sich ebenso an zahlreichen neuen Allzeitrekorden. 252 Stationen des DWDs haben in der vergangenen Woche neue örtliche Rekorde registriert, darunter auch die in Jena, deren Messreihen bis 1824 zurückreichen. Auf Helgoland, das weit draußen im Meer liegt und daher winters wie sommers sehr moderate Temperaturen hat, wurde erstmals seit Aufzeichnung die 30-Grad-Celsius-Marke geknackt.
Noch vor wenigen Jahren waren Temperaturen über 40 Grad Celsius in Deutschland extrem selten. Die Grenze wurde zum ersten Mal 1983 im bayerischen Gämmersdorf überschritten, 40,2 Grad Celsius ermittelte man dort. Es sollte allerdings 20 Jahre dauern, bis sie erneut erreicht, und weitere zwölf, bis 2015 ein neuer Rekord mit 40,3 Grad Celsius aufgestellt wurde. Der hielt dann bloß vier Jahre bis zur Hitzewelle von 2019, und dieser Rekord purzelte schließlich am Freitag in Saarbrücken-Burbach, wo man 41,4 Grad Celsius verzeichnete. In den Tagen darauf meldeten andere Stationen noch höhere Temperaturen: zunächst am Sonnabend in Drewitz, Sachsen-Anhalt (41,5 Grad), dann am Sonntag in Neißemünde, Ostbrandenburg (41,7 Grad). Diese Daten des DWD sind vorläufig und müssen in den nächsten Wochen noch eine Qualitätskontrolle durchlaufen.
Die Hitzewelle war also nicht nur intensiver als alle anderen in Mittel- und Westeuropa bislang registrierten, sie ist auch noch ungewöhnlich früh im Jahr aufgetreten, wie der DWD betont. Für gewöhnlich sind hierzulande die sogenannten Hundstage Ende Juli bis Anfang August die heißesten des Jahres. Frühere Hitzewellen lagen meist in dieser Zeit.
Dieser Trend zu intensiveren und länger anhaltenden Hitzewellen lässt einen Zusammenhang mit dem durch Treibhausgase verursachten Klimawandel vermuten, der von einem internationalen Konsortium aus Forscherinnen und Forschern bereits bestätigt wurde. Der »World Weather Attribution«-Dienst untersucht regelmäßig Extremereignisse, indem er mit Klimamodellen berechnet, wie wahrscheinlich sie in einer Welt ohne die seit Beginn der Industrialisierung in der Atmosphäre angereicherten zusätzlichen Treibhausgase sind. Das Ergebnis: Eine Junihitze von diesen Ausmaßen wäre in einer nicht durch den Menschen veränderten Atmosphäre so gut wie unmöglich.
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