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Aus: Ausgabe vom 12.11.2020, Seite 12 / Thema
Kinderarmut

Pandemie und Profit

Kinderrechte und Kinderarmut im Coronakapitalismus
Von Michael Klundt
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Daran sollte immer wieder mal erinnert werden: Es reicht für uns alle. Demonstration gegen Kinderarmut am Neptunbrunnen in Berlin, 19. September 2020

In den vergangenen 30 Jahren konnte die durch Hunger und Bagatellkrankheiten wie Durchfall verursachte Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren nach UN-Angaben von 12,5 Millionen (1990) auf 5,2 Millionen weltweit gesenkt werden. Wie die Vorstandsvorsitzende von »Save the Children« Deutschland, Susanna Krüger, hervorhebt, droht sich diese Entwicklung durch Covid-19 (und die Maßnahmen dagegen) umzukehren. »Eine Studie von UNICEF und Save the Children zeigt, dass 2020 zusätzliche 150 Millionen Kinder in extreme Armut gedrängt werden. Prognosen warnen gar, dass innerhalb von nur sechs Monaten bis zu 1,2 Millionen Kinder in Niedrig- und Mitteleinkommensländern sterben könnten. Weil durch die Pandemie die Nahrungs- und Gesundheitsversorgung kollabiert. (…) Besonders verheerend ist die Lage in Regionen, die durch Gewalt und Bürgerkrieg vorher schon instabil waren. So sind in der Sahelzone 50 Millionen Menschen akut gefährdet. Auch hier gilt: Es trifft vor allem die Kinder.« (Frankfurter Rundschau, 3.11.2020).

Laut der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Oxfam vom September 2020 seien »weltweit während der Pandemie etwa 400 Millionen Jobs verlorengegangen, (…) und bis zu einer halben Milliarde Menschen (könnten) in die Armut rutschen« (Frankfurter Rundschau, 11.9.2020). Doch zugleich, so das Entwicklungshilfswerk, »verdienten 32 der profitabelsten Unternehmen der Welt im Gesamtjahr 2020 trotz der Coronakrise Schätzungen zufolge insgesamt 109 Milliarden US-Dollar mehr als 2019.«¹ Daher erstaunt es gar nicht mehr, dass der weltweite »Klub der Millionäre« wächst, die Reichen weltweit hinzugewinnen, und auch in Deutschland das oberste Prozent alleine ein Drittel und das oberste Zehntel insgesamt zwei Drittel aller Vermögen sein Eigentum nennen darf, ohne dafür nennenswerte Erbschafts- oder gar Vermögensteuern abführen zu müssen.

Krisenerscheinungen

In einer Kurzinformation der Vereinten Nationen von Mitte April 2020 wurde die Befürchtung geäußert, dass Kinder zwar nicht das »Gesicht« der Coronapandemie seien, aber womöglich zu deren größten Opfern zählten. Weltweit wurden demnach seit Mitte 2020 mehr als 1,5 Milliarden schulpflichtige Kinder und Jugendliche aus Schulen und Bildungseinrichtungen ausgesperrt. Damit verbunden hatten im Frühjahr 2020 weltweit etwa 370 Millionen Kinder durch die Schließungen und Kontaktsperren auch keine Schulspeisungen mehr erhalten.² Zugleich sind lebensrettende Impfkampagnen gegen Masern und Kinderlähmung für 117 Millionen Kinder – unter anderem in Afghanistan und Pakistan – vorerst gestoppt worden.³ Fast ein Drittel aller betroffenen Schulkinder (463 Millionen) hat darüber hinaus in der ganzen bisherigen Lockdown-Zeit überhaupt keinen Ersatzunterricht erhalten.⁴

