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Triumph des Machbaren

KPÖ gewinnt Gemeinderatswahlen in Graz

Von Florian Neuner
Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa

Dass die KPÖ mit der beliebten Bürgermeisterin Elke Kahr an der Spitze die Grazer Gemeinderatswahlen abermals gewinnen würde, war allgemein erwartet worden. Mit einem Zugewinn von sieben Prozent hatte dann allerdings doch niemand gerechnet. Als die KPÖ vor fünf Jahren zur stärksten politischen Kraft in der steirischen Landeshauptstadt avancierte, hofften die politischen Gegner noch, dass das Wahlvolk sich einmalig verwählt und nur nach einem Ventil gesucht habe, um gegen den langjährigen Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) und seine so teuren wie sinnlosen Prestigeprojekte zu protestieren. Aber die Grazer KPÖ war nie bloß eine Protestpartei. Aufgrund des Proporzsystems ist sie schon seit den 1990er Jahren an der Stadtregierung beteiligt, Elke Kahr konnte sich als Wohnbau-, später als Verkehrsstadträtin profilieren, ehe sie die Stadtregierung anführte, mit den Grünen und der SPÖ als Koalitionspartner.

Auch in diesem Wahlkampf haben die Boulevardmedien wieder tief in die antikommunistische Mottenkiste gegriffen. Zudem war Elke Kahr mit dem Vorwurf konfrontiert, ihr Amt als Sozialarbeiterin zu führen, und wurde des Stimmenkaufs bezichtigt, weil sie einen größeren Teil ihres Gehalts für soziale Zwecke spendet. Was die politischen Gegner aber zur Weißglut bringt und worauf sie keine Antwort haben, ist die Unkorrumpierbarkeit der KPÖ-Mandatare. Mit ihnen kann man die gewohnten Deals nicht machen und sich den Kuchen auf schlecht Österreichisch aufteilen. Derweil überzeugen Kahr und die beiden KPÖ-Stadträte Manfred Eber (Finanzen) oder Robert Krotzer (Gesundheit), für die Grazer immer erreich- und ansprechbar, mit einer Kommunalpolitik des Machbaren. Wo die Stadt Einfluss hat, sorgt sie für vernünftige Arbeitsbedingungen, Kostensteigerungen werden, so weit möglich, nicht gleich weitergegeben. Elke Kahrs Motti lauten: »Soziales darf nicht untergehen«; »Privatisierung ist Diebstahl am öffentlichen Eigentum«; »Ohne Privilegien geht’s auch«.

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Interessanter als das Ausmaß des KPÖ-Zugewinns sind aber andere Aspekte des Wahlergebnisses: Die ÖVP stagniert fünf Jahre nach der großen Schlappe bei 25 Prozent. Die FPÖ – in Graz viertstärkste Kraft – konnte nur minimal dazugewinnen und hält bei mickrigen zwölf Prozent. Zwar ist die Grazer FPÖ von Finanz- und Korruptionsskandalen gebeutelt. Die Rahmenbedingungen auf Landes- und Bundesebene aber hätten besser nicht sein können. Die FPÖ stellt mit Mario Kunasek in der Steiermark einen so reaktionären wie populären Landeshauptmann, während die Umfragewerte der Bundes-FPÖ unter Herbert Kickl in den Himmel wachsen und die unglücklich agierende Bundesregierung drauf und dran ist, ihm zur absoluten Mehrheit zu verhelfen.

