Aus: Ausgabe vom 17.01.2018, Seite 15 / Antifa

Braune »Erzieher«

»Identitäre« wollen Vormundschaften für minderjährige Flüchtlinge übernehmen

Von Susan Bonath
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Asylsuchender in einer Geflüchtetenunterkunft im nordrhein-westfälischen Hamm (September 2015)

Im vergangenen Jahr war sie mit dem Versuch gescheitert, Seenothelfer beim Retten gekenterter Flüchtlinge im Mittelmeer zu behindern. Jetzt macht die neofaschistische »Identitäre Bewegung« (IB) mit einer neuen zynischen »Aktion« auf sich aufmerksam. Ihr Hamburger Ableger ruft seine Anhänger dazu auf, Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Geflüchtete zu übernehmen. Natürlich nicht aus Nächstenliebe: Die jugendlichen Opfer des global wütenden Kapitalismus sollen möglichst schnell zurück in Krieg und Elend vertrieben werden.

So will die völkisch-nationalistische Bewegung mit den Kindern und Jugendlichen »über vorhandene falsche Erwartungen an ihr Gastland ebenso sprechen, genauso wie über eine Zusammenführung mit ihrer Familie in ihrer Heimat«. Es gelte, eine »politisch gewollte Masseneinwanderung« zu verhindern, stellt sie auf ihrer Webseite klar.

Für ein solches Amt benötige man »grundsätzlich keine besondere Qualifikation«. Zudem lasse sich als Vormund »erstaunlich viel Geld abgreifen«. Dabei benennt die IB diverse Monats- und Stundensätze, um ihrer Klientel ein derartiges »Engagement« noch schmackhafter zu machen. Zumal es nicht schwer sei, ein solches Amt zu erlangen: Zahlreiche Kommunen suchten »mit nicht wenig Aufwand« nach Freiwilligen, locken die »Identitären«. Sie hätten »beschlossen, diese Lücke zu füllen«.

Man habe sich von »Fachleuten beraten lassen« und wolle »eigene Schulungen hierzu durchführen«. Darüber hinaus werde man Kurzschulungen des Kinderschutzbundes nutzen. Auf solche Zertifikate legten Jugendämter Wert. Die zuständigen Gerichte orientierten sich an den Vorschlägen dieser Institutionen. »Sollten die ersten Erfahrungen positiv verlaufen, so werden wir uns um einen bundesweiten Ausbau des Projekts bemühen«, tönen die »Identitären«.

Die Institutionen sind bereits vorgewarnt. »Wir distanzieren uns davon aufs schärfste«, sagte Sevil Dietzel vom Kinderschutzbund dem Magazin Vice, das am Montag online darüber berichtete. Weil jeder Bewerber für eine Schulung überprüft werde, sei es für diese Klientel nicht leicht, aufgenommen zu werden. »Unser Projekt läuft seit 22 Jahren, und bisher hat es das noch nicht gegeben, dass sich hier jemand eingeschlichen hat«, so Dietzel. Ebenso seien die Richter über das Ansinnen der »Identitären« informiert und hätten »ein wachsames Auge« darauf.

Wie der Kinderschutzbund und die Stadt Hamburg auf ihren Internetseiten erklären, vertreten Vormünder die Minderjährigen ehrenamtlich bis zum Erreichen der Volljährigkeit rechtlich und begleiten sie im Lebensalltag. Es gehe zum Beispiel um den Schulbesuch, die Wahl einer Ausbildung, medizinische Versorgung, Asylanträge oder sonstige Kommunikation mit Behörden. Laut Kinderschutzbund werden in Hamburg aktuell nur wenige Vormünder benötigt. Das liege am Rückgang der Flüchtlingszahlen.

Die »Identitäre Bewegung« hegt enge Verbindungen zum ultrarechten AfD-Flügel sowie zu Teilen neofaschistischer Parteien. In der Bundesrepublik trat sie erstmals 2014 in Erscheinung. Sie ging offenbar aus einer »Sarrazin-Bewegung« hervor, die zuvor seit 2012 ihr Unwesen vor allem im Internet getrieben hatte. Sie berief sich auf das Buch des ehemaligen Berliner SPD-Finanzsenators und Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin mit dem Titel »Deutschland schafft sich ab«.

Von Frankreich aus hatte sich die neofaschistische Bewegung über weitere Teile Europas verbreitet.


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