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Reif genug für die Insel
Fußball-WM als hohles Happening. Auftaktsieg der DFB-Auswahl
Spätestens, als klar war, das Absingen der Hymne findet ohne Enrico Pallazzo statt, war auch klar, die meinen das wirklich ernst mit diesem Turnier. Ein hohles Happening in fußballfremden Gefilden (nur einer der drei Ausrichter ein Fußballland), der Teilnehmerpool aufgepumpt vom Haifisch- zum Goldfischbecken, aufgebläht auch die Preise der Tickets, Anfahrten, Unterkünfte, und jede Menge Spielraum für die US-Administration, Repräsentanten allein von ihr nicht erwünschter Länder zu schikanieren. Enrico Pallazzo hätte die Farce wenigstens auf eine ironische Ebene gehoben. Immerhin der Slogan der US-Auswahl gibt etwas Abhilfe: »Never Chase Reality« könnte auch über dem Eingang des Weißen Hauses stehen.
Inflation bedeutet Wertverlust, in der Ökonomie wie im Sport. Die Jahre zwischen 2022 und 2026, der letzten und der jetzigen WM, waren durchgreifend von steigenden Preisen gezeichnet. Keine Gas- oder Ölkrise aber hat die FIFA gezwungen, aus 32 Teams 48 zu machen – fast peinlich banal es zu sagen, 104 Partien werfen mehr ab als 64. Handgreifliche Folge der Überdehnung: Es gibt keine Todesgruppen mehr. Am besten besetzt scheint man in L: England, Ghana, Kroatien, Panama. 2022 noch wäre das ein mittelschweres Set gewesen. Sportlich kann das keine gute Nachricht sein. Kap Verde, Curaçao, Haiti, Neuseeland, Saudi-Arabien, Jordanien – Infantino schreibt, was Blatter notierte, im Machtkampf des Dachverbands mit den starken Verbänden setzt er auf die kleinen mit ihrer Stimmzahl. Herrschaftstechnik, dürftig verdeckt von postkolonialer Rhetorik. Tatsächlich macht der neue Modus die Gruppenphase langweiliger, und gerade weil die Topteams gegen leichtere Gegner spielen, haben sie es leichter, in die K.-o.-Phase zu kommen. Well done, Gianni.
Das erste Spiel der DFB-Auswahl war danach. Die Begegnung mit Curaçao (Rang 83 der FIFA-Rangliste) hatte alle Merkmale eines Testspiels: unstimmig in den Abläufen, ungenau im Raumverhalten, ein wenig hypotonisch, und dennoch mit sechs Toren Differenz entschieden. Curaçao kann man bei all dem keinen Vorwurf machen, die mannorientierte Zuordnung blieb nicht frei von Fehlern, doch das Team von Dick Advocaat schien allzeit bereit, den Deutschen auf den Senkel zu gehen, und war bei den wenigen Chancen dann auch stets gefährlich. Acht gegen 26 Torschüsse der Deutschen, 35 gegen 65 Prozent Ballbesitz, 341 gegen 635 gespielte Pässe bei einer Passquote von 82 gegenüber 87 Prozent – natürlich war Curaçaos Ausrichtung reaktiv. Geprägt vom niederländischen Fußball und geführt von einem niederländischen Trainer, spielte man schnell umschaltend, die Halbräume anlaufend, eher mit Tempo und Dribbling denn mit geduldigem Passspiel. Was diesen Niederländern fehlte, waren die Niederländer. Dieses System benötigt technisch exzellente Spieler.
Taktisch bevorzugt Julian Nagelsmann das entgegengesetzte Konzept. Kurze Pässe in engen Räumen, immer erst mal durchs Zentrum, auf die Flügel ausweichen nur zur Not. In der Offensive hat der Trainer Spieler, die das können. Ein falscher Stürmer mit weiten Wegen und drei offensive Mittelfelder können, gesichert von einer spielstarken Doppelsechs und zwei spieleröffnenden Außenverteidigern, enormen Druck machen.
So erklärt sich wohl auch, warum Nagelsmann bei den kniffligen Positionen jeweils der spielerischen Variante den Vorzug gab: Brown statt Raum, Sané statt Leweling, Nmecha statt Goretzka, im Fall Sané sogar zum Preis der Stabilität. Konträr zur politischen Lage im Land fehlt es in der DFB-Elf an Rechtsaußen, Sané profitiert – zumal seit dem Ausscheiden Karls – von der schwachen Konkurrenz auf seiner Position. Karl hätte auch den noch im Wiederaufbau befindlichen Musiala im Zentrum ersetzen können, einstweilen gilt: Ein halber Musiala ist mehr als ein ganzer Undav.
Trotz phasenweise verlorener Spielkontrolle, zahlreichen Fehlern in der Abwehr, wenig intensivem Pressing und kaum vorhandener Pressingresistenz siegt das DFB-Team gegen Curaçao mit 7:1. Nie fand die Formation in den Rhythmus, selten zirkulierte der Ball. Erst in der zweiten Halbzeit machte der athletische und technische Unterschied beider Teams sich bemerkbar.
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