Die Grazer KPÖ – und das sollte manchen eine Lehre sein – ist nicht damit angetreten, irgend jemanden verhindern zu wollen. Sie hat vernünftige Vorschläge gemacht, vielleicht unter Beimengung einer gesunden Prise Linkspopulismus. Und sie hat nicht diffus »gegen rechts« kampagnisiert, sondern unermüdlich und en détail auf die unsoziale Programmatik und das entsprechende Abstimmungsverhalten der FPÖ hingewiesen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Gerhard Oberkofler aus Wien 30. Juni 2026 um 10:10 Uhr
    Diese Laudatio entspricht dem Zustimmungskonsens der österreichischen Medien mit Ausnahme – pardon, dieser Erwähnung – der Onlinezeitung der Partei der Arbeit Österreichs.
    • Joachim Seider aus Berlin 30. Juni 2026 um 12:29 Uhr
      Ich verstehe den Sarkasmus dieser Zeilen. Und trotzdem denke ich, dass Deng Xiaopings Idee nicht so schlecht war, darauf zu achten, dass nicht nur Fahnen flattern, sondern auch praktische Ergebnisse möglich werden. Das schlechteste davon ist es nicht, wenn man in Graz offen sagen kann, dass man kommunistische Ideale hat. Und viele Grazer anerkennen: Kommunisten sind Leute, die sich um andere sorgen. Es ist zumindest ein besserer Ausgangspunkt für politische Wirksamkeit als in Deutschland, wo dem Kommunistischen weitgehend ablehnend oder gar mit Hass begegnet wird. Wir sollten das in Graz Erreichte auf keinen Fall geringschätzen. Denn die Frage ist ja hochdramatisch: Wie stellen wir's ganz praktisch an, damit uns endlich mehr Menschen zuhören, wir mehr Einfluss bekommen und zählbar mehr werden?
  • Aaron Rosenstern aus Joure / De Friese Meren (Niederlande) 30. Juni 2026 um 09:55 Uhr
    Herzlichen Glückwunsch an die sympathische Elke Kahr. Als legendäre Frontfrau fast 36 Prozent unter dem Label Kommunistische Partei und mit einem Stimmenzuwachs von gut 7 Prozent in einem erzkonservativ geprägten Land und in der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates zu erreichen, das ist wirklich einzigartig faszinierend. Es gibt leider so vieles, was die Grazer Kommunisten von der deutschen Partei Die Linke unterscheidet. Dazu gehört seit sehr vielen Jahren die hervorragende Arbeit an der Basis für die Interessen aller arbeitenden Menschen, der Schüler, Studenten und Rentenempfänger. Sie engagiert sich überzeugend für die Grundrechte jedes Bürgers, zum Beispiel bei den Themen Wohnen und Gesundheit. Sie verzichtet seit vielen Jahren – wie auch schon seit 1998 ihr Vorgänger als Wohnungsstadtrat im Amt –, der Kommunist Ernest Kaltenegger, jeden Monat auf etwa zwei Drittel ihres Einkommens und spendet den gesamten Rest für sozial benachteiligte Menschen in schwieriger Lage. Für Dienstfahrten benutzt sie ausnahmslos ihren eigenen PKW statt den ihr zustehenden Dienstwagen. Frau Kahr ist authentisch, offen und ehrlich gegenüber allen Bürgern, stolz, eine Kommunistin zu sein, und distanziert sich nicht von ihrer Partei. All das unterscheidet sie wesentlich von der deutschen Linkspartei, die sich sehr lange abseits der Grundbedürfnisse aller Menschen primär für die Interessen sehr spezifischer Personenkreise einsetzte und damit einen der Hauptstützpfeiler der Partei, die Arbeiter und Angestellten, aus dem Blick verlor. So stärkte sie indirekt die AfD, denn die Arbeitenden in den Fabriken und Werken, der Produktion, wanderten größtenteils zur angeblichen Alternative. Die unsägliche Debatte, warum die Bundestagsabgeordneten der Linken ihr sehr auskömmliches Salär auf das deutsche Durchschnittseinkommen begrenzen sollen und müssen, schadet der Partei und ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit erheblich. Hinzu kommt die »Dienstwagenaffäre« von Frau Reichinnek zu Auftritten mit ihrem Namenskürzel und Geburtsdatum usw.
    • Sandra Karden aus Berlin / Dresden 30. Juni 2026 um 14:19 Uhr
      Vor allem auch der Verkauf von Hunderttausenden landeseigenen Wohnungen durch den Berliner Senat und die Dresdener Stadtregierung in den 90er und 2000er Jahren an profitorientierte private Heuschrecken bei aktiver Zustimmung der damaligen PDS war eine unvergleichliche Schandtat gegenüber den Einwohnern beider Großstädte. Der Skandal wurde niemals richtig aufgearbeitet und die Schuldigen nie zur Verantwortung gezogen. Dabei zogen beide Entscheidungen schwerwiegende soziale Folgen nach sich. Die Wohnungspolitik unter der Verantwortung der KPÖ unterscheidet sich seit bald 30 Jahren in Graz hiervon grundlegend um 180 Grad. Sie ist am sozialen Wohl ihrer städtischen Mieter interessiert, an bezahlbaren ausreichenden Wohnraum für jeden.
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