Warum sollten Reporter nur im Team arbeiten?
Interview: David Bieber
Die Journalistenorganisation »Reporter ohne Grenzen«, kurz RSF, hat jüngst einen Bericht zur Lage der Pressefreiheit vorgelegt. Wie hoch ist die Gefahr für Journalistinnen und Journalisten in der BRD aus Sicht des Deutschen Journalistenverbands?
In bestimmten Bereichen und Zusammenhängen ist die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten durchaus gefährlich. Zwar meldet RSF einen Rückgang von Schlägen und Tritten gegen Medienschaffende gegenüber dem Vorjahr, dennoch haben wir 2025 immer noch 55 Angriffe gezählt. Das sind 55 Fälle zuviel. Und in jedem einzelnen Fall müssen wir auch von einem Angriff auf das Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit sprechen.
Der Bericht besagt: Berichterstatter spüren das gesellschaftlich rauer werdende Klima und die Folgen internationaler Konflikte. Was heißt das für Sie konkret, und wo kommen Angriffe auf Journalisten in Deutschland besonders häufig vor?
Konkret heißt das: Die Hemmschwelle zur Anwendung körperlicher Gewalt ist gesunken. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das die Polizeistatistiken widerspiegeln. Wenn es nicht mehr so schlimm ist, zuzulangen, weil einem das Gegenüber nicht passt, bekommen wir Journalisten das auch zu spüren.
Aus der RSF-Erhebung ragt die Hauptstadt Berlin als Hotspot heraus. Wahrscheinlich deshalb, weil dort die meisten Demos stattfinden und hier die meisten Extremisten anzutreffen sind: vom rechten Rand bis ins antiisraelische Spektrum. Für Journalisten ist es darüber hinaus generell gefährlich, wenn sie über rechtsextreme Treffen und Veranstaltungen berichten wollen. Da spielt das Bundesland keine Rolle.
Vor allem auf Demonstrationen sowie bei Recherchen und Filmaufnahmen in extrem rechten Milieus seien Journalisten gefährdet. Wird künftig deswegen über die rechte Szene weniger berichtet werden?
Hoffentlich nicht, denn die Gesellschaft muss wissen, was sich an den Rändern tut. Das zu gewährleisten, ist unsere Aufgabe.
Wie spiegelt sich diese Gefährdung in der Arbeit des DJV wider?
Von unseren Mitgliedern wissen wir seit langem, welchen Gefahren sie bei der Berichterstattung über Extremisten ausgesetzt sind. Deshalb melden wir uns immer wieder zu Wort. Denn das Schlimmste wäre die achselzuckende Gewöhnung an die Übergriffe. Es ist unseren Kolleginnen und Kollegen in den Ländern in einem Prozess kontinuierlicher Gespräche immerhin gelungen, bei den Verantwortlichen der Polizei Sensibilität für den notwendigen Schutz von Journalistinnen und Journalisten zu erzeugen. Da hat sich im Lauf der Jahre vieles zum Positiven verändert.
Wie äußern sich diese Sensibilisierung und jener Schutz auf Demos konkret?
Konkret sieht das so aus, dass DJV-Leute aus den Landesverbänden zum Beispiel in polizeilichen Lehrveranstaltungen den Beamten die Arbeit von Journalisten näherbringen. Vielfach herrscht Unwissenheit darüber, wie bei Zeitungen und im Rundfunk gearbeitet wird. Ein weiteres Kooperationsbeispiel ist die Einbindung von Journalisten in die polizeiliche Einsatzplanung vor Beginn einer Demonstration. Bewährt hat sich auch, wenn Journalisten vor der Demo zum Einsatzleiter gehen und mit ihm sprechen. Denn wenn ein Gesicht bekannt ist, funktioniert der Schutz häufig gut.
Was raten Sie Ihren Mitgliedern und Journalisten für die Arbeit vor Ort?
Wir raten den Reportern, nur im Team aufzutreten. Das vermindert das Risiko körperlicher Übergriffe. Wenn es doch dazu kommt, muss sofort Anzeige erstattet werden. Kein Journalist darf einen Schlag oder einen Tritt einfach wegstecken. Das wäre eine Bestätigung für die Täter.
Ist die Lage hierzulande im europäischen Vergleich angespannter?
Im europäischen Vergleich stehen wir recht gut da, bei allen Problemen. Und über den internationalen Vergleich brauchen wir gar nicht zu reden. Denn in anderen Ländern landen kritische Journalisten im Knast – siehe Russland. Aber trotzdem müssen wir hierzulande den Finger in die Wunde legen.
Mika Beuster ist Themenreporter bei VRM Wetzlar in Mittelhessen und seit 2023 Vorsitzender des Bundesvorstandes des Deutschen Journalistenverbands (DJV) – Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten e. V.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas Z. aus Duisburg (18. Februar 2026 um 07:37 Uhr)Nach dem lesen dieses Interviews reibt man sich irritiert die Augen und schaut nochmal nach, ob man gerade wirklich die junge Welt in der Hand hat, und nicht doch die taz, die SZ oder die Frankfurter Rundschau. Bei all dem Gerede über »Extremisten«, der Verteufelung der Palästina-Solidarität und dem Russland-Bashing, übersieht man fast, dass der hier interviewte Mika Beuster vor allem auf eines hinaus will: (noch) stärkere Kooperation zwischen deutschen Journalisten und deutscher Staatsgewalt. Als wäre das nicht mit ein Grund, weshalb so viele Menschen in diesem Land »den« Medien nicht mehr trauen. Und als hätten sich diese Medien die Anfeindungen etwa seitens der Palästina-Solidarität und anderer linker Bewegungen in den letzten Jahren nicht genau mit dieser Haltung eifrig erarbeitet. Medien sind nicht neutral, sondern die »vierte Gewalt«, und Journalisten müssen sich aktiv entscheiden, in wessen Dienst sie diese Gewalt stellen. Hoffen wir, dass dieses Interview ein Ausrutscher bleibt und die junge Welt nicht etwa damit liebäugelt, auf den Zug des »embedded journalism« aufzuspringen, der hier propagiert wird.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (22. Februar 2026 um 15:24 Uhr)Langsam mit die jungen Pferde! Die jW hat nur geschrieben, was ein Gewerksaftsfunktionär geredet hat. Äquivalente Äußerungen dürfte frau von ziemlich vielen GerwerkschaftsvertreterInnen zu hören bekommen. Da stellt sich einmal mehr die Frage vom Unterschied zwischen der Klasse an sich und der Klasse für sich. Dieses Thema könnte durchaus wieder aus der Versenkung geholt werden! Mir ist bei der Recherche zur Werttheorie eine (umfangreiche) Schwarte (OCRisiert 142MB) über den Weg gelaufen: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 6/1983, https://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/de/article/3670.imsf-jahrbuch-1983.html . Die anderen Jahrbücher findet man unter https://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/de/topic/151.imsf-jahrbuecher.html . Im 1983er Jahrbuch suche man nach »Altvater«, der taucht in Verschiedenen Zusammenängen auf, speziell: Krise der Arbeiterklasse? Krise der Arbeiterbewegung?
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