Zum Inhalt der Seite
KI im Klassenzimmer

Ergeben Hausaufgaben überhaupt noch Sinn?

KI-Systeme werden Teil der Lebenswelt junger Menschen sein. Schulen müssen den kritischen Umgang damit lehren, sagt Ayla Çelik

Foto: HalfPoint Images/IMAGO

Sogenannte künstliche Intelligenz kann mittlerweile bereits problemlos Klassenarbeiten und Klausuren korrigieren sowie auch benoten. Heißen die Lehrkräfte diese neue Technologie als nützliches Hilfsmittel willkommen?

Die meisten Lehrkräfte sehen künstliche Intelligenz weder als Wundermittel noch als Bedrohung. Sie betrachten sie vor allem als Werkzeug, das sie bei zeitaufwendigen Routinetätigkeiten unterstützen kann. Als Experten vor Ort wissen Lehrkräfte sehr genau, dass pädagogische Arbeit weit über das bloße Korrigieren hinausgeht. Die Bewertung einer Leistung ist aus meiner Sicht immer auch eine pädagogische Entscheidung, die den individuellen Lernweg eines Kindes berücksichtigen muss und das professionelle Urteil der Lehrkraft erfordert. Sie kennen die Stärken und Potentiale, aber auch die Umstände, in denen sich ihre Schüler befinden. Davon ausgehend ordnen sie deren Leistungen ein. Dieses menschliche sowie pädagogische Abwägen ist wichtig und kann von Algorithmen nicht ersetzt werden. KI kann unterstützen, aber die Verantwortung für die Leistungsbewertung muss stets bei der Lehrkraft bleiben. Die Idee, KI-gestützte Korrekturen als Regelfall an Schulen einzuführen, sieht die GEW NRW deshalb äußerst kritisch.

In Fächern wie Mathematik mag KI vielleicht besser funktionieren als in Deutsch, Geschichte oder Englisch.

KI kann etwa bei der Analyse von Texten unterstützen. Schule ist und bleibt aber ein sozialer Raum, in dem Bildung im Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden gelebt wird. Lehrkräfte vermitteln nämlich nicht nur Wissen. Sie motivieren, begleiten, beraten, fördern soziale Kompetenzen und schaffen Orientierung. Gerade in sprachlichen, gesellschaftswissenschaftlichen und kreativen Fächern spielen Interpretation, Argumentation und individuelle Ausdrucksfähigkeit eine zentrale Rolle. Diese Leistungen lassen sich nicht auf ein rein technisches Richtig-oder-Falsch-Schema reduzieren.

Was können Sie zur rechtlichen Situation bei Fällen sagen, in denen Lehrer Schulaufgaben mit KI-Systemen benoten und Eltern danach dagegen vorgehen?

Anzeige

Eine höchstrichterliche Entscheidung speziell zur KI-gestützten Benotung an deutschen Schulen gibt es nach unserem Kenntnisstand bislang nicht. Die rechtliche Bewertung stützt sich daher derzeit auf das Datenschutzrecht, die allgemeinen Grundsätze des Prüfungsrechts sowie die Verantwortung der Lehrkraft für Leistungsbewertungen. Aus der langjährigen Praxis und meiner Berufserfahrung kann ich nur sagen, dass eine Note nachvollziehbar sein muss. Sie muss gleichzeitig überprüfbar und rechtssicher zustande kommen. Der Einsatz von KI darf nicht dazu führen, dass Entscheidungen intransparent werden. Die letztliche Entscheidung muss immer bei einer verantwortlichen Lehrkraft liegen, die das Ergebnis prüft, verantwortet und bei Nachfragen begründen kann.

Wie sollte das Schulsystem damit umgehen, dass der Zugriff auf KI-Anwendungen mittlerweile sehr leicht ist, sowohl für Lehrer als auch für Schülerinnen und Schüler?

Wer später im Studium und Beruf erfolgreich sein will, wird mit KI-Systemen umgehen können müssen. Daher sollte Schule die Schüler von heute zum kompetenten, kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit KI befähigen. Alles andere würde aus meiner Sicht bedeuten, die Augen vor der gelebten Wirklichkeit zu verschließen und die Technologie auszublenden. Deshalb brauchen wir verbindliche Konzepte zur KI-Bildung, Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und klare Regeln für den schulischen Einsatz. Derzeit bestehen noch erhebliche Zweifel, ob die verfügbaren KI-Systeme die notwendige Zuverlässigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit gewährleisten. Fehlerhafte Bewertungen, intransparente Entscheidungswege oder mögliche Verzerrungen dürfen nicht zu Lasten der Schüler gehen.

Ergeben Hausaufgaben überhaupt noch Sinn im KI-Zeitalter?

Hausaufgaben dienen nicht nur der Leistungskontrolle, sondern vor allem dem Üben, Vertiefen und selbständigen Lernen. Diese Ziele bleiben trotz KI bestehen. Damit Hausaufgaben aber eben diesen Mehrwert haben, müssen sich meiner Auffassung nach die Aufgabenformate weiterentwickeln. Reine Reproduktionsaufgaben lassen sich häufig mit wenigen Klicks von einer KI erledigen. Anwendungsbezogene Aufgaben, die kreative, reflektierende Lösungen abverlangen, könnten dabei an Bedeutung gewinnen. Zudem kann es sinnvoll sein, den Arbeitsprozess selbst und den reflektierten Umgang mit KI zum Gegenstand der Bewertung zu machen.

Die Frage wäre daher nicht, ob Hausaufgaben noch sinnvoll sind, sondern wie sie im digitalen Zeitalter gestaltet werden müssen. Ein Stück Transformation der Hausaufgaben – in Ganztagsschulen sind es ja Aufgaben, die in der Schule erledigt werden – liegt vor uns.

Ayla Çelik ist Vorsitzende der GEW NRW

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 24.06.2026, Seite 2, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!