Zwanzigmal Weltmeister!
Von Sören Bär
Kurz vor Jahresende fanden in Doha (Katar) die Weltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach statt. Bei den Titelkämpfen im Schnellschach vom 26. bis 28. Dezember kam dabei eine Bedenkzeit von 15 Minuten plus zehn Sekunden Inkrement pro Zug (15+10) zur Anwendung. Im phantastisch besetzten offenen Turnier gewann der Weltranglistenerste Magnus Carlsen (Norwegen) mit beeindruckenden Finishqualitäten seinen bereits sechsten Rapidtitel.
Vor dem abschließenden dritten Tag war Carlsen durch eine sensationelle Schwarzniederlage gegen den Russen Wladislaw Artemjew in der neunten Runde (unsere kommentierte Partie) um einen halben Zähler hinter Hans Niemann (USA) und Artemjew, die mit jeweils 7,5 Punkten aus neun Partien führten, zurückgefallen. Doch während Artemjew alle verbleibenden vier Partien remisierte, katapultierte sich der Norweger mit einem stupenden Schlussspurt von 3,5 aus vier noch an seinen beiden Hauptkonkurrenten vorbei und beendete das Turnier mit einem ganzen Punkt Vorsprung. Den Grundstein dafür legte er mit drei aufeinanderfolgenden Siegen gegen den für Serbien spielenden Russen Alexei Sarana, Niemann und den erst 14jährigen Türken Yağız Kaan Erdoğmuş in den Durchgängen zehn bis zwölf. In der Schlussrunde genügte Carlsen ein schnelles Remis als Weißer gegen Anish Giri für Platz eins. Auf den Rängen zwei bis fünf folgten vier Akteure mit jeweils 9,5 Zählern. Aufgrund seiner superioren Feinwertung gewann Artemjew Silber vor Arjun Erigaisi (Indien). Niemann und der ebenfalls für die USA spielende Kubaner Leinier Domínguez mussten sich mit den Rängen vier und fünf begnügen.
Bei der Frauen-Schnellschach-WM teilten sich nach elf Runden mit je 8,5 die Chinesin Zhu Jiner, Aleksandra Gorjatschkina (Russland) und Koneru Humpy (Indien) die Plätze eins bis drei. Gemäß dem Reglement trugen mit Zhu Jiner und Gorjatschkina die beiden Spielerinnen mit der besseren Feinwertung ein Stechen im Blitzmodus aus. Die Russin entschied die erste Partie mit Weiß für sich und verbuchte mit einem Unentschieden in der zweiten Begegnung ihren ersten Titel als Schnellschach-Weltmeisterin.
Die offene Blitz-WM am 30./31. Dezember endete nach vielen dramatischen Duellen mit einem weiteren Titelgewinn für Carlsen. Nachdem zunächst 19 Runden im Schweizer System gespielt worden waren, duellierten sich die vier Besten im Halbfinale im Knockout-Modus. Dem zuweilen etwas fahrig wirkenden Carlsen gelang wiederum ein faszinierendes Comeback. Nach dem ersten Tag des Swiss-Turniers lag er einen ganzen Punkt zurück und startete in den Finaltag obendrein mit einer Niederlage gegen Haik Martirosjan (Armenien), als er mit noch vier Restsekunden versehentlich mehrere Figuren umwarf. Bevor er die Position komplett rekonstruieren konnte, drückte er die Uhr, um nicht durch Zeitüberschreitung zu verlieren, was jedoch laut Reglement die sofortige Niederlage nach sich zog. Dem frustrierten Carlsen gelang es mit einem starken Finish dennoch, sich mit 13,5 Punkten auf dem geteilten dritten Rang für das Halbfinale zu qualifizieren, wo er auf Fabiano Caruana (USA) traf und mit 3:1 siegte. Im anderen Semifinale dominierte Nodirbek Abdusattorow (Usbekistan) mit 2,5:0,5 gegen Arjun Erigaisi, der sich als Spitzenreiter mit ausgezeichneten 15 Punkten dafür qualifiziert hatte.
Im Finale gewann Abdusattorow die erste Partie als Nachziehender, ließ sich jedoch in der zweiten Begegnung in völlig ausgeglichener Position von Carlsen überlisten. Nach einem Remis in Partie drei trickste Carlsen den jungen Usbeken erneut in Remisstellung aus und siegte mit 2,5:1,5. Insgesamt verzeichnet der Norweger nunmehr 20 WM-Siege – fünf im klassischen Schach, sechs im Schnell- und neun im Blitzschach!
