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Erreicht die Ungleichheit gerade einen Höchststand?
Unter Argentiniens rechter Regierung verschlechtert sich die Lage im Armenviertel »Villa 31« immer mehr, erklärt Franco Armando
»Villa 31« ist ein Armenviertel von Buenos Aires, das vor einem Jahrhundert vor allem von polnischen Immigranten gegründet wurde. Heute leben hier überwiegend arme Arbeiter aus Argentinien, Bolivien, Paraguay und Peru. Unter der Regierung von Javier Milei verschlechtern sich die Verhältnisse besonders drastisch. Sie sind hier aufgewachsen. Wie hat sich das Viertel in den vergangenen 20 Jahren unter den verschiedenen rechten Stadtregierungen entwickelt?
Ich habe den größten Teil meines Lebens – seit ich acht Jahre alt war – hier gelebt. Und es waren schon immer die Menschen im Viertel selbst, die die notwendigen Mittel aufgebracht haben, um zu versuchen, das Leben hier zu verbessern. Von den Regierenden wurde die Urbanisierung eingeleitet, doch das war eher Propaganda. Es wurden keine Wohnungen gebaut, und es gab keine Erklärungen dazu, was mit den Mitteln der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank geschehen ist, die für den Aufbau des Viertels vorgesehen waren.
Wie wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf die mehr als 45.000 Familien aus, die in dem Slum leben?
Der Stadtrat hat die Kooperationsprogramme eingestellt und die Straßenhändler vertrieben. Dadurch ist die Mehrheit der Menschen arbeitslos geworden. Einen Job bekommt man nur, wenn man gute Beziehungen zur Regierung hat. Außerdem haben aufgrund des allgemeinen Rückgangs der Wirtschaftstätigkeit und der Bautätigkeit viele Bauarbeiter ihre Anstellung verloren.
Wir haben zudem ein Problem mit Obdachlosen aus der Innenstadt, die in die Slumsiedlung kommen. Viele dieser Menschen haben Probleme mit Drogenabhängigkeit, die größte Plage ist der Konsum von Kokainpaste. Wenn sich der Staat zurückzieht, rücken die Drogenhändler vor. Sie kaufen Grundstücke auf und vermieten sie, um so ihre Gelder zu waschen. Die Bewohner müssen mit all dem leben.
Erreicht die soziale Ungleichheit gerade einen Höchststand?
Ja, es ist die Zeit der größten Ungleichheit in unserem Viertel und auch in den übrigen Stadtvierteln. Nicht nur wegen des Arbeitsplatzverlusts, sondern auch, weil immer mehr Menschen in die Schwarzarbeit geraten. Das ist ein stadtweites Problem. Darüber hinaus zeigt sich die Ungleichheit auch bei der Wasser-, Strom- und Gasversorgung, die in weiten Teilen von »Villa 31« praktisch nicht vorhanden ist oder höchstens sporadisch gewährleistet wird.
Vor etwas mehr als einem Monat startete die Stadtverwaltung in mehreren Slums gleichzeitig eine Operation namens »Tormenta Negra«, »Schwarzer Sturm«. Vorgeblich ist das Ziel ein Schlag gegen den Drogenhandel. Was ist die Agenda der Regierung?
»Tormenta Negra« war eine Operation von – in unserem Viertel – bisher nie dagewesenem Ausmaß. Es wurden Hubschrauber eingesetzt, um, so zumindest die Erzählung der Regierung, nach Drogenhändlern zu suchen. Drei Personen, die keine Ausweispapiere bei sich hatten, wurden festgenommen. Dieser Einsatz ist Ausdruck des Bestrebens der Regierung, Teile der Gesellschaft – in diesem Fall die Slumbewohner der Stadt – als Feinde des »städtischen Fortschritts« ins Visier zu nehmen. Die Politik des rechtsgerichteten Regierungschefs von Buenos Aires, Jorge Macri (Cousin des ehemaligen Präsidenten Mauricio Macri, jW), die auf Konfrontation mit Arbeitervierteln oder den Slums der Stadt abzielt, stärkt sein Ansehen in den Umfragen und lässt ihn als hart durchgreifenden Politiker dastehen, während sie gleichzeitig einen hasserfüllten Diskurs gegenüber den Bewohnern der Slums nährt. Während »Tormenta Negra« wurden weder Drogen beschlagnahmt noch Drogenhändler festgenommen, und es kam zu einem unverhältnismäßigen Einsatz von Sicherheitskräften in unseren Stadtvierteln. In der Praxis diente sie keinem anderen Zweck, als die Presse anzulocken und ein Spektakel zu inszenieren.
Es ist offensichtlich, dass Jorge Macri keine Slumbewohner in der Stadt haben will – er hat es selbst ausdrücklich gesagt. Er betrachtet sie als Kriminelle, die in der Provinz unter der Regierung des Peronisten Axel Kicillof leben sollten. Ein weiteres Vorhaben, um die Slumbewohner zu vertreiben, ist ein Immobilienprojekt.
Es gab schon immer Pläne von Immobilienentwicklern, am Rande unseres Viertels zu bauen, um uns abzuschotten. Auf der einen Seite haben sie die Autobahn gebaut, auf der anderen Seite verlaufen die Bahnlinien. Unser Viertel hat keinen direkten Zugang zum Rest der Stadt. In der Umgebung wurden Luxuswohnblocks errichtet, und es ist geplant, einen neuen Busbahnhof mit einem Hotel zu bauen. Spekulation und das Immobiliengeschäft sind an der Tagesordnung. Wir leben in einem Ghetto. Der Staat kontrolliert und überwacht lediglich, während die Immobilienbranche in unser Viertel vordringt.
Franco Armando ist ein Vertreter des argentinischen Gewerkschaftsverbands CTA, der seit seiner Kindheit in »Villa 31« lebt
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