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Fußballweltmeisterschaft

Archimedes regelt

Ein genialer Undav reicht. Deutschland schlägt die Elfenbeinküste im zweiten Spiel der WM-Gruppenphase mit 2:1

Foto: Piroschka Van De Wouw/Reuters
Fliegt wie ein Schmetterling, sticht wie eine Biene: Deniz Undav

Erst hatten sie kein Pech, dann kam auch noch Glück dazu. Und das kann recht genau identifiziert werden, als Glück, einen Undav in der Hinterhand zu haben. Der aus nichts alles und alles aus nichts machen kann, das Spiel dreht, ohne dass es sich angedeutet hatte, der sich perfekt im Raum hält, den Lauf latent verzögert und auf der genau richtigen Höhe zum Abschluss eintrifft. In der Nachspielzeit schießt er dann noch das Siegtor. Die deutsche Auswahl gewann am Sonnabend in Toronto auch das zweite Spiel der Gruppenphase und ist damit für die K.-o.-Phase qualifiziert.

Undav ist mehr als ein Knipser, doch dass er auch einer ist, wäre relevant. Nagelsmann vertraut dem ebenso spiel-, doch weniger abschlussstarken Havertz, was sich jetzt vielleicht erledigt haben sollte, wie auch die verlegene Überlegung, Undav im offensiven Mittelfeld zu bringen, damit er irgendwie in die Startformation kommt. Er muss in die Spitze.

Die Deutschen liefen gegen die Elfenbeinküste in derselben Formation auf wie gegen Curaçao, mit denselben Begleiterscheinungen, die gegen die schwächere Auswahl Curaçaos noch nicht so deutlich wurden. Das 4-2-3-1 geht bei Ballbesitz in ein 2-2-5-1 über, die Außenverteidiger rücken vor, das Gefüge bleibt also symmetrisch, was Überzahl schafft, doch den Nachteil hat, dass der Gegner das Spiel auf seine bessere Seite zwingen kann.

Die zugleich die anfällige der Deutschen ist. Über Sané war vorab einmal mehr debattiert worden. Offensichtlich macht man an ihm die grundlegenden Probleme der Mannschaft stellvertretend dingfest, und er bietet sich dafür durchaus an. Schwankend in den Leistungen, öfter auch lustlos wirkend, sucht er Probleme bei Passspiel und Spieleröffnung mit Dribblings zu kompensieren, so dass der Eindruck entsteht, das Spiel werde langsamer und fahre sich fest. Nagelsmann schaut anders auf Sané, sieht in ihm einen Arbeiter, der im Hintergrund bewirkt, dass seine horizontalen Pendants glänzen können. Seine Stärke ist die Arbeit nach hinten, seine Laufwege, seine Präsenz. Er zwingt den Gegner zu Verlagerungen und verschafft Wirtz und Musiala damit Platz. Man könnte vom Sané-Paradox sprechen: Vordergründig ein Unsicherheitsfaktor und Egospieler, stabilisiert er im Hintergrund das Gefüge.

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Die Elfenbeinküste hatte sich perfekt auf das deutsche Team eingestellt. Gegen deren Spiel durchs Zentrum, bei dem die Flügelspieler in die Halbräume rücken, Überzahl schaffen und mit schneller Zirkulation Druck erzeugen, stellte Emerse Faé auf 4-3-3 bei Ballbesitz, worin zwei Vorteile lagen: Die deutsche Elf wurde auf die Flügel gezwungen, ihr bevorzugtes Spiel war unterbunden, und die Spieler der Elfenbeinküste konnten an der Außenlinie ihre Laufstärke geltend machen. Voraussetzung dafür: aggressives und frühes Pressing, wofür man robuste, zweikampfstarke und zugleich schnelle Spieler benötigt, die die Elfenbeinküste hat. Obgleich Faé reaktiv spielen ließ, machte die Elfenbeinküste das Spiel. Deutschland hatte den Ball, sie die Kontrolle.

Zudem gelang ihr, das Spiel auf ihre linke Seite zu verlagern, die offensiv schwächere Seite der Deutschen war mit der offensiv stärkeren der Elfenbeinküste konfrontiert. Kimmich, durch Diomande gebunden, konnte Sané, der mehr nach hinten musste, weniger unterstützen, zentrale Spieler mussten herausrücken. Faés Plan ging auf.

Lange Zeit, bis zum Ausgleich in der 68. Minute. Zuvor war den Deutschen nicht gelungen, ihr Spiel anzupassen, den Ball laufen zu lassen, um den Zugriff der Elfenbeinküste zu unterbinden und ihr die beste Waffe zu nehmen, ihre Zweikampfstärke. Julians Nagelsmänner kamen nicht in den Rhythmus, der Sicherheit schafft und den Gegner ermüdet. Wer den Ball laufen lässt, lässt auch den Gegner laufen. Das erfordert allerdings eine Geduld, die dieser Elf latent fehlt. Man muss aushalten können, den Ball erst mal horizontal zu führen, warten können, dass die Lücke, die man provoziert, sich auch auftut. Möglicherweise ist das das größte Problem der deutschen Auswahl. Sie will, was zusammen nicht geht: organisiertes Passspiel und explosives Umschalten.

Verloren hat die bessere Mannschaft, ein Undav hat den Unterschied gemacht. Als Archimedes auf dem Rasen. Gebt ihm einen Punkt, und er hebt das Spiel aus den Angeln.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.06.2026, Seite 16, Sport

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