Die Nervenstarke
Von Sören Bär
Das vom 29. März bis zum 15. April 2026 in Pegeia, Zypern, ausgetragene Schach-WM-Kandidatenturnier der Frauen verlief wesentlich ausgeglichener und spannender als der parallel durchgeführte Wettbewerb der Männer, der als One-Man-Show von Javohir Sindarov (Usbekistan) in die Schachhistorie eingehen wird. Vor der vierzehnten und letzten Runde durften sich nicht weniger als sechs der acht Spielerinnen noch Chancen auf den Turniersieg ausrechnen. Rameshbabu Vaishali (Indien) und Bibisara Assaubajewa (Kasachstan) teilten sich mit jeweils siebeneinhalb Punkten aus 13 Partien die Führung. Mit nur einem halben Zähler dahinter lauerte die Chinesin Zhu Jiner auf ihre Chance. Auch die beiden Russinnen Alexandra Gorjatschkina und Jekaterina Lagno sowie Anna Musytschuk (Ukraine), allesamt einen ganzen Punkt hinter der Spitze, konnten bei Niederlagen der beiden Führenden noch auf einen Stichkampf hoffen.
Vaishali und Lagno trafen im finalen Durchgang direkt aufeinander, wobei Lagno mit den schwarzen Steinen unbedingt einen Sieg benötigte, um zu ihrer Widersacherin aufzuschließen. Lagno entschied sich für die ultrascharfe Drachenvariante der Sizilianischen Verteidigung und opferte einen Bauern für Angriffschancen, doch dies war auch nach dem Geschmack ihrer Kontrahentin, wohlwissend, dass sie mit einem Sieg mindestens den Tiebreak erreichen würde. Vaishali fand sich in den komplizierten und rechenintensiven Positionen besser zurecht, gewann überzeugend nach 48 Zügen die Partie und mit 8,5 Punkten das Turnier.
Kospitzenreiterin Assaubajewa konnte ihren Anzugsvorteil gegen Divya Deshmukh (Indien) hingegen nicht in einen Gewinn ummünzen. Während des Turniers hatte sie ihre Romanze mit Sindarov offenbart, und die Vorstellung, dass das Schachprofipaar sich unisono für die WM-Matches qualifizieren und womöglich die Weltmeistertitel erringen würde, entzückte die sozialen Medien. Assaubajewas aggressive Spielweise zahlte sich jedoch nicht aus. Im Gegenteil, letztlich musste sie froh sein, aus einer nachteiligen Stellung noch ins Remis zu entkommen. Immerhin reichten ihre acht Punkte für den alleinigen zweiten Rang.
Mit jeweils 7,5 Zählern kamen Ratingfavoritin Zhu Jiner und Gorjatschkina gemeinsam auf den dritten Platz, wobei die Feinwertung den Ausschlag für Zhu gab. Während Zhu als Nachziehende ein Unentschieden gegen Musytschuk erreichte, gelang es Gorjatschkina, Exweltmeisterin Tan Zhongyi (China) zu schlagen. Musytschuk rutschte mit am Ende sieben Punkten auf Platz fünf ab, während das Turnier für Tan, die noch 2024 das Kandidatenturnier gewonnen und Champion Ju Wenjun herausgefordert hatte, desaströs endete: Mit lediglich 5,5 Zählern teilte sie mit Deshmuskh die Ränge sieben und acht, nach Wertung musste Tan allerdings die rote Laterne tragen.
Betrachtet man die Wertungszahlen der Spielerinnen vor Turnierbeginn, so ging Vaishali mit der niedrigsten Ratingzahl von 2.470 ins Rennen. Mit Ausnahme ihrer Landsfrau Deshmusk (2.497) hatten alle anderen Teilnehmerinnen Zahlen jenseits der 2.500 vorzuweisen. Gänzlich überraschend kommt der Sieg von Vaishali allerdings nicht, wies sie doch schon mehrfach nach, dass sie gerade in bedeutenden Turnieren hervorragende Leistungen erbringen kann und in kritischen Momenten Nervenstärke besitzt. Immerhin beendete sie 2023 und 2025 jeweils das ausgezeichnet besetzte Grand Swiss als Siegerin. Schon beim WM-Kandidatenturnier 2024 verpasste Vaishali die Qualifikation für das WM-Match als Zweitplazierte nur knapp, wobei sie mit einem Finish von fünf aufeinanderfolgenden Gewinnpartien glänzte. Mit ihrer großartigen Leistung gewann sie 26 ELO-Punkte, dennoch beträgt ihr Rückstand auf die Titelverteidigerin Ju Wenjun noch mehr als 60 Punkte.
Wie der legendäre Exweltmeister Viswanathan Anand kommen die 24jährige und ihr jüngerer Bruder Praggnanandhaa, der im Männerturnier mit lediglich sechs Zählern eine Enttäuschung erfuhr, aus der schachverrückten Stadt Chennai. Dies wird allgemein als gutes Omen gewertet. Vaishali darf sich beim WM-Match der Unterstützung von Legionen indischer Schachfans gewiss sein.
Vaishali Rameshbabu – Divya Deshmukh
WM-Kandidatenturnier, Runde 9, Pegeia (Zypern), 08.04.2026, Katalanisch (E01)
1.Sf3 d5 2.b3 (Vaishali, die sonst mit 1.e4 aufschlägt, wählt einen zurückhaltenden Aufbau, um eine Vorbereitung ihrer Landsfrau zu umgehen.) 2…Sf6 3.Lb2 e6 4.c4 Ld6 5.g3 O-O 6.Lg2 c6 7.O-O Sbd7 8.d4 (Damit erfolgt der Übergang in katalanische Strukturen.) a5 9.Sc3 Se4 10.Sxe4! N (Dieses Nehmen ist eine Neuerung und weit besser als 10.a4, was in einer Vorgängerpartie gespielt wurde.) 10…dxe4 11.Se5 (Auch 11.Sd2 und 11.Se1 kamen in Betracht.) 11…f5 12.f4!? (Statt 12.Dc1 verhindert Vaishali 12…f4 radikal.) 12…Sf6 (12…Sxe5 13.fxe5 Le7 14.g4 g6 hielt die Stellung geschlossen.) 13.e3 De8 14.h3 b5 15.Tf2 La6 16.Tc1 bxc4? (Ein positioneller Missgriff, vorzuziehen war 16…Lb7.) 17.bxc4 +/- Sd7? (Ein weiterer Fauxpas, Deshmukh musste 17…Tc8 spielen.) 18.Sxc6 Tc8 19.d5 Sc5 20.Dd4?! (Stärker war 20.La3 Tf6 21.g4!) 20…Tf6 21.Td2 Tg6 22.Kh2 Sd3?! (In bereits schwieriger Situation übersieht die Nachziehende ein Qualitätsopfer.) 23.Txd3! exd3 24.c5! +- Txc6 (Ein verzweifeltes Rückopfer, denn auf 24…Lf8 wird die Schwarze mit 25.d6! plattgewalzt.) 25.dxc6 Lc7 26.Dd7 Db8 27.Le5! Lxe5 28.Tb1! Df8 29.fxe5 h5 30.Dd6 Df7 31.Tb7! (Vaishali setzt einen schönen Schlusspunkt. Nach 31…Lxb7 32.cxb7 ist die Umwandlung des Bauern nicht mehr zu verhindern, wohingegen 31…De8 32.Tb8 Lc8 33.Dc7 d2 34.Txc8 d1D 35.Txe8+ Kh7 36.Df7 schnell zum Matt führt.) 1:0.
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