Vorbereitung ist alles
Von Sören Bär
Vom 29. März bis zum 15. April 2026 fand in Paphos (Zypern) das Kandidatenturnier zur Ermittlung des Herausforderers für den Kampf um die Schachweltmeisterschaft statt. Als Favorit wurde der Weltranglistenzweite und Herausforderer von 2018 Fabiano Caruana (USA) betrachtet. Der 33jährige US-Amerikaner kam gut aus den Startlöchern und führte nach drei Runden mit zweieinhalb Punkten gleichauf mit dem 20jährigen Usebeken Jawochir Sindarow das hochkarätige Achterfeld an. Doch ihre direkte Begegnung in Runde vier erwies sich als schicksalhaft und bereits entscheidend für den Turnierausgang. Sindarow rang seinen illustren Widersacher auf Basis exzellenter Vorbereitung bereits nach 36 Zügen nieder. Während Sindarow Flügel wuchsen, so dass er den ersten Durchgang nach fünf Siegen und zwei Remisen mit sagenhaften sechs Zählern abschloss, fand Caruana nicht mehr zu seiner anfänglichen Form zurück und musste sich letztlich mit 7,5 Zählern und Rang drei begnügen.
Sindarow kontrollierte in der zweiten Turnierhälfte das Geschehen, ohne unnötige Risiken einzugehen. Mit einer weiteren beeindruckenden Gewinnpartie in der Ragosin-Variante des Damengambits gegen Rameshbabu Praggnanandhaa (Indien) in der zehnten Runde kam er dem Gesamterfolg sehr nahe. Einzig der Niederländer Anish Giri konnte ihm einigermaßen folgen. Giri ließ sich von einer schmerzlichen Auftaktpleite nicht entmutigen und verbesserte sein Resultat sukzessive. In der 13. Runde kam es gegen Sindarow zur Entscheidung. Mit zwei Punkten Rückstand auf den Usbeken musste der 31jährige Niederländer als Weißer unbedingt gewinnen, um noch WM-Herausforderer werden zu können. Giri ließ in einem spannenden Turmendspiel nichts unversucht, doch er konnte die formidable Verteidigung Sindarows nicht brechen und musste sich nach 58 Zügen in die Punkteteilung fügen.
Der Usbeke ließ in der 14. Runde noch ein schnelles Unentschieden gegen den Chinesen Wei Yi folgen und eroberte die Siegespalme ungeschlagen mit zehn Punkten aus 14 Partien. Dieses Ergebnis entspricht prozentual exakt dem Resultat von 20 Punkten aus 28 Partien, welches der legendäre Michail Tal (Sowjetunion/Lettland) im Jahr 1959 bei allerdings doppelt so langer Distanz bei seinem kometenhaften Aufstieg zum Weltmeistertitel erreichte.
Sindarow hat damit das Recht erworben, den 19jährigen indischen Champion Dommaraju Gukesh herauszufordern. Während Guskesh nach seinem Titelgewinn gegen den Chinesen Ding Liren im Dezember 2024 kaum noch überzeugende Leistungen bot und in der Weltrangliste bis auf Platz 15 abrutschte, legte Sindarow einen faszinierenden Lauf hin und ließ das Schachuniversum schon mit dem Weltcupsieg in Goa im Herbst 2025 aufhorchen. Sein neuerlicher Triumph trägt ihn bis auf Platz fünf des Weltklassements. Damit rangiert er direkt hinter seinem Landsmann Nodirbek Abdusattorow, was den Aufstieg des Schachs in Usbekistan veranschaulicht.
Anish Giri gewann seine abschließende Partie mit Schwarz gegen den Deutschen Matthias Blübaum und sicherte sich mit 8,5 Zählern den zweiten Rang. Sein formidables Resultat hätte im Frauenturnier für den alleinigen Sieg gereicht. Blübaum enttäuschte mit sechs Punkten nicht, er blieb allerdings auch gänzlich ohne Gewinnpartie und teilte sich mit dem Inder Rameshbabu Praggnanandhaa die Plätze sechs und sieben. Auf dem vierten Rang landete mit sieben Punkten Wei Yi (China). Der Weltranglistendritte Hikaru Nakamura (USA) war bei seinem vermutlich letzten Angriff auf den WM-Titel vom Pech verfolgt. Nach einer Auftaktniederlage gegen Caruana musste er sich als Weißer in der fünften Runde auch Sindarow beugen. Er konsolidierte sich mit einem Gewinn gegen Caruana in der zweiten Hälfte, doch sein fünfter Platz mit 6,5 Punkten ist eine herbe Enttäuschung. Andrej Jesipenko, der mit 4,5 Punkten sieglos die rote Laterne tragen musste, wird das Turnier schnell vergessen wollen.
Dessen Ausgang illustriert, dass Schach immer jünger wird: Der am 8. Dezember 2005 geborene 20jährige Sindarow fordert nun den am 29. Mai 2006 auf die Welt gekommenen 19jährigen Titelverteidiger Dommaraju Gukesh heraus. Ein WM-Match mit zwei derart jungen Antipoden hat es noch nie gegeben. Beide Spieler wären noch für die Junioren-WM U20 teilnahmeberechtigt.
Jawochir Sindarow – Rameshbabu Praggnanandhaa
WM-Kandidatenturnier, Runde 10, Paphos (Zypern), 9.4.2026, Damengambit – Ragosin-Variante [D37]
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 (Sindarow erwies sich als Meister des Damengambits. In neun seiner vierzehn Partien kam die altehrwürdige Eröffnung auf das Tapet, fünfmal triumphierte er.) 4.Sc3 Sbd7 5.Lf4 Lb4 (Damit lenkt Schwarz in die Ragosin-Variante über.) 6.cxd5 exd5 (Schlechter wäre 6…Sxd5?! 7.Ld2! Sxc3 8.bxc3 Le7 9.e4! mit bereits erheblichem Raumvorteil für den Anziehenden.) 7.e3 Se4 8.Dc2 g5 9.Lg3 h5!? (Praggnanandhaa geht ultraaggressiv vor.) 10.Ld3! (Sindarow zeigt keine Angst und begegnet dem schwarzen Aufmarsch mit einem Figurenopfer für Angriff.) 10…h4 11.Lxe4 dxe4 12.Dxe4+ Kf8 13.Le5 f6 14.Sxg5 Lxc3+ 15.bxc3 Sxe5 16.dxe5 fxg5 17.f4! (Nach der mit dem zehnten Zug eingeleiteten forcierten Sequenz will Sindarow die f-Linie öffnen, um den schwarzen Monarchen anzugreifen.) 17…h3! 18.Td1!N (Erst das ist eine Neuerung. Zuvor geschah 18.g3. 18.fxg5? scheitert an 18…hxg2! -+.) 18…De7 19.g3 gxf4 20.O-O Th6 21.Txf4+ Kg8?! (Nachdem beide Spieler bisher präzise agiert hatten, begeht Schwarz die erste Ungenauigkeit. Vorzuziehen war 21…Kg7!, um auf 22.Tdf1 die Riposte 22…a5! 23.Tf6 Ta6! anzubringen.) 22.Tdf1 Ld7? (Ein Fehler kommt selten allein. 22…Le6! war der einzige Zug. Nach 23.Tf6 Dh7! 24.Dxh7+ Kxh7 25.Txh6+ Kxh6 26.Tf6+ Kg5 27.Txe6 Td8 28.Te7 Td1+ 29.Kf2 Td2+ 30.Kf3 Txh2 31.Th7 Txa2 32.Txh3 Kf5 33.Th7 Kxe5 34.Txc7 hätte Schwarz realistische Remischancen im Turmendspiel.) 23.Tf7! (Sindarow mustert seinen Opponenten zunächst ungläubig, als er dessen Fauxpas registriert.) 23…Dxf7 24.Txf7 Kxf7 25.Df4+ Kg7 26.Dg5+ Kh7 27.De7+ Kg8 28.Dxd7 +- (In Konsequenz der erzwungenen Zugfolge steht Sindarow glatt auf Gewinn. Der Rest ist schwarze Agonie.) 28…Tf8 29.Dg4+! (29.Dxc7? Tb6!) 29…Kh8 30.a4 a5 31.Dg5 Th7 32.e6 Te8 33.Dxa5 b6 34.De5+ Kg8 35.Dg5+ Tg7 36.Df5 Tge7 37.Dg4+ Kf8 38.Dxh3 Txe6 39.Kf2 T8e7 (39…Txe3 40.Dh6+! Kf7 41.Dxe3 Txe3 42.Kxe3 +-) 40.Dh8+ Kf7 41.g4 Te4 42.Dh5+ Kg7 43.Dg5+ Kf7 44.Kf3 Txa4 45.h4 Ta5 46.Dh6 Tae5 47.Dh7+ Kf8 48.Dh8+ Kf7 49.e4 b5 50.h5 c5 51.h6 Tg5 52.Dd8 Tg8 53.Dd5+ (Auf 53…Te6 folgt 54.Dd7+ Kf6 55.h7! Tge8 56.h8D+! Txh8 57.g5+! Kxg5 58.Dg7+ +-.) 1:0.
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