Interessieren sich die Kollegen für das, was sie transportieren?
Die DHL-Bereiche Post, Paket, Fracht sind unterschiedlich stark in die militärische Logistik eingebunden. Wie man das im Betrieb diskutieren kann, weiß Tim Laumann
Am DHL-HUB am Flughafen Halle/Leipzig wurde ein Kollege nach einer antimilitaristischen Rede gefeuert. Den Prozess um seine Wiedereinstellung hat er vor dem Arbeitsgericht gewonnen. War oder ist das bei euch im Betrieb in Kassel ein Thema unter den Kollegen?
Die Berichterstattung hat einige erreicht, die Hauptarbeit, vor allem die Einordnung, mussten wir und andere Friedenskräfte unter den Vertrauensleuten erarbeiten. So ein Vorgehen der Kapitalseite und des Staates soll Angst machen. Da muss man aufklären, Hintergründe darlegen, Solidarität organisieren. Auf der Großdemo in Berlin am 3. Oktober 2025 haben wir eine Soliaktion zusammen mit anderen Postlern durchgeführt und darüber in der Betriebszeitung berichtet.
Direkte Waffenlieferungen in Kriegsgebiete sind bei DHL Kassel vermutlich nicht akut ein Problem. Wie ist euer Betrieb von der Militarisierung betroffen?
Im Bereich Post und Paket merkt man das gestiegene Propagandabudget der Bundeswehr. Die »Einladungskarten« an junge Menschen, Musterungsbescheide und die Zeitschriften der Veteranenverbände sind Beispiele. Die anderen Bereiche von DHL, vor allem Supply Chain (»Versorgungskette«) und der Frachtbereich, sind direkter eingebunden.
Laut Arbeitssicherstellungsgesetz ist die Post potentiell ein kriegswichtiger Betrieb. Inwiefern?
Die Post ist immer auch ein Kontrollinstrument nach innen. Über Nachsendeanträge und die Erfassung von Briefkastenanlagen, über Postzustellaufträge sind wir Teil der Erfassung und Kontrolle, die im Spannungs- und Verteidigungsfall ausgeweitet wird. Andere Teile von DHL sind direkter in die militärische und Rüstungslogistik eingebunden.
Wird das in der Belegschaft diskutiert?
Unter den Kollegen ist das erst zum Teil ein Thema. Die Wehrpflicht wurde viel diskutiert, auch weil wir und andere Friedenskräfte im Betrieb Unterschriften für das Bündnis »Nein zur Wehrpflicht« gesammelt haben. Ende August wird die neu eingerichtete Arbeitsgruppe »Postler und Logistiker für den Frieden« des Verdi-Bezirksfachbereichsvorstands weitere Schritte erarbeiten und beginnen, die Solidarität mit den Schulstreiks offensiver in die Betriebe zu tragen.
Interessiert die Kollegen generell, was sie abfertigen und transportieren? Sind etwa die Musterungsbescheide ein Thema?
Ja, größere Einsendungen sind in der Briefmenge bemerkbar. Traditionell haben wir Postler den Anspruch des Postgeheimnisses. Die Deutsche Postgewerkschaft wollte das explizit auch gegen die staatlichen Organe einhalten und gegen den Überwachungsstaat verteidigen. Das war Teil der Konzeption der Bürgerpost.
Fast alle Kollegen haben einen inhaltlichen Anspruch an ihre Arbeit, doch die Arbeitsverdichtung macht die Umsetzung unmöglich. Sie dient dem Kapitalexport, und da dieser sowohl DHL am Krieg verdienen lässt wie Grund für den nächsten Krieg ist, besteht ein objektiver Zusammenhang. Den muss sich die Arbeiterbewegung gemeinsam erarbeiten.
Was beschäftigt die Kollegen derzeit besonders? Was sind aktuell die drängendsten Probleme?
Es laufen Verhandlungen zu einer Betriebsvereinbarung zum Schutz vor Hitze und Kälte. Wir setzen uns dafür ein, dass sie als Kampf der Belegschaft und in der Öffentlichkeit geführt werden. Die Konzernzerschlagung und die Auswirkungen auf die Arbeitsplätze sowie die nächste Tarifrunde machen viele Kollegen unsicher. Da treten wir für eine offensive Thematisierung ein und dafür, dass wir kämpferische Antworten der Arbeiterbewegung formulieren.
Die DKP-Betriebsgruppe bei der Post Kassel gibt es jetzt seit anderthalb Jahren. Seid ihr bekannt unter den Kollegen, und wie ist die Resonanz?
Wir sind bekannt, einige von uns wurden zu Vertrauensleuten gewählt und das explizit wegen unseres kämpferischen Auftretens. Wir konnten zusammen mit anderen Vertrauensleuten den gewerkschaftlichen Organisationsgrad stabilisieren und die Vertrauensleutearbeit sichtbar und unter Einbeziehung der Kollegen gestalten. Das braucht es, damit Dinge zunächst auf gewerkschaftlicher Ebene diskutierbar werden. Nur so – und nicht durch Hinterzimmergespräche – stärkt man auch die Gewerkschaft.
Werdet ihr auch als Kommunisten, die ihr seid, wahrgenommen und anerkannt?
Unsere Betriebszeitung erscheint einmal im Monat, wird vor dem Betriebstor verteilt und findet gute Abnahme. Die Kollegen erkennen den prinzipiellen Standpunkt an, viele sehen nur noch nicht, dass es tatsächlich Kampfperspektiven gibt, die sie auch realistisch finden.
Uns hilft die prinzipielle Haltung unserer Partei in der Friedensfrage und in Fragen der internationalen Solidarität, die Angst vor Aufrüstung, Kriegsverpflichtung und Krieg aufzunehmen. Die politischen Fragen aufzuwerfen bedeutet das spezifisch kommunistische. Diesen friedenspolitischen Zugang zum Klassenbewusstsein versuchen wir mit tagespolitischen Fragen zu verbinden. Kampfkraft gegen den Krieg entsteht im alltäglichen Kleinkrieg. Wie das konkret geht, stellen wir in den Diskussionsrunden der Friedenstage vom 28. bis 30. August in Berlin vor. Da sehen wir uns alle!
Tim Laumann* ist Postzusteller, Verdi-Vertrauensmann bei der Post in Kassel, Vorsitzender der DKP-Betriebsgruppe Post Kassel und will seinen Klarnamen nicht in der Zeitung lesen. *Er ist der Redaktion aber bekannt.
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