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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 5 / Inland
Stahlbranche

Auf dem Rücken der Beschäftigten

Aktionärsversammlung von Thyssen-Krupp: Aktiendividenden für die einen, Stellenabbau für die anderen
Von David Bieber, Bochum
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Müssen die Profite der Aktionäre erst einmal erwirtschaften: Protestierende Stahlarbeiter in Bochum (30.1.2026)

Während Thyssen-Krupp-Konzernchef Miguel Lopez bei der Hauptversammlung der Aktionäre am Freitag gute Mine machte, protestierten vor den Toren die Arbeiter des Unternehmens. Lopez lobte sich und das Management, sprach von »wiedergewonnenem Vertrauen« und stellte satte Dividendenauszahlungen in Aussicht. Draußen hatten die 300 Beschäftigten der Stahlsparte, die tief in der Krise steckt, für solche Äußerungen nur wenig Verständnis.

Neben der von Lopez geplanten Umwandlung von Thyssen-Krupp in eine reine Finanzholding und der einzelnen Unternehmenszweige in selbständige Konzerne stoßen ihnen auch die angekündigten Gewinnausschüttungen in Höhe von 93 Millionen Euro auf; ebenso die Erhöhung der Vorstandsgehälter. »Wir sind fassungslos, wie man angesichts der schlechten Lage des Unternehmens, gerade unserer Stahlsparte, eine Dividende auszahlen kann«, so ein Beschäftigter der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann vor dem Ruhrcongress-Gebäude.

Das »Tochterwerk« Krupp-Mannesmann im Süden Duisburgs, mit dem Thyssen-Krupp Steel Europe vor rund einem Jahr einen langfristigen Liefervertrag gekündigt hatte, soll nun an die Salzgitter AG verkauft werden – und die Belegschaft von bisher 3.000 auf nurmehr 1.000 Stellen zusammengekürzt werden. »Wir favorisieren die Lösung einer Zukunftsfähigkeit mit Salzgitter«, verlas Konzernchef Lopez dazu auf der Aktionärsversammlung, die Trennung sei »zwingend und alternativlos«.

Auch Jürgen Kerner, zweiter Vorsitzender der IG Metall und Vizeaufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, ist nach Bochum gekommen, um sich gegen die Ausschüttung der Dividende einzusetzen. Vor der Halle appellierte er an die Adresse der Aktionäre, auf ihre Dividende zu verzichten: »Setzt ein Zeichen, dass wir diesen Weg zusammen gehen!« Ähnliches war von Thyssen-Krupp-Konzernbetriebsratschef Tekin Nasikkol zu vernehmen: »Wenn die Stahlvorstände uns jeden Tag vorjammern, dass es hier nicht mehr weitergeht – und von uns Beschäftigten verlangen, dass wir auf Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld verzichten, nur damit die Stahlunternehmen weitergehen, dann frage ich mich, wie können solche Vorstände dann heute auf so einer Hauptversammlung den Aktionären unnötigerweise die Dividende versprechen.«

Drinnen, in der nur mäßig gefüllten Ruhrcongress-Halle, erklärte der Konzernchef derweil, dass Thyssen-Krupp das Geschäftsjahr 2024/2025 mit einem Nettogewinn von 532 Millionen Euro (ein Plus von zwei Milliarden Euro) abgeschlossen hatte. Allerdings sei der Umsatz rückläufig und läge mit 32,8 Milliarden Euro sechs Prozent unter den Vorjahreszahlen. »Der Jahresüberschuss, der aber im deutlichen Kontrast zum Milliardenverlust des Vorjahres steht, wurde primär durch Sondereffekte, wie eine Zuschreibung bei TK Elevator, erzielt«, so Markus Dufner, Geschäftsführer des »Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre«, gegenüber jW.

Der Dachverband kritisierte bereits im Vorfeld die geplante Dividendenausschüttung und die höhere Vorstandsvergütung bei gleichzeitigen Lohneinbußen der Belegschaft. »Thyssen-Krupp sollte den Betrag von 93.379.761,15 Euro (0,15 Euro je Stückaktie) nicht als Dividende ausschütten, sondern für Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens, die schnellere Erreichung von Klimazielen und die Erhaltung von Arbeitsplätzen nutzen«, heißt es in einer Stellungnahme. Die »kritischen Aktionäre« votierten folglich gegen die Entlastung von Aufsichtsrat und Vorstand.

Eine etwaige Übernahme durch das Unternehmen des indischen Milliardärs Naveen Jindal wird kritisch gesehen. »Für uns ist fraglich, ob Jindal Steel International aus Umweltsicht ein verlässlicher Partner für die grüne Stahltransformation ist.« 2025 wurde Jindal in Indien wegen Umweltverstößen sanktioniert, in Südafrika erhielt ein Bergbauprojekt keine staatliche Lizenz, weil es die Umweltauflagen nicht erfüllte.

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