Zum Inhalt der Seite
Arbeitszeitverlängerung

Hitzefrei bei Mercedes

Neuerliche Angriffe von Mercedes auf Arbeitsrechte der Beschäftigten haben für Überhitzung gesorgt. In Bremen sorgte das für Produktionsstopp

Foto: Sina Schuldt/dpa
Stillstand in Halle 9 am Freitag: Mercedes-Benz-Werk in Bremen (6.5.2026)

Die Nachricht verbreitete sich am Freitag vormittag wie ein Lauffeuer in den Betrieben. Mercedes-Benz verschärft seinen Sparkurs. Am Mittag stand die Produktion im Bremer Werk still. Die Mitarbeiter der Frühschicht gingen in die Mittagspause und kehrten nicht an ihre Arbeitsplätze zurück. In einem Flugblatt, das jW vorliegt, wurden die Kollegen der Spätschicht informiert: »Die Frühschicht empfängt Euch heute nicht in voller Stärke: Über 500 Kollegen der Halle 9 haben in der Mittagspause beschlossen, dass unsere Kinder hitzefrei haben und wir uns kümmern müssen. Die Überhitzung liegt an den Forderungen des Vorstands an uns: Wir sollen länger arbeiten, und die Löhne sollen gekürzt werden. Zeitgleich wird in der Regierung über die Rente mit 70 und weitere massive Kürzungen im Bereich Gesundheit, Rente, Bildung, … diskutiert. Nicht mit uns!!!«

In einem Schreiben an die Beschäftigten informierte der Vorstand darüber, dass die tarifliche Sonderzahlung für 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten für dieses Jahr gestrichen werden soll. Als Sofortmaßnahme. Das ist kein Pappenstiel, denn die für Juli erwartete Sonderzahlung beträgt 18,4 Prozent vom regelmäßigen individuellen Monatsgehalt. Aber das ist nicht alles.

Auch die weiteren Drohungen des Managements kommen bei den Arbeitern nicht gut an. Bereits vor einem Jahr hatte Mercedes auf sinkende Umsätze und Gewinne mit einem Sparprogramm reagiert. Nun heißt es: Der Standort Deutschland habe stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren. »Der Erfolg unserer Produktoffensive droht zu verpuffen, wenn zu hohe Kosten die Erträge auffressen«, hieß es. Trotz aller Anstrengungen sei die Situation heute in Deutschland dramatisch. Jede Vergabe neuer Produkte und jede Zuweisung von Aufgaben an deutsche Standorte würden die relative Kostenposition verschlechtern. »Wir werden bei Mercedes-Benz Prozesse radikal beschleunigen und gewachsene Strukturen verschlanken«, hieß es weiter. Die Arbeitsstunde müsse günstiger werden. »Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten«, so der Vorstand. Bereits Anfang vergangener Woche hatte Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller gegenüber dem Handelsblatt eine Rückkehr von der 35- zur 40-Stunden-Woche ins Spiel gebracht.

Anzeige

Im Hintergrund läuft in den deutschen Mercedes-Werken derzeit ein Wettbewerb um die circa 30.000 Einheiten, die bei der Schließung des Mercedes-Betriebs in Südafrika auf andere Werke verteilt werden könnten, erläuterte Gerwin Goldstein, ehemaliger Betriebsrat bei Mercedes Bremen, am Sonntag gegenüber jW. Weil die Drohung, ein Werk zu schließen, auch hierzulande im Raum steht, besteht die Gefahr, dass Werksleitungen und Betriebsräte einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zustimmen – im Gegenzug für zusätzliche Stückzahlen aus Südafrika.

In Bremen kommt hinzu, dass ein großer Teil der Stammbelegschaft durch Leiharbeiter ersetzt wurde. Von rund 10.000 in der Produktion sind etwa 2.000 Leiharbeiter. Die sind in der Regel vier Jahre im Werk. Dann gibt es eine Auswahl der besten, und etwa 120 werden übernommen. Es ist eine Negativabweichung vom sogenannten Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, der der dortige Betriebsrat zugestimmt hatte. Die Situation habe dazu geführt, dass es jahrelang im großen und ganzen ruhig gewesen sei bei Mercedes in Bremen, so Goldstein. Doch mit den neuerlichen Sparankündigungen sei am Freitag offenbar eine Überhitzung erreicht worden.

Und tatsächlich gibt es in Bremen bereits eine Betriebsvereinbarung für den Fall, dass das Bremer Werk Einheiten aus Südafrika bekommt. Darin enthalten: eine Erhöhung der Leiharbeiterquote. Darauf angesprochen, sagt Goldstein, so eine Vereinbarung allein sei schon ein Verrat an den Arbeitern in Südafrika. Und auch an denen in Deutschland.

Die Kollegen der Spätschicht sind am Freitag trotz 36 Grad Celsius nicht ins Hitzefrei gegangen. In dieser Woche allerdings wird ihre Solidarität gefragt sein. Denn die Personalabteilung hat bereits angekündigt, Abmahnungen auszusprechen, wenn sie ausfindig macht, wer der Arbeit unter diesen Hitzebedingungen den Rücken gekehrt hat.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.06.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!