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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 2 / Inland
Pressefreiheit in der BRD

Warum sollten Reporter nur im Team arbeiten?

Angriffe auf Journalisten nahmen zuletzt in der BRD zu. Die Hemmschwelle für Gewalt ist gesunken, konstatiert Mika Beuster
Interview: David Bieber
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Nicht selten hält man besser Abstand zur Ordnungsmacht. Polizeieinsatz gegen Proteste von Nazigegnern in Berlin-Kreuzberg (26.4.2014)

Die Journalistenorganisation »Reporter ohne Grenzen«, kurz RSF, hat jüngst einen Bericht zur Lage der Pressefreiheit vorgelegt. Wie hoch ist die Gefahr für Journalistinnen und Journalisten in der BRD aus Sicht des Deutschen Journalistenverbands?

In bestimmten Bereichen und Zusammenhängen ist die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten durchaus gefährlich. Zwar meldet RSF einen Rückgang von Schlägen und Tritten gegen Medienschaffende gegenüber dem Vorjahr, dennoch haben wir 2025 immer noch 55 Angriffe gezählt. Das sind 55 Fälle zuviel. Und in jedem einzelnen Fall müssen wir auch von einem Angriff auf das Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit sprechen.

Der Bericht besagt: Berichterstatter spüren das gesellschaftlich rauer werdende Klima und die Folgen internationaler Konflikte. Was heißt das für Sie konkret, und wo kommen Angriffe auf Journalisten in Deutschland besonders häufig vor?

Konkret heißt das: Die Hemmschwelle zur Anwendung körperlicher Gewalt ist gesunken. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das die Polizeistatistiken widerspiegeln. Wenn es nicht mehr so schlimm ist, zuzulangen, weil einem das Gegenüber nicht passt, bekommen wir Journalisten das auch zu spüren.

Aus der RSF-Erhebung ragt die Hauptstadt Berlin als Hotspot heraus. Wahrscheinlich deshalb, weil dort die meisten Demos stattfinden und hier die meisten Extremisten anzutreffen sind: vom rechten Rand bis ins antiisraelische Spektrum. Für Journalisten ist es darüber hinaus generell gefährlich, wenn sie über rechtsextreme Treffen und Veranstaltungen berichten wollen. Da spielt das Bundesland keine Rolle.

Vor allem auf Demonstrationen sowie bei Recherchen und Filmaufnahmen in extrem rechten Milieus seien Journalisten gefährdet. Wird künftig deswegen über die rechte Szene weniger berichtet werden?

Hoffentlich nicht, denn die Gesellschaft muss wissen, was sich an den Rändern tut. Das zu gewährleisten, ist unsere Aufgabe.

Wie spiegelt sich diese Gefährdung in der Arbeit des DJV wider?

Von unseren Mitgliedern wissen wir seit langem, welchen Gefahren sie bei der Berichterstattung über Extremisten ausgesetzt sind. Deshalb melden wir uns immer wieder zu Wort. Denn das Schlimmste wäre die achselzuckende Gewöhnung an die Übergriffe. Es ist unseren Kolleginnen und Kollegen in den Ländern in einem Prozess kontinuierlicher Gespräche immerhin gelungen, bei den Verantwortlichen der Polizei Sensibilität für den notwendigen Schutz von Journalistinnen und Journalisten zu erzeugen. Da hat sich im Lauf der Jahre vieles zum Positiven verändert.

Wie äußern sich diese Sensibilisierung und jener Schutz auf Demos konkret?

Konkret sieht das so aus, dass DJV-Leute aus den Landesverbänden zum Beispiel in polizeilichen Lehrveranstaltungen den Beamten die Arbeit von Journalisten näherbringen. Vielfach herrscht Unwissenheit darüber, wie bei Zeitungen und im Rundfunk gearbeitet wird. Ein weiteres Kooperationsbeispiel ist die Einbindung von Journalisten in die polizeiliche Einsatzplanung vor Beginn einer Demonstration. Bewährt hat sich auch, wenn Journalisten vor der Demo zum Einsatzleiter gehen und mit ihm sprechen. Denn wenn ein Gesicht bekannt ist, funktioniert der Schutz häufig gut.

Was raten Sie Ihren Mitgliedern und Journalisten für die Arbeit vor Ort?

Wir raten den Reportern, nur im Team aufzutreten. Das vermindert das Risiko körperlicher Übergriffe. Wenn es doch dazu kommt, muss sofort Anzeige erstattet werden. Kein Journalist darf einen Schlag oder einen Tritt einfach wegstecken. Das wäre eine Bestätigung für die Täter.

Ist die Lage hierzulande im europäischen Vergleich angespannter?

Im europäischen Vergleich stehen wir recht gut da, bei allen Problemen. Und über den internationalen Vergleich brauchen wir gar nicht zu reden. Denn in anderen Ländern landen kritische Journalisten im Knast – siehe Russland. Aber trotzdem müssen wir hierzulande den Finger in die Wunde legen.

Mika Beuster ist Themenreporter bei VRM Wetzlar in Mittelhessen und seit 2023 Vorsitzender des Bundesvorstandes des Deutschen Journalistenverbands (DJV) – Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten e. V.

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