Dies wird noch untermauert durch einen Bericht von UNESCO, UNICEF und der Weltbank vom 29. Oktober 2020, wonach Schulkinder in Ländern mit geringem und niedrigem mittleren Einkommen seit Beginn der Pandemie rund vier Monate Unterricht verpasst haben, während Schülerinnen und Schüler in reicheren Ländern immerhin noch sechs Wochen Unterricht verpasst haben. Wie UNICEF in einer Presseerklärung erwähnt, wurden für den Bericht zwischen Juni und Oktober 2020 die Bildungsministerien von fast 150 Ländern nach ihrem Umgang mit der SARS-CoV-2-Pandemie befragt. »Die Ergebnisse zeigen, dass Schulkinder in Ländern mit geringem und niedrigem mittleren Einkommen am wenigsten Zugang zu alternativen Lernmöglichkeiten haben und in diesen Ländern am seltensten dokumentiert wurde, wie viel Unterricht die Kinder verpasst haben. Zudem kam es dort häufiger zu Verzögerungen bei der Wiedereröffnung von Schulen. Gleichzeitig fehlten vielen Schulen die Mittel für Maßnahmen zum Gesundheitsschutz.«⁵

Dass Corona und die Maßnahmen dagegen nicht auf alle Alters- und Sozialgruppen gleich wirkten und wirken, scheint inzwischen zur Binsenweisheit zu gehören. Gerade für Kinder und vor allem für Minderjährige in Armut bedeuteten Corona und der Lockdown enorme Einschränkungen ihrer zivilen, sozialen und kulturellen Rechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung – besonders in den Bereichen Kindeswohl, Gesundheit, Bildung. Entsprechend musste auch in Deutschland der Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages, Matthias Seestern-Pauly (FDP), in einem Interview mit der Zeit vom 16. Juli 2020 die Nichtbeachtung der UN-Kinderrechtskonvention während der Coronakrise klar und deutlich rügen: »Die Belange der Kinder in der Coronakrise sind nicht ausreichend wahrgenommen worden – darüber sind wir uns in der Kommission einig. Darum haben wir in einer Erklärung angemahnt, dass die in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechte und die Bedürfnisse der Kinder auch in der Coronakrise nicht aus dem Blick geraten dürfen.«

Denn es war nicht zu übersehen, dass die Entscheidungen der Bundesregierung während der Pandemie das Kindeswohl nicht vorrangig berücksichtigt haben. Zentrale Schutzrechte sind unbeachtet geblieben. Besonders davon betroffen waren und sind Kinder in Armut und in prekären Lebensbedingungen (so z. B. zirka drei Millionen Kinder im Rechtskreis des Bildungs- und Teilhabepakets, denen von heute auf morgen das kostenlose Mittagessen in Kitas oder Schulen oder die kostenlose Mahlzeit im Kinder- und Jugendclub ohne Kompensation gestrichen wurde). Elementare Schutz-, Fürsorge- und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen sind in der Coronakrise in Deutschland verletzt worden (so wurden Kinder, Jugendliche, Schülervertretungen, Jugendverbände und Kinderrechtsorganisationen überwiegend nicht gefragt oder auch nur in Kenntnis gesetzt darüber, was man mit ihnen und ihren schulischen sowie außerschulischen Betreuungs-, Bildungs- und Betätigungs-Einrichtungen vorhatte). Außerdem haben die Maßnahmen zur Verstärkung von Kinderarmut beigetragen.

Indessen sind die psychosozialen Folgen der Krise (und der ergriffenen Maßnahmen) laut »Copsy«-Studie (Corona und Psyche) des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) nicht übersehbar. Vor der Pandemie fühlte sich ein Drittel aller befragten Kinder und Jugendlichen »psychisch stark belastet«, seit der Coronakrise sind es 71 Prozent. »27 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 37 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass es mehr Streit in der Familie gab« (FR vom 11./12.7.2020). Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Ulrike Ravens-Sieberer vom UKE kommentierte die enorme Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens: »Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht.«

In einem neuen »Factsheet« der Bertelsmann-Stiftung zu »Kinderarmut in Deutschland« von 2020 wurde ein weiteres Mal nachgewiesen, dass sich die Kinderarmut gerade mit der Coronakrise noch einmal verschärft hat. So wachse mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut auf, was immerhin 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betrifft. Die Kinder- und Jugendarmut verharre seit Jahren auf diesem hohen Niveau. Trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklung seien die Zahlen kaum zurückgegangen. Kinderarmut sei seit Jahren ein ungelöstes strukturelles Problem in Deutschland. »Die Coronakrise wird die Situation für arme Kinder und ihre Familien weiter verschärfen. Es ist mit einem deutlichen Anstieg der Armutszahlen zu rechnen. Aufwachsen in Armut begrenzt, beschämt und bestimmt das Leben von Kindern und Jugendlichen – heute und mit Blick auf ihre Zukunft. Das hat auch für die Gesellschaft erhebliche negative Folgen.«⁶ Die Vermeidung von Kinderarmut müsse gerade jetzt politisch Priorität haben. Sie erfordere neue sozial- und familienpolitische Konzepte, wozu Strukturen für eine konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen und eine Absicherung ihrer finanziellen Bedarfe gehöre.

Brandbeschleuniger Neoliberalismus

Bei vielen Äußerungen aus Politik, Wissenschaft und Medien zeigt sich jedoch, dass immer noch überwiegend Ursachen und Auslöser von (Kinder-)Armut und der (Maßnahmen gegen die) Coronapandemie durcheinandergebracht werden. So erscheinen oft Armutsbeschleuniger, wie Scheidung, Alleinerziehendenstatus, Migrationshintergrund oder sogar Arbeitslosigkeit in verschiedensten Darstellungen als Problemursachen. Sie lassen dadurch die wirklich zugrundeliegenden Wurzeln im vorhandenen Wirtschafts- und Sozialsystem ausgeblendet. Dabei kann eine sozial gerechte Familien- und Sozialpolitik und eine gute Bildungs-, Betreuungs- und Arbeitsmarktpolitik auch für Kinder von arbeitslosen, alleinerziehenden oder migrantischen Eltern ein armutsfreies Leben ermöglichen. Mit Abstrichen könnte dies selbst für die Coronapandemie gelten, die weniger Ursache, als vielmehr Auslöser verschärfter Verarmung landes- und weltweit ist. Auch hier sollte die Pandemie nicht zu vorschnell allein verantwortlich gemacht werden, sondern die darunter liegenden sozioökonomischen sowie bildungs- und gesundheitssystemischen Ursachen sind zu beachten. Genauso problematisch wie die einseitige Kennzeichnung von Kindern als »Armutsrisiko« oder gar »Armutsursache«, hat sich in der Coronakrise die weitgehend wissenschaftlich unbewiesene Beschreibung und Behandlung von Kindern als »Virenschleudern« erwiesen.

Wie auch der Philosophieprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität, Martin Hartmann, in der Frankfurter Rundschau vom 27. Oktober 2020 betont, sollte nicht vergessen werden, »dass der coronabedingte Lockdown im Frühjahr zu Lasten der Familien und damit vor allem der Frauen ging«. Soviel scheint zumindest den meisten klar zu sein. Allerdings macht Hartmann auch darauf aufmerksam, dass der inzwischen von Wirtschaftskrise zu Wirtschaftskrise immer wieder für gestorben und erledigt geglaubte Neoliberalismus sowohl ideologisch als auch materiell wesentlich stärker zu sein scheint ist, als viele meinen. Der Irrtum, dass Neoliberalismus angeblich nichts mit sich verschuldendem, starkem, autoritärem Staat und Konservatismus zu tun habe, ist ein Mythos, demzufolge es dem Neoliberalismus angeblich ausschließlich um die individuelle Freiheit gehe, und dürfte zugleich eine seiner Erfolgsbedingungen sein. Wie Hartmann schreibt, dürfte der Neoliberalismus auch heute noch »deutlich resilienter sein, als manche seiner Gegner glauben und manche seiner Anhänger uns glauben machen wollen«.

Der Professor für Politikwissenschaft am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Wolfgang Merkel, erläutert in einem Interview mit der Zeit vom 15. Oktober 2020, wie die Epidemiologie mit Hochrechnungen über den Pandemieverlauf arbeite, die sie in verschiedene Szenarien von harmlos bis besonders schlimm einteile. »Die Politik wiederum«, so Merkel, »orientiert sich dann vor allem an den Worst Cases, den schlimmsten Szenarien, weil sie diese ja unbedingt verhindern muss, der humanitären Sache wegen – und um nicht abgewählt zu werden. Deshalb ist den Regierungen auch nicht der Virologe Hendrik Streeck, der eher für moderate Eingriffe ist, die wissenschaftliche Referenz, sondern der pessimistischere Christian Drosten. Mit dessen Sichtweise lassen sich harte Eingriffe viel besser begründen. Aus dieser Spirale ergibt sich eine Übervorsicht, eine Tendenz, die Freiheit lieber einmal zu viel einzuschränken aus Angst, die Sicherheit sonst zu gefährden«. Über die dabei voranschreitende Exekutivorientierung durch Verordnungen und Entmachtung des Parlamentsvorbehalts hat inzwischen sogar der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier einige kritische Bemerkungen fallengelassen. In der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. Oktober sagte er: »Auch wer die Gesundheit der Bevölkerung schützen will, darf nicht beliebig in die Grundrechte eingreifen«. Die Politik müsse die Maßstäbe ihres Handelns offenlegen, einen naturwissenschaftlichen Automatismus gebe es nicht, das Parlament solle aus dem Dämmerschlaf erwachen, und die Schieflagen in der politischen Debatte um das Coronavirus seien zu kritisieren.

Schockstrategie

Auch die gegenwärtigen Regierungsmaßnahmen verbleiben trotz aller Investitionspakete weiterhin im Rahmen einer neoliberalen Organisation sozialer Ungleichheit zugunsten weniger und zuungunsten sehr vieler Menschen. Wenn die Bundesregierung und die Landesregierungen zum Beispiel nach mehr als acht Monaten die Bedingungen in Kitas, Schulen (Lüftungsmängel sowie täglich volle Schulbusse, während Reisebusse ungenutzt herumstehen) und außerschulischen Bildungseinrichtungen (zum Beispiel der freien offenen Jugendarbeit), in Krankenhäusern und Pflegeheimen, im öffentlichen Personenverkehr und in der Fleischindustrie nicht wirksam verbessern, aber zugleich tagtäglich alleine an die private Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger appellieren, um die Coronakrise zu bewältigen, so wird fortsetzend nach dem neoliberalen Prinzip der Privatisierung aller sozialer und gesundheitlicher Risiken geredet, gehandelt und verordnet.

Als ob es die Thesen aus Naomi Kleins im Jahr 2007 erschienenen Buch »Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus« noch einmal untermauern wollte, entwickelte unterdessen das Bundesinnenministerium (BMI) in einem geheimen Konzeptpapier die Strategie vom Frühjahr 2020, die Regierungsmaßnahmen gegen die Coronapandemie durch Schock und Angst in der Bevölkerung und besonders unter den Kindern zu verankern. Bei diesem BMI-Papier sollten insbesondere Kinder eine regelrechte Erziehung zur Angst vor qualvollem Großelterntod und damit verbundenen Formen von Schuldangst, Depressionen und Traumatisierungsfolgen erhalten. Wörtlich hieß es: »Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen (…) verdeutlicht werden: Wenn sie (die Kinder; M. K.) dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, (…) ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.«⁷ Zur Verständlichmachung der Regierungsmaßnahmen sollte dies den Kindern und ihren Eltern offenbar eingeredet werden. Naomi Klein hat eine solche sowohl militärisch als auch wirtschaftspolitisch angewandte Schockstrategie als Herrschaftsmethode im neoliberalen Kapitalismus begriffen, wodurch mit jeder neuen Katastrophe herrschende Klassen in Wirtschaft und Politik die Welt neu unter sich aufteilen können, während die mehrheitlich betroffenen Bevölkerungen sich meist – wie gelähmt – noch in buchstäblicher Schockstarre befinden. Erstaunlicherweise äußerte sich auch der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) während der Pandemie in ähnlicher Form, als er in der Neuen Westfälischen vom 20. Oktober sagte: »Die Coronakrise ist eine große Chance. Der Widerstand gegen Veränderung wird in der Krise geringer«.

Allein der Verdacht, diese Vorgehensweise könnte womöglich auch gegenwärtig tragendes Motiv für manche politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und mediale Maßnahmen sein, trüge dem Verfasser solcher Zeilen wahrscheinlich unverzüglich den Stempel »Verschwörungstheoretiker« oder Schlimmeres von seiten verschiedenster regierungsfrommer Fraktionen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien ein. Nein, das würde ja unterstellen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Herrschaft, kapitalistischer gar, und daher auch von Herrschaftsinteressen geprägt wäre. Was aber, wenn es zwar die Pandemie wirklich gibt, aber trotzdem wirkliche Akteure und Interessensgruppen mit ihren selbstverständlichen ökonomischen Gewinninteressen damit zu arbeiten gedenken? Doch das setzte ja fast voraus, dass zum Beispiel im Gesundheits- und Pharmasektor mitunter noch andere Interessen leitend wären als die des Gemeinwohls. Das darf nicht sein; somit gestehen wir gemeinsam mit Christian Drosten, dass es zu Corona unter Kennern nur eine Meinung geben kann, nämlich seine. Im Magazin Klartext 2020 der Klaus-Tschira-Stiftung wurde Christian Drosten der »Sonderpreis für Wissenschaftskommunikation« vergeben. Im anschließenden Interview bedauert der Virologe, dass in der Öffentlichkeit »die falsche Wahrnehmung (existiere), die Virologinnen und Virologen seien sich nicht einig. Aber das stimmt nicht: Die Virologen, die sich mit dem Thema auskennen, sind sich einig«. Mit dieser Aussage macht Drosten einmal mehr deutlich, dass alle, die seine Erkenntnisse und Positionen nicht teilen, also nicht mit ihm »einig« seien, schlicht nichts von der Sache verstünden.

Man kann als Wissenschaftler dieser Ansicht sein und sich zugleich freuen, dass jedes eigene Wort sofortige Konsequenzen bei der Bundeskanzlerin, dem Bundesgesundheitsminister und ihrem offenbar neuen Verfassungsorgan, der »Ministerpräsidentenkonferenz«, sowie allen öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern hervorruft. Aber wissenschafts- und gesellschaftspolitisch sowie demokratietheoretisch ist das zumindest problematisch. Diese Positionierung gegen wissenschaftlichen Pluralismus und eigentlich lebensnotwendige Kontroversität in der Scientific Community auch noch mit einem Preis für »Wissenschaftskommunikation« auszuzeichnen, erscheint wenigstens fraglich, wenn nicht sogar ziemlich autoritär. Davon unbeeindruckt, bejubelt das Magazin Klartext 2020 einen Satz aus dem Stern, der den Virologen besonders würdigt: »Drosten hat geschafft, was bislang noch niemandem gelungen ist – wir hören auf einen Wissenschaftler!« Die darin steckende problematische Implikation, dass wir nämlich in der Tat zeitweise in den meinungsbildenden Medien wirklich buchstäblich nur einen einzigen Wissenschaftler zu hören und zu sehen bekamen – während Tausende von Wissenschaftlern und Experten, Medizinern, Psychologen, Sozialwissenschaftlern, Statistikern, Politologen, Pädagogen, Kindheitswissenschaftlern, Erziehern usw. womöglich ebenfalls etwas zur Coronakrisenbewältigung beizutragen gehabt hätten –, machen sich die Wissenschaftsjournalisten dabei nicht bewusst. Es tröstet auch wenig festzustellen, dass öffentlichkeitswirksam zumindest zeitweise in Fragen der Virologie sowie des gesamten Lebens während der Coronakrise Drosten allenfalls noch von dem Tiermediziner und Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, und dem Bankkaufmann Jens Spahn sekundiert wurde.

Gegenstrategien

Deshalb muss, wer für wissenschaftliche, politische und mediale Pluralität und Kontroversität in der gegenwärtigen Pandemiedebatte eintritt, noch lange nicht Corona für einen etwas kräftigeren Schnupfen halten. Die Hauptkritik an der Bundesregierung aus kindheitswissenschaftlicher Sicht sollte indes weniger auf die Maskenpflicht zielen, sondern vielmehr auf die Verobjektivierung von Kindern, das Versäumnis einer bundesgesetzlich verpflichtenden vorrangigen Kindeswohlprüfung, die Verweigerung von Kinderrechten wie Partizipation, Bildung und Gesundheit sowie die Verstärkung von Armutsrisiken ohne Kompensation. Insofern sind die Regierungsmaßnahmen auch nicht als »Coronadiktatur« oder gar »faschistische Diktatur« anzusehen, wie manche »Querdenker« meinen, sondern vielmehr als Ausdruck eines sozial gespaltenen und autoritärer werdenden Kapitalismus, wobei die Pandemie recht deutlich macht, wer in der Gesellschaft lebenswichtige Tätigkeiten erfüllt, und zwar unter äußerst schäbigen Bedingungen.

Neben einer gründlichen und kritischen Analyse des hegemonialen Diskurses in Medien, Politik und Wissenschaft, sollten an Kinderperspektiven anknüpfende Alternativen und Gegenstrategien Konzepte der Armutsbekämpfung, der Partizipation junger Menschen und der Förderung sozialer Infrastruktur vereinen, die den gesellschaftspolitischen Kontext nicht aus den Augen verlieren. Dazu gehören drei zentrale Forderungen, die während und nach der Krise unentbehrlich sind. Als erstes Maßnahmen gegen Armut und zur sozialen Absicherung der Kinder und Familien. Zweitens müssen die kinderrechtlichen Prinzipien des Kindeswohlvorrangs, des Schutzes, der Förderung und vor allem der Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Jugendverbänden (wieder) aufgebaut bzw. umgesetzt werden. Damit verbunden wären drittens Maßnahmen für einen (pandemiegerechten) Ausbau der sozialen Infrastruktur im Wohnumfeld, vor allem mittels Jugendhilfe und offener Arbeit. Im Bereich des Sozialen und der öffentlichen Infrastruktur darf somit nicht gespart bzw. gekürzt werden. Entscheidend werden die Kräfteverhältnisse zwischen gemeinwohlorientierten Soli­darinteressen und gewinnorientierten Partikularinteressen nach der Krise sein. Bei steigendem privaten Reichtum darf sich ein sozialer Rechtsstaat nicht arm machen (lassen), wenn er Armut wirksam bekämpfen will, sondern muss auch den gestiegenen Reichtum solidarisch umverteilen. Diese notwendig erscheinende Perspektive hat sich theoretisch-praktisch mit Interessen, mit Macht und mit Herrschaft auseinanderzusetzen, also auch mit den Profiteuren der vorhandenen Ordnung. Daher erweist sich Antikapitalismus als buchstäblich alternativlos für einen auch nur halbwegs demokratischen und sozialen Rechtsstaat, wie ihn das Grundgesetz vorschreibt.

Anmerkungen

1 Oxfam: Power, Profits and the Pandemic. From corporate extraction for the few to an economy that works for all. London 2020, S. 3. Unter: https://www.oxfam.de/system/files/documents/bp-power-profits-pandemic-100920-en-embargoed.pdf

2 UNICEF: Covid-19: 370 Millionen Kinder haben keine Schulspeisung mehr, Pressemitteilung v. 29.4.2020, Rom/New York/Köln

3 UNICEF: Eine globale Katastrophe für Kinder verhindern. Pressemitteilung v. 5.5.2020, Berlin/Köln

4 UNICEF: Covid-19: Bildungskrise durch Covid-19 bedingte Schulschließungen. Jedes dritte Schulkind hatte keinen Zugang zu Fernunterricht. Pressemitteilung v. 27.8.2020, New York/Köln

5 UNICEF: Covid-19: Kinder in den ärmsten Ländern haben rund vier Monate Unterricht verpasst. Pressemitteilung v. 29.10.2020, New York/Köln

6 Bertelsmann Stiftung (Hg.): Factsheet Kinderarmut in Deutschland. (Antje Funcke/Sarah Menne). Gütersloh 2020. Unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/291_2020_BST_Facsheet_Kinderarmut_SGB-II_Daten__ID967.pdf

7 Bundesministerium des Innern: VS – Wie wir covid 19 unter Kontrolle bekommen. Unter: https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/

Michael Klundt lehrt als Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 29. Februar 2020 darüber, wie die bürgerliche Soziologie das Problem der sozialen Ungleichheit behandelt.

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Debatte

  • Beitrag von Christoph V. aus B. (12. November 2020 um 12:34 Uhr)
    Besten Dank, vieles wird beleuchtet, was ansonsten gerne ausgeblendet bleibt. Unterbelichtet hingegen bleibt m. E. neoliberale Politik in der Hinsicht, dass es entgegen eigenen Gutachten keine Pandemiepläne gegeben hat. Dass mit höhnischen Bemerkungen Richtung Asien im Frühjahr wochenlang alles gut neoliberal laufengelassen wurde. Die neoliberalen/rechtslibertären Eliten plädierten weltweit für staatliches Nichthandeln, Herr Dibelius wurde da im Handelsblatt sehr deutlich. Die Hardcorevariante der Schockstrategie ist natürlich das »kreative« Laufen- und Versorgungssysteme Zusammenbrechenlassen. Siehe Ayn Rand Institute und andere: Eigentum als der beste und einzig legitime »Schutz«. Wie wäre die Politik der USA, Brasiliens etc. einzuordnen?

    Vielleicht sollte man nicht völlig analog zu rechtslibertärer Ideologie ausschließlich den »autoritären« Staat im Blick haben (und von »der« Freiheit reden), sondern Kapitalinteressen durchdeklinieren. Gesundheitsschutz gehört jedenfalls nicht dazu. Alte und Kranke sind Kostenfaktoren etc. Dass aktuell jede Politik im Klassenstaat neoliberal durchgestylt ist und eine neoliberale Grundströmung hat, steht außer Frage. Dies verdeutlicht zu haben, ist das Verdienst des Artikels ...

    Christoph Vohland, Bonn
  • Beitrag von Franz S. aus R. (12. November 2020 um 16:21 Uhr)
    Die »soziale Frage« gegen Anticoronamaßnahmen auszuspielen ist eine beliebte Methode besonders schlauer Coronaverharmloser. Auf diesem Niveau bleibt leider auch dieser Artikel. Darüber können auch die zahlreichen Antineoliberalismusphrasen nicht hinwegtäuschen.

    Wenn es stimmt, dass die Pandemie die Kinderarmut verstärkt, wäre es doch am besten, mit konsequenten Maßnahmen Corona zu bekämpfen, so wie z. B. China oder Süd- und Nordkorea es getan haben (Zahl der Infizierten in Nordkorea: null).

    Was aber empfiehlt der Professor für Kinderpolitik (was es nicht alles gibt)? Genau wie die sogenannten Querdenker attackiert er Christian Drosten und das RKI (damit befindet er sich in zweifelhafter Gesellschaft, fehlte nur noch der Hinweis auf Bill Gates) und fordert eine »wissenschaftliche, politische und mediale Pluralität und Kontroversität in der gegenwärtigen Pandemiedebatte«. So als befänden wir uns in einer Coronadiktatur.

    Nur Verrückte können die Gefährlichkeit von Corona »kontrovers« diskutieren. Sollen wir etwa statt auf Christian Drosten lieber auf »Experten« hören, die bereit sind, über Leichen zu gehen?
    • Beitrag von Christoph V. aus B. (12. November 2020 um 18:01 Uhr)
      Da haben sie schon recht. Was Klundts zentrale Message bei aller eklatanten Widersprüchlichkeit seines Textes ist: dass der real existierende Kapitalismus den Schutz des Lebens von Tausenden und das Verhindern von langfristigen gesundheitlichen Schäden nicht sinnvoll erscheinen lässt. Um nicht als gut sozialdarwinistisch dazustehen wie diverse Querdenker, werden querbeet alle möglichen Schäden angeführt, die mit einem konsequenten Gesundheitsschutz nicht kollidieren müssten. Eine Politik, die von einem plausiblen Worst-Case-Szenario ausgeht, ist nicht verantwortungslos. Von einem sozialistischen Staat würden wir genau das erwarten. Das hat man aber nicht (!) getan. Von Eindämmen des Virus war anders als in Neuseeland z. B. nie die Rede. Nicht ausufern lassen war die Devise, keine Bilder wie in Italien. Richtig, Klundt ist das noch zuviel ... und dann das Gefasel von Grundrechten ...

      Danke für Ihre deutlichen Formulierungen.

      C. Vohland, Bonn

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