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21.05.2026
- → Feuilleton
Gestörte Kommunikation
Dietrich Brüggemanns filmisches No-Budget-Kammerspiel »Home Entertainment«
Während Florian (Joseph Bundschuh) im Auto auf seine Freundin Marie (Nadine Dubois) wartet, die im Supermarkt für ein gemeinsames Essen mit Freunden einkauft, telefoniert er mit ihr. Doch die Verbindung im Parkhaus ist gestört und bricht immer wieder ab. Auch der Wechsel zum Austausch via Sprachnachrichten macht die Sache nicht einfacher. Denn die eingeladene Julia (Karoline Teska) leidet unter einer Nahrungsmittelunverträglichkeit, was den Kochplan kompliziert und zu Änderungen und Anpassungen zwingt. Auch Florian ist bemüht, in der abgehackten Kommunikation mit Marie Rücksicht zu nehmen und möglichst nichts falsch zu machen. In einem Akt zensierender Selbstkontrolle löscht und variiert er mehrmals seine Sprachnachrichten und wirkt dabei zunehmend genervt. Der Möglichkeitsspielraum, den die moderne Kommunikationstechnologie eröffnet, führt offensichtlich zu verschleppten Entscheidungsprozessen und zu Empfindlichkeiten, die ein spontanes, echtes und definitives Handeln verhindern.
Als Julia wegen Unpässlichkeit den Besuch überraschend absagt, beschließen die beiden Protagonisten kurzerhand, den Abend mit einem guten Film und mit Essen vom Lieferservice auf dem Sofa zu verbringen. In Dietrich Brüggemanns mit Freunden gedrehtem No-Budget-Kammerspiel »Home Entertainment« beginnt nun nicht nur die Qual der Wahl beim »richtigen« Menü, sondern auch eine ausufernde Suche nach einem guten, möglichst aber »schönen« Film. Mit Smartphones und Fernbedienung zappen sie sich durch das Überangebot von Streamingdiensten, konsultieren zahlreiche Inhaltsangaben und Tipps von Freunden, landen schließlich beim Content der eigenen externen Festplatte respektive DVD-Sammlung und wissen, gestresst von technischen Pannen, unterschiedlichen Vorlieben und mangelnder Entscheidungsfähigkeit, irgendwann nicht mehr, was sie wollen. Während derweil der Essenskurier in falscher Richtung unterwegs ist, wachsen sich bei Florian und Marie Unlust und Unzufriedenheit zur Beziehungskrise aus.
Genau und mit feinem psychologischen Gespür beobachtet Brüggemann den ebenso normalen wie banalen Beziehungsfrust eines Großstadtpaars. Die reduzierten filmischen Mittel sowie die Konzentration auf Dialog und Schauspiel führen zwar zu einer TV-Optik, verdichten aber zugleich das paradoxe Motiv der gestörten Kommunikation im digitalen Zeitalter. Wie die Entscheidungsfindung ist diese ständig verhindert und aufgeschoben, bis die wahren und mühsam unterdrückten Gefühle dann doch die unechten, den Selbstverlust zuspitzenden Oberflächenreize einer deprimierenden Netzkultur durchbrechen. Der schwache Trost dazu tönt auf Englisch aus der Dauerschleife eines Serien-Trailers und lautet sinngemäß: »In einer sterbenden Welt ist alles, was wir haben, Hoffnung.«
→ »Home Entertainment«, Regie: Dietrich Brüggemann, Deutschland 2025, 84 Min., Kinostart: heute
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