Ein Leben für die Menschenrechte
Argentinien: Taty Almeida (1930–2026) war eine der wichtigsten Stimmen der »Mütter von der Plaza de Mayo«. Ein Nachruf
Taty Almeida ist am 14. Juni im Alter von 95 Jahren gestorben. Mehr als fünfzig Jahre lang hat sie nach ihrem Sohn Alejandro gesucht, der 1975 entführt worden war und seitdem als vermisst galt. Damit wurde sie zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten im Kampf für die Menschenrechte in Argentinien und zu einer der entschlossensten Stimmen der »Mütter der Plaza de Mayo«.
Lidia Stella Mercedes Miy Uranga, allen bekannt als Taty Almeida, kam nicht aus dem Umfeld der politischen Militanz. Sie war Lehrerin, lebte im Stadtteil Recoleta in Buenos Aires und stammte aus einer Familie mit militärischer Tradition. Ihr Leben änderte sich für immer am 17. Juni 1975, als die Alianza Anticomunista Argentina (Antikommunistische Vereinigung Argentiniens, bekannt als »Triple A«), eine extrem rechte paramilitärische Gruppe oder »Todesschwadron«, die vor dem Staatsstreich von 1976 aktiv war, ihren Sohn Alejandro Almeida entführte.
Suche nach »Verschwundenen«
Alejandro war zwanzig Jahre alt. Er studierte Medizin, arbeitete bei der staatlichen Nachrichtenagentur Télam und war Mitglied der Organisation Ejército Revolucionario del Pueblo (Revolutionäre Volksarmee, ERP). Wenige Tage vor seiner Entführung hatte er ein Gedicht verfasst, das seine Mutter später in seinem Zimmer fand. In einer Passage hieß es: »Wenn mich der Tod fernab deiner Zärtlichkeit überrascht, möchte ich dir sagen, Mama, dass du einen Teil dessen, was ich war, in meinen Genossen wiederfinden wirst.«
Die Suche begann in Einsamkeit. Taty suchte Kasernen, Polizeistationen, Behörden und Gerichte auf. Sie fragte überall, wo es möglich war. Jahrelang erhielt sie keine Antwort. Erst vier Jahre später fand sie zu den Müttern der Plaza de Mayo, des Maiplatzes in Buenos Aires. Dort traf sie auf andere Frauen, die denselben Verlust erlitten hatten. Später erinnerte sie sich daran, dass sie, als sie das Hauptquartier der Organisation betrat und eine Wand voller Fotos von verschwundenen jungen Menschen sah, dachte: »Ich bin nicht die einzige.« Sie erzählte auch, dass sie von María Adela Gard de Antokoletz empfangen wurde, die sie fragte: »Wen vermisst du?« In diesem Moment begriff sie, dass sie am richtigen Ort angekommen war.
Ein halbes Jahrhundert lang folgte Taty dem Auftrag, den Alejandro schriftlich hinterlassen hatte. Sie suchte nach ihrem Sohn bei den Überlebenden, bei den Menschenrechtsorganisationen, bei den jungen Menschen, die kamen, um ihr zuzuhören, und in jeder neuen Generation, die sich die Losung »Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit« zu eigen machte. Die »Mütter« wurden zu einem der stärksten Symbole des Widerstands gegen die argentinische Diktatur. Mit ihren weißen Kopftüchern und ihren wöchentlichen Rundgängen auf der Plaza de Mayo prangerten sie vor der ganzen Welt den Staatsterrorismus an, während ein Großteil der Gesellschaft vor Angst gelähmt war.
Der Diktatur die Stirn bieten
Zwischen 1976 und 1983 verfolgte die argentinische Militärdiktatur einen systematischen Plan der politischen Verfolgung. Tausende Menschen wurden gefangengenommen, ermordet oder »verschwanden«. Hunderte in Gefangenschaft geborene Kinder wurden entführt und an andere Familien übergeben. Zehntausende Menschen mussten ins Exil gehen. Das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen wurde zu einer systematischen Praxis, die darauf abzielte, jede Form politischer und gesellschaftlicher Opposition auszuschalten.
Nach der Rückkehr der Demokratie widmete Taty den Rest ihres Lebens dem Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie besuchte Schulen, Universitäten, Gewerkschaften, Kulturzentren und Menschenrechtsorganisationen in Argentinien und dem Ausland. Sie begleitete die Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschheit, unterstützte soziale Kämpfe und betonte bis zu ihren letzten Tagen, wie notwendig es ist, die Erinnerung an die Verschwundenen lebendig zu halten.
Ihre tiefe Stimme wurde mehreren Generationen von Argentiniern vertraut. Bei jedem Vortrag, bei jeder Veranstaltung und bei jeder Demonstration wiederholte sie einen Satz, der zu ihrem Markenzeichen wurde: »Wenn wir, eine Gruppe von Müttern, es geschafft haben, einer Diktatur die Stirn zu bieten, warum sollte es euch dann nicht gelingen?« Es war eine ständige Aufforderung, sich zu engagieren, zu organisieren und gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen.
Oft wiederholte sie, dass sie »von Alejandro geboren worden« sei. Sie sagte auch, dass die Suche nach ihrem Sohn sie für immer verändert habe und dass sie in den »Müttern«, in den Menschenrechtsorganisationen und in den Generationen, die den Kampf fortsetzten, eine neue Familie gefunden habe.
Kein Vergeben und Vergessen
Am 24. März, bei der Großdemonstration zum Gedenken an den 50. Jahrestag des Staatsstreichs, nahm Taty ein letztes Mal an der Verlesung des Dokuments der Menschenrechtsorganisationen vor einer mit Hunderttausenden Menschen gefüllten Plaza de Mayo teil. Ihre Worte klangen wie eine Zusammenfassung ihres ganzen Lebens: »50 Jahre sind vergangen, und wir kämpfen weiterhin für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit. Für Brot, Gesundheit und Arbeit, Bildung und Wohnraum. Lasst uns jetzt sofort die Fotos der Verschwundenen ganz hoch in die Luft halten. Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht, wir versöhnen uns nicht, denn wir sind das Land des ›Nie wieder‹ und des weißen Kopftuchs.«
Tausende Menschen kamen zu ihrer Totenwache, um von ihr Abschied zu nehmen. Unter ihnen waren politische Führungskräfte, Gewerkschafter, Studenten, Künstler, Überlebende der Diktatur und junge Menschen, die noch nicht einmal geboren waren, als sie begann, nach ihrem Sohn zu suchen. Inmitten der Blumen, der weißen Tücher und der Umarmungen war es, als wären die Worte zu hören, die Taty immer wiederholt hatte: Der einzige Kampf, den man verliert, ist der, den man aufgibt – sie haben uns nicht besiegt!
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