Bei den Frauen eroberte die 21jährige Bibisara Assaubajewa (Kasachstan) ihren dritten Blitz-Titel. Im Halbfinale besiegte sie Zhu Jiner und im Finale gegen Anna Muzytschuk (Ukraine), die zuvor die Niederländerin Eline Robers im Semifinale ausgeschaltet hatte. Ihre Performance brachte Assaubajewa zudem die Qualifikation für das WM-Kandidatenturnier der Frauen, welches vom 28. März bis 16. April 2026 in Pegia auf Zypern stattfinden wird.
Wladislaw Artemjew – Magnus Carlsen,
Schnellschach-WM, Runde 7, Doha, 27.12.2025, Halbslawisch – Anti-Meraner Variante [D45]
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 c6 5.e3 Sbd7 6.Dc2 (Mit 6.Ld3 beginnt die ausanalysierte Meraner Variante. Die Anti-Meraner Variante wurde ab 1991 von Exweltmeister Anatoli Karpow popularisiert.) 6…b6 (Die Hauptfortsetzung ist 6…Ld6.) 7.cxd5 exd5 8.Ld3 Le7 9.O-O Lb7 10.e4 dxe4 11.Sxe4 O-O 12.Se5 (12.Lf4 +/=) 12…Sxe5 13.dxe5 Sxe4 14.Lxe4 h6 15.e6?! (Damit gibt Weiß seinen Eröffnungsvorteil aus der Hand, der mit 15.Lf4 oder 15.Le3 zu behaupten war.) 15…Dc7? (Carlsen greift prompt fehl. Nach 15…fxe6 16.Lxh6! gxh6 17.Lxc6 Lxc6 18.Dg6+ Kh8 19.Dxh6+ Kh8 20.Dg6+ = hätte die Partie durch Dauerschach remis geendet.) 16.exf7+ Txf7 17.Ld5! +/- (Offenbar hatte Carlsen übersehen, dass der weiße Läufer von diesem eigentlich gedeckten Feld aus den Tf7 fesseln kann, weil seine Dame auf c7 ungedeckt ist.) 17…Tf8?! (17…cxd5?? scheitert natürlich an 18.Dxc7 +- .) 18.Lxh6! Ld6 (18…gxh6 verliert nach 19.Dg6+ Kh8 20.Lxf7 +- Haus und Hof.) 19.Lxf7+ Txf7 20.Dg6?! (Stärker war das simple 20.Lg5.) 20…Lxh2+ 21.Kh1 Le5 (Das Endspiel mit Mehrqualität nach 21…Dd6 22.Dh5 Dxh6 23.Dxh6 gxh6 24.Kxh2 +- ist für Weiß gewonnen.) 22.Tae1 c5 23.f4 Ld6 (23…Lxb2 24.Te8+ Tf8 25.Tfe1 Dc6 26.T1e6! Dxg2+ 27.Dxg2 Lxg2+ 28.Kxg2 gxh6 29.Txf8+ Kxf8 30.Txh6 +-) 24.Te8+?! (24.Td1 Lf8 25.Lg5 +-) 24…Lf8 25.Td1?! (Objektiv besser war 25.Lg5 +- .) 25…Tf6 26.Tdd8! (Ein schönes Damenopfer, mit dem Artemjew auf ein Mattfinale hofft.) 26…Lxg2+? (Das Danaergeschenk durfte Carlsen wegen des schönen Matts nach 26…Txg6? 27.Txf8+ Kh7 28.Th8# nicht annehmen. Doch das nach 26…Lc6! 27.Tfxf8+ Txf8 28.De6+ Df7 29.Txf8+ Kxf8 30.Dxc6 Ke7 31.a3 +/- entstehende Damenendspiel mit zwei weißen Freibauern am Königsflügel wäre nicht leicht zu gewinnen gewesen.) 27.Dxg2 Txh6+ 28.Kg1 Tf6 29.Dd5+ Kh7 (Nach 30.Txf8 Txf8 31.Txf8 +- hätte Weiß einfach einen Turm mehr und würde kurzzügig mattsetzen.) 1:0.
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