Ein altes Übel
Von Markus Brandt
Meistertitel ohne garantierten Aufstieg sind in der bisher fünfgleisigen Fußballregionalliga mehr als nur ein sportliches Ärgernis. Hier zeigt sich eine strukturelle Schieflage. Das verdeutlichen an Westdeutschland gerichtete Spruchbänder der Fankurven des FC Carl Zeiss Jena, der SG Dynamo Dresden und des FSV Zwickau, vor allem aber die Aussagen westdeutscher Fußballfunktionäre in der Debatte über die Reform.
Denn wer die Auseinandersetzung um die Aufstiegsregelung genauer betrachtet, stellt schnell fest, dass sie einer weit über den Fußball hinausreichenden Logik folgt. Insbesondere im Hinblick auf die durch die Arbeitsgruppe Regionalligareform kürzlich vorgeschlagene Alternative zum Kompassmodell, das Regionenmodell, welches letztlich auf die Zerschlagung des »Ostfußballs« hinauslaufen würde. Bekanntermaßen wurde die DDR im Zuge der Konterrevolution 1989 nicht gleichberechtigt in neue Strukturen integriert, sondern vielmehr in ein westdeutsches System eingegliedert, in dem der bürgerliche Staat die Konkurrenzgesellschaft ordnet und die klassenmäßige Ungleichheit nicht nur verwaltet, sondern aktiv reproduziert. Mit der Abwicklung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt wurden diese Verhältnisse nicht nur übernommen, sondern aktiv zugunsten westdeutscher Kapitalinteressen neu geordnet. Der großflächige Ausverkauf ostdeutscher Betriebe, die Deindustrialisierung ganzer Regionen und die Eingliederung in bestehende westliche Marktstrukturen schufen eine ökonomische Abhängigkeit, deren Folgen sich über Jahrzehnte verfestigten – und sich, wie selbst die aktuelle Debatte um die Aufstiegsregelung zeigt, bis heute in institutionellen Ungleichgewichten widerspiegeln.
Im Fußball besteht bis heute eine grundlegende Asymmetrie; westdeutsche Verbände verfügen über gewachsene Strukturen, vielfach größere Ressourcen und nicht zuletzt über erheblichen Einfluss in den entscheidenden Gremien des DFB. Mittels dieser Kontrollmöglichkeiten vermochten sie die Zugänge zur eingleisigen dritte Liga für ihre Landesverbände weitestgehend abzusichern.
In der aktuellen Reformdebatte geht es vor allem um die Verteidigung westlicher Einflusssphären – konkret um die Hoheit über die Organisation des ostdeutschen Fußballs. Ostdeutsche Akteure beginnen, eigene Lösungen zu formulieren, das erregt Missfallen. Genau an diesem Punkt setzt das sogenannte Kompassmodell an, das insofern einen Bruch mit der bisherigen Logik darstellt, als es die Regionalligen nicht länger entlang starrer Verbandsgrenzen organisiert. Statt dessen schneidet es die Staffeln mittels künstlicher Intelligenz – unter Beachtung zahlreicher Faktoren wie Derbys und Anfahrtswege – flexibler und geographisch sinnvoll neu zu. Entscheidend ist dabei vor allem ein Aspekt: Alle Meister würden direkt aufsteigen. Dadurch würde das zentrale Problem beseitigt, welches insbesondere die Regionalliga Nordost seit Relegationseinführung benachteiligt: die Relegation trotz Titelgewinn.
Für die ostdeutschen Traditionsvereine würde dies einen spürbaren Fortschritt bedeuten, weil nach vielen Jahren bessere Wettbewerbsbedingungen hergestellt und sportliche Leistungen tatsächlich gleich bewertet werden würden. Darüber hinaus würde das Modell die institutionelle Macht der regionalen Landesverbände zumindest teilweise relativieren, da die Zugehörigkeit zu einer Staffel nicht länger politisch festgelegt wäre, sondern funktionaleren Kriterien folgen würde. Das ist der Grund für den Widerstand, der dem Modell aus Teilen der westlichen Verbände entgegengebracht wird: Wo Strukturen aufgebrochen werden, werden zwangsläufig auch Einflusszonen prekär.
Und gerade darin liegt die Ambivalenz des von Vereinen und Fans favorisierten Kompassmodells: Es kann bestehende Ungleichheiten abschwächen, aber sie nicht grundlegend überwinden. So sinnvoll die Reform im Rahmen der bestehenden Strukturen auch erscheinen mag, weil sie zumindest einen Schritt in Richtung größerer Fairness ermöglicht und den sportlichen Wettbewerb wieder stärker an Leistung orientiert, so wenig vermag sie die tieferliegenden Ursachen der Ungleichheit zu beseitigen. Die Unterschiede in finanziellen Mitteln, in der Infrastruktur und in den gewachsenen Einflussnetzwerken bleiben bestehen – und sie sind kein Zufall, sondern Ausdruck einer kapitalistischen Ordnung, in der sich die Klassenverhältnisse zwischen Ost und West seit 1989 zugunsten westdeutschen Kapitals verfestigt haben: strukturschwächere Regionen, niedrigere Löhne und Renten, anhaltende Abwanderung sowie Eigentumsverhältnisse, bei denen ein Großteil der Immobilien in ostdeutschen Städten und der ostdeutschen Betriebe in westdeutscher Hand ist. Diese Voraussetzungen prägen auch den Fußball und lassen sich durch eine gerechtere Aufstiegsregelung allein nicht aufheben. Das Kompassmodell zeigt die richtige Richtung an, aber nicht das Ziel